Kultur : Holocaust-Kontroverse: Vorwärts in die fünfziger Jahre

Peter Steinbach

Also mal wieder eine geschichtspolitische Debatte. Wie beim Historikerstreit, wie in der Goldhagen-Debatte, wie beim Streit um den Hitler-Attentäter Johann Georg Elser scheint es um das deutsche Selbstverständnis zu gehen. Die Medien verstärken den Streit. Einige wie Michael Brenner (Tagesspiegel vom 5.2. 2001) warnen davor, sich in die Diskussion einzuschalten (was er mit dieser Warnung längst getan hat). Andere werden ihre Vorurteile artikulieren, und mit Sicherheit wird das Stammtischgerede in die Feuilletons und die Leserbriefe hineinschwemmen. Denn mehr als die Kontrahenten der erwähnten Debatten bedient Finkelstein gerade jene Stimmungen, die sich sonst nur schwer artikulieren, weil ihnen mediale Resonanz fehlt. Finkelstein wird ihr Verstärker sein und Ansichten Widerhall verschaffen, die vor Jahren einfach degoutant waren.

Ein Verschwörungstheoretiker

Dafür gibt es viele Gründe: Israels Palästina-Politik, das Verhalten israelischer Soldaten im Libanon, die Ankündigung von Sammelklagen, das Unbehagen über das geplante Denkmal zur Erinnerung an der Ausrottung der europäischen Juden. Hinzu kommt die Neigung, in der Verletzung von Normen, die als Ausdruck der political correctness ins Zwielicht gerückt werden, eine Artikulation geistiger Unabhängigkeit zu sehen. "Man wird doch noch einmal fragen dürfen?" Mit diesem Satz lassen sich Opferzahlen und sogar der Massenmord in Vernichtungslagern in Zweifel ziehen, damit lässt sich der Alleingänger Elser zum leichtfertig handelnden Mörder an Schuldlosen machen. So werden sich die zeitgeschichtlichen Zweifler auf Finkelstein berufen. Sie werden die Freiheit der Diskussion beschwören - und doch nur deutlich machen, dass die deutsche Gesellschaft jenes historische Selbstverständnis verlassen hat, das sich in den fünfziger und sechziger Jahren in Verjährungsdebatten, in der Konfrontation mit den NS-Prozessen und Theaterstücken wie Hochhuths "Stellvertreter" oder der "Ermittlung" von Peter Weiss gebildet hatte.

Der Stimmungswandel ist offensichtlich. Man denke etwa daran, dass vor einigen Jahren die Karriere eines bayerischen Bundestagsabgeordneter fast an seinem Satz gescheitert wäre, wenn das Geld in der Kasse klingele, sei auch der Jude nicht weit. Man erinnere sich daran, dass in Helmstedt ein Realschullehrer vorzeitig in den Ruhestand geschickt wurde, weil er sich an der Diskussion über angeblich weit überhöhte Ermordetenzahlen beteiligte. Leichtfertig über die Zahl der NS-Opfer zu diskutieren, überschritt einfach die Grenzen des politischen Anstands.

Finkelsteins Beitrag bezieht sich auf eine inneramerikanische Debatte. Mit der Übersetzung wird seine Kritik am amerikanischen Judentum in einen deutschen Diskussionszusammenhang übertragen, der sich völlig von dem unterscheidet, was jenseits des Atlantiks entstand: Museen zum Holocaust, teaching Holocaust in den Schulen und Universitäten, Opferverbände, die sich aus der Universalisierung ihres Anliegens rechtfertigen, prägen dort die Debatte.

Das Buch beeinflusst die deutschen Debatten über den Völkermord und seine Folgen, nur das kann hier zählen. Deshalb ist es unwichtig, welche persönlichen Verletzungen Finkelstein bearbeitet. Tief geprägt durch den Einfluss, den das Leiden seiner Eltern auf ihn machte, halte ich seine lebensgeschichtlich begründete Kritik an der Entschädigungspraxis sogar für plausibel und nachvollziehbar. Im deutschen Kontext aber scheint Finkelstein zum Instrument gegen eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte zu werden, die Aufklärung, moralische Reflexion und die Verpflichtung zur Entschädigung verband.

Finkelstein verortet sich in der heftigen Diskussion, die in den USA seit langem über die Deutung des Holocaust als Bestandteil einer neuen Zivilreligion geführt wird. Er tritt gegen Essentialisten der Deutung des Völkermords wie Elie Wiesel an, die im Holocaust ein singuläres Ereignis sehen. Er selbst könnte, wie Peter Novick, sein Konkurrent auf dem Büchermarkt und ähnlich gestimmter Widersacher, als Kontextualist bezeichnet werden, weil er versucht, die Erinnerung an den Holocaust in Zusammenhänge des Gedenkens zu rücken.

Ein "jüdischer Raubzug" in Europa?

Die essentialistischen und kontextuellen Muster sind verständlich und legitim, sie markieren unterschiedliche Zugänge und Funktionen des Erinnerns, schließen sich keineswegs zwingend aus und sind für Polemik eher ungeeignet. Finkelstein zeigt, wie schon viele vor ihm, dass Erinnerung eine Geschichte hat und öffentliches Gedenken politische Entwicklungen reflektiert.

So weit, so gut. Aber darf dies dazu führen, verschwörungstheoretisch Sprecher der amerikanischen Juden als Angehörige eines Selbstbedienungsladens zu bezeichnen oder gar von einem "Raubzug" jüdischer Verbandsvertreter gegen die Deutschen zu sprechen? Nein, das ist unter aller Kritik.

Ich kann in einer erfolgreichen materiellen Entschädigung nichts Verwerfliches sehen. Die deutsche Wirtschaft tut sich bei der Bereitstellung der insgesamt ja geringen Beiträge zur "Stiftungsinitiative" äußerst schwer, und jahrelang haben deutsche Banken erfolgreich ihre Verstrickung in die Enteignung und Ausnutzung jüdischen Besitzes vertuscht. Doch Finkelstein verachtet die Erfolge aller Akteure der Wiedergutmachungspraxis und verfängt sich hoffnungslos in erbärmlichen Verschwörungsvermutungen. Ihm fehlt jedes Gespür für die Widerstände, die Interessenvertreter der Opfer zu überwinden hatten, um Prinzipien der Wiedergutmachung als Grundlage einer moralischen Verpflichtung durchzusetzen. Er hat nur einen Blick für die amerikanischen Verhältnisse, nicht für die europäischen. Deshalb sind seine Thesen missverständlich, verletzend und, im Hinblick auf den deutschen Rechtsextremismus, gefährlich.

Die Finkelstein-Debatte ist auch etwas fundamental anderes als die Kontroversen um Ernst Nolte und Daniel Goldhagen. Bei Nolte ging es um Wertungen und Kausalitäten, nicht zuletzt um Fragen des Vergleichs, bei Goldhagen um die politisch-kulturellen Voraussetzungen, warum so viele Deutsche die Entrechtung und Ausrottung angeblich "Minderwertiger" hinnahmen. Finkelsteins Interesse gilt der Untersuchung geschichtspolitischer Strategien und Taktiken der Wiedergutmachung. So ist Holocaust Industry für ihn nicht der Komplex fabrikmäßig betriebener Tötung, keine Chiffre für die rassenpolitischen Kriegsziele der deutschen Führung, sondern angeblich eine Bereicherungsstrategie, die sich gegen die Deutschen, aber auch gegen normale überlebende Juden richtete und andere Juden, die angeblich beste Verbindungen zu amerikanischen jüdischen Interessengruppen hatten, ungerechterweise begünstigte. Holocaust Industry hat die Chance, zum Unwort des Jahres 2001 zu werden.

Meinungen, nichts als Meinungen

Letztlich geht es Finkelstein um Wertungsfragen. Die sind wohlfeil, häufig nicht einmal überprüfbar an der Realität. Bereits Hannah Arendt hatte beobachtet, dass die Deutschen unmittelbar nach dem Krieg dazu neigten, bei ihrer erklärenden und sie selbst entlastende Verarbeitung zeitgeschichtlicher Erfahrungen die Wirklichkeit in Meinung aufzulösen. Finkelstein macht deutlich, dass dieses Diktum nicht nur für die deutsche Seite gilt. Wie weit darf man bei dieser Auflösung der historischen Realität in Tagesmeinungen gehen?

