Kultur : Holt Bismarck zurück! (Kommentar)

Rolf Hochhuth

Heute An Seinem 185. Geburtstag wiederhole ich einen Aufruf, sein Denkmal aus dem Versteck im Tiergarten herauszuholen und wieder vor den Reichs-, heute Bundestag, zu stellen. Ein Volk benötigt zur seelisch-gesundheitlichen Hygiene im Zentrum seines Regierungsviertels wenigstens ein Denkmal, zu dem es ohne Zerknirschung aufschauen kann - besonders unsere Nation, die sonst dort allein das Denkmal der Roten Armee und das Holocaust-Denkmal stehen hat. Niemand wird dem Autor des "Stellvertreters" anhängen, er hielte nicht für mindestens so wichtig wie Bismarck die anderen Mahnmale, die - zu Recht - an unsere unabwaschbaren Schandtaten erinnern: an den Überfall auf Russland und die "Endlösung". Natürlich gehören sie in die Stadt, wo sie angezettelt wurden von einem, der Bismarck derart verabscheut hat, dass er dessen Standbild beseitigte: Hitler ließ durch seinen Liebling Speer sich Bismarck so weit aus den Augen rücken, dass niemand, der um die Siegessäule fährt, ihn wahrnimmt, wenn Blätter an den Bäumen sind!

Warum traf hier Goethes Vers zu, dass dir "ein Wesen, wie er es ist, im Grunde ein ständiger Vorwurf ist"? Weil Hitler früh geplant hat, über seinen vertragstreuen Rohstofflieferanten Stalin herzufallen - Verrat zu üben an Bismarcks Hauptmaