Kultur : Holocaust-Plakat: Die Schwäche der moralisch Unerbittlichen

Jürgen Dittberner

Frau Rosh und der "Förderkreis zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden" haben es wieder geschafft, zu polarisieren. Im Falle der Diskussion über das Plakat mit der Zeile "Den Holocaust hat es nie gegeben" ist es besonders irritierend, dass die Protagonistin erneut eine Szenerie malt, in der nur sie die Gute ist und die anderen die Bösen sind. Diesmal hat ein jüdisches Opfer, ein ehemaliger KZ-Häftling, Protest eingelegt und den Staatsanwalt auf den Plan gerufen. Doch Lea Rosh, der unerbittlichen Kämpferin für das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, kommen keine Zweifel, denn es gäbe andere Opfer, die dem Plakat zugestimmt hätten.

Es ist diese Selbstgerechtigkeit, die das gesamte Projekt des Mahnmals am Ende abwerten kann. Mit der Aura der moralisch Unerbittlichen hat vor allem Lea Rosh das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa durchgesetzt. In dieser Pose gewann sie die Debatte darüber, ob das Denkmal alle Opfer der Nationalsozialisten ehren sollte mit ihrer Linie, sich auf die zentrale Opfergruppe zu beschränken. Viele Fachleute hatte der Förderkreis seit dieser Weichenstellung als Mitstreiter verloren. Und aus der Entscheidung folgte die Konsequenz, dass die Politik den Sinti und Roma versprach, auch sie bekämen ihr eigenes Denkmal in der Hauptstadt. Weitere Opfergruppen werden folgen. Mit seiner moralischen Unerbittlichkeit hat der Förderkreis die Separierung der Opferkreise im Gedenken herbeigeführt. In seiner missionarischen Ignoranz will er damit nichts zu tun haben.

Die Vernichtung fand woanders statt

Den bestehenden KZ-Gedenkstätten in Deutschland sprach man die eigentliche Legitimation ab mit der makabren Begründung, in Deutschland hätte es keine Vernichtungslager gegeben. Diese lägen auf osteuropäischem Boden. Die Arbeit vieler in den deutschen Gedenkstätten, die aufgewühlten Gefühle ungezählter Besucher aus dem In- und Ausland wurden mit dieser Argumentation minimalisiert. Doch dem Förderverein kam es allein darauf an, dass sein Denkmal realisiert werde.

Schließlich hat der Deutsche Bundestag entschieden. In dem Gut-Böse-Schema der vorhergehenden Debatte - Denkmalbefürworter haben die Geschichte verstanden, die Gegner sind potenzielle Holocaustleugner - konnte er nicht anders als für das Denkmal im Geiste des Förderkreises votieren.

In Seminaren über das Gedenken sitzen an den Hochschulen solche beieinander, die der kommenden Genration angehören und wissen: "Den Holocaust hat es gegeben." Sie wollen die Opfer ehren, die Erinnerung bewahren und Wiederholungen verhindern. Dabei haben sie durchweg ein abwehrendes Gefühl gegen das Projekt auf den Ministergärten in Berlin. Wann und wie sie gedenken, das empfinden sie als ihre persönliche Entscheidung, und die konzentriert sich auf authentische Orte. Offizieller Gedenkzwang ist ihnen - besonders wenn sie aus dem Osten kommen - zuwider. Sie werden ihm nicht folgen.

Beim Gedenken sind Selbstsicherheit und moralische Überheblichkeit unangemessen. Damit kann man zwar - was bewiesen ist - ein Bauwerk durchdrücken. Aber die Gemüter der kommenden Generationen wird man nicht erreichen. Bei dem, was uns der Nationalsozialismus mit seinen Verbrechen hinterlassen hat, sind Zweifel und vorsichtige Annäherungen an schließlich unbeantwortete Fragen nach dem "Warum" die angemessene Haltung. Als Helden werden dann jene deutlicher erkennbar sein, die mit Skrupeln und anfänglicher Zögerlichkeit Einspruch erhoben. Trotz größter persönlicher Angst waren sie schließlich fest im Wort und fest in der Tat. Von Otto Wels bis zum Grafen Stauffenberg sind das die Personen, an denen sich viele in ihrer Haltung orientieren werden, wenn sie der Opfer gedenken.

Das "Lächerlich", mit dem Lea Rosh der Kritik an dem Plakat begegnete, zeigt hingegen die Selbstgerechtigkeit des Geistes, aus dem das Denkmal entsteht. Die dafür bisher nicht gespendet haben, sind für Rosh "Gleichgültige", die "wachgerüttelt" werden müssen.

Vielleicht jedoch erwachen, wenn die Spenden weiter ausbleiben, die selbst ernannten Hüter der Gedenkkultur. Vielleicht werden sie sich die Augen reiben und junge Menschen sehen, die vorsichtig und individuell sich der Opfer vergangener Verbrechen erinnern. Und die sich bemühen, Wiederholungen zu verhindern.

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