Kultur : Holocaust-Mahnmal: Das Nationaldenkmal (Kommentar)

Thomas Lackmann

Politik wird aus dem Bauch gemacht, doch die Erregung war vorab lanciert: Ohne die in Berlin prophezeite Kampfabstimmung hat sich das Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas nach kontroverser Debatte geeinigt. Da das aus den Jahren der Wettbewerbsauschreibung bekannte Budget 15 Millionen Mark (für das Denkmal ohne alles) stets genauso fiktiv war wie jener 75-Millionen-Gesamtbedarf, mit dem Kulturstaatsminister Naumann noch im Mai 1999 jonglierte, klingt die neueste Prognose unspektakulär: Das Stelenfeld, sagt der Kuratoriumsvorsitzende Thierse, wird kaum billiger zu haben sein als für jene 20 Millionen, die das unterirdische Haus der Information kosten soll - unterm Strich also 40 plus. Dass vor der Sitzung ein dramatischeres Kostenszenario verbreitet wurde, hat taktische Gründe. Aus dem Mahnmal-Projekt, begonnen als Initiative der moralischen Verpflichtung, ist längst ein Politikum geworden. Eisenmans Stelefeld avanciert - im doppelten Sinne neben dem Brandenburger Tor - zum Nationaldenkmal.

Der Streit um seine Realisierung betrifft die Deutungshoheit im Park der kollektiven Erinnerung. Michael Naumann hätte am liebsten ein Holocaust-Museum gehabt, das künftigen Generationen aus dem Abstand der Historisierung die Täter-Opfer-Story des Holocaust erzählt. Seine Gegner haben ihren Wunsch durchgesetzt, der Erinnerung aus der Perspektive betroffener Täter-Erben Gestalt zu geben: Das Gedenken an die Opfer des Massenmordes im Zentrum der Hauptstadt wird damit zur Inszenierung eines zentralen Teils der nationalen "Identität".

Diese dramatische Aussage soll nicht interpretativ gesteuert, abgefedert werden: So ist nach Ansicht der Mahnmal-Puristen auch das Bundestagsvotum für "Eisenman II" zu verstehen, das den von Naumann gewünschten Info-Ort dem Kunstwerk unterordnet. Doch vor der Kuratoriumssitzung gerieten die Mahnmalisten in einen Zwiespalt: Die Unsichtbarmachung des Info-Hauses musste ihnen gefallen, dessen horrende Verteuerung aber hätte den Mahnmalverzögerern in die Hände gespielt und - zu Ungunsten anderer Gedenkstätten - die politisch-finanzielle Gewichtung zwischen dem Mahnmal und seinem Museum verzerrt. Eine Prognose, die unterirdische und ebenerdige Variante finanziell nah beieinander sieht, führte zum Konsens. Geht nun die Erregung, wenn der harte Kostenvoranschlag folgt, aufs Neue los? Peter Eisenman hat unterstrichen, daß der Denkmal-Besucher erst im Tageslicht des Bewusstseins die Unerklärbarkeit des Stelenfeldes erleben soll, ehe er im underground des Unbewussten, im "Raum der Namen", im "Raum der Schicksale", im "Raum der Orte" auf bescheidenen 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche rationale Orientierung erfährt: im Bunker-Bauch der Stadt.

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