Eingedenk dessen muss man sich nochmals vergegenwärtigen, worum es bei der "Wiedergutmachung" ging. Die Realität des Völkermords an den Juden war geprägt durch alltägliche Entrechtungen, durch die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, durch das Novemberpogrom 1938, durch Enthausung und Gettoisierungen, durch Deportationen und schließlich den industriemäßig betriebenen Völkermord. Vorher wurden die Ausgegrenzten drangsaliert, ausgeplündert, wohlgemerkt auf Befehl eines Staates, der sich das Vermögen der Todgeweihten überdies räuberisch aneignete und mit ihnen die Mordaktionen finanzierte. Dieses Makro-Verbrechen ist die Voraussetzung jeglicher finanzieller Wiedergutmachung. Denn es ist einfach unvorstellbar, dass ein verbrecherischer Staat die Vorteile dauerhaft genießt, die er aus seinen Verbrechen zieht. Die Praxis der "Wiedergutmachung" lässt sich nicht als Ausdruck der Holocaust Industry bezeichnen. Warum sagt Finkelstein das nicht?

"Wiedergutmachung" ist ein verlogenes Wort. Vermögensschäden ließen sich ersetzen, Zwangsarisierungen rückgängig machen, die Schäden an Leib und Leben, die durch Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Deportation entstanden, konnten nicht im versicherungstechnischen Sinn ersetzt werden. Und natürlich ist es völlig abwegig, sich vorzustellen, dass sich Ermordungen, Hinrichtungen und Vergasungen aufrechnen lassen.

Nach Kriegsende stellte sich zudem noch ein weiteres Problem: Sollte der Nachfolgestaat des NS-Staates, die Bundesrepublik Deutschland, wirklich die "erbenlosen Vermögen" erhalten, die an den deutschen Staat zu fallen drohten, weil es nach dem Völkermord, den die Nationalsozialisten "Endlösung der Judenfrage" nannten, keine anderen Erben gab? In den fünfziger Jahren war die deutsche Seite dankbar, dass es jüdische Organisationen und den Staat Israel als Empfänger für Entschädigungen gab. Die "Wiedergutmachung" war die Voraussetzung für die politische internationale Anerkennung, die Deutschland allmählich wieder gewann. Man war froh, auf diese Weise in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückkehren zu können. Deshalb stellt sich eine weitere wichtige Frage: Was ist eigentlich der materielle Kern der Überlegungen von Finkelsteins Polemik?

Weil er Meinungen produziert, mit den Zahlen von Überlebenden spielt und so indirekt auch bestens gesicherte Zahlen der Ermordeten in Zweifel zieht, begibt er sich in die Gefahr, nicht nur Beifall von der falschen Seite zu bekommen, sondern Geister zu wecken, deren er nicht mehr Herr werden kann. Bald werden sich die Kritiker "der Juden" artikulieren, die nichts zu unterscheiden wissen, die nur sich sehen, die sich nicht vorstellen können, unter welchen Bedingungen ehemalige Zwangsarbeiter im Osten leben und wie gering die Entschädigungsbeträge sind, die sie erwarten können.

Vermutlich kehren mit Finkelstein die Argumente der Unbelehrbaren und der "moralisch Anspruchslosen", wie sie Theodor Heuss nannte, aus den frühen fünfziger Jahren zurück. Damals rechneten die Deutschen fleißig auf, bezeichneten unverdrossen nationalsozialistische Gewaltverbrechen als Kriegsverbrechen oder die Mordaktionen der Einsatzgruppen als "Partisanenkampf", das qualvolle Sterben sowjetischer Kriegsgefangener gar als Folge der "schwierigen Umstände" hinter der deutsch-russischen Front. Sie verglichen den Völkermord an den Juden, an Sinti und Roma gern mit den "Terrorangriffen" der Alliierten auf Hamburg, Köln und Dresden. Weil viele die Wirklichkeit des systematisch betriebenen Völkermords nicht aushielten, akzeptierten sie schließlich so angenehm fremd und harmlos klingende Begriffe wie Holocaust und Shoah, eigentlich Entfremdungs- und Verniedlichungsformen der "Endlösung der Judenfrage" im Zuge von Ermordungsaktionen, die sich gegen Alte, Frauen, Kinder und andere Wehrlose richtete.

Als Ernst Nolte Mitte der Achtziger Jahre von der nationalsozialistischen Zeit als einer Vergangenheit sprach, die nicht vergehen wolle, hatte er den Generationenkonflikt vor Augen, der sich der Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der Elterngeneration bediente. Darum geht es bei der FinkelsteinDebatte nicht mehr. Denn jetzt sind jene herausgefordert, die immer Entschädigungen wollten und sie gegen große Teile der deutschen Gesellschaft durchsetzten, die sich der Verdrängung widersetzten, übrigens schon lange vor 1968, die dem "Gnadenfieber" der Fünfziger Jahre und den Verjährungsmechanismen des Strafrechts widerstanden.

Die Finkelstein-Debatte berührt im deutschen Kontext deshalb einen Lebensnerv der Nachkriegsgesellschaft und ist deshalb kein beliebiger Meinungsstreit über die Vergangenheit. Bis jetzt ging es meist um Ausstellungs- und Museumspläne, um Mahnmale, um Ästhetik und ihre Angemessenheit. Doch nie wurde dabei eines in Frage gestellt: die Bewertung des Völkermords an den Juden. Das scheint mit Finkelstein anders geworden zu sein.

Bisher war im Zusammenhang der nationalsozialistischen Gewaltversprechen eher der Begriff des "industriemäßig organisierten Völkermordes" gebräuchlich. Er war in den sechziger Jahren von dem damaligen Leiter der Ludwigsburger Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen Adalbert Rückerl während der Verjährungsdebatten der Jahre 1965, 1969 und 1979 in die deutsche Diskussion gebracht worden und zielte auf die vergangene Realität, nicht auf den Umgang mit der Vergangenheit. Die Unterscheidung zwischen der vergangenen Wirklichkeit und ihrer Deutung durch die Nachlebenden ist wichtig, wenn man über den Völkermord diskutiert. Die vergangene Wirklichkeit kann nicht zur Diskussion stehen, denn sie ist nicht veränderbar.

Es ist fatal, wie in der europäischen Geschichte die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Rolle der Juden immer wieder benutzt wurde, um Stimmungen zu bedienen. In diese Tradition stellt sich Finkelstein. Vor 1933 verwiesen Demagogen auf die zerstörerische Wirkung der wirtschaftlichen Macht des Judentums, sprachen von Verschwörungen und wollten die Nichtjuden zu Opfern des jüdischen Geldstrebens machen. Antisemiten machten Juden für den Kapitalismus und den Bolschewismus, für die Freimaurerei und den Liberalismus, für den Versailler Vertrag und die Novemberrevolution, für Verfall der Sitten und des politischen Stiles verantwortlich. Kein politisches Interesse, das sich nicht mit dem Antisemitismus verbinden ließ.

Schuld und Sühne

So schien es, als sei der Völkermord an den Juden eine putative Abwehrmaßnahme gewesen. Die pädagogische Konsequenz dieser sich zur Katastrophe von Auschwitz steigernden Überzeugung war der rasch hilflos wirkende Appell "Wehret den Anfängen!" oder das Versprechen "Nie wieder!" Schwüre wurden abgegeben, Gedenkfeiern veranstaltet, Denkmäler errichtet. Dies alles reagierte nicht auf Erwartungen der Juden, sondern entsprach der Sühnebereitschaft der Tätergesellschaften. Die Erinnerungen an die Verbrechen des Völkermordes verfestigten sich nicht als Folge kollektiver Erpressungen, sondern als Versuch, mit dem Unfassbaren und Unvorstellbaren irgendwie fertig zu werden.

Die deutsche Nachkriegs-Beschäftigung mit der Vergangenheit war mühsam und voller Widerstände. Die Nürnberger Prozesse gaben den Mitläufern noch die Chance, sich einzureden, die politischen und militärischen Führer seien verantwortlich. Die Entnazifizierungsverfahren öffneten die Schleusen des Selbstmitleids wie des Entlastungsgeredes. Doch die Konfrontation mit den Verbrechen schufen aber bald eine Grundlage für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die nicht mehr nur Wiedergutmachung sein wollte, sondern sich an der Aufarbeitung versuchte. Das alles lässt sich nicht relativieren, indem man das Zerrbild einer Holocaust Industry zeichnet, das sein Geschäft mit Leichen macht.

Finkelstein polemisiert gegen die Macht jüdischer Organisationen in den Vereinigten Staaten. Der deutschen Industrie hingegen wäre ja gerade zu wünschen, dass starke Opferverbände Druck machen. Sie sperrt sich weiterhin ihren, nach Steuern, wahrlich geringen Beitrag zur Entschädigung von Zwangsarbeitern zu leisten. Er macht nur einen Bruchteil jener Beträge aus, mit denen Unternehmensübernahmen finanziert werden. Das ist das Thema, unser Thema. Finkelsteins Rundumschläge können uns nicht davon ablenken.

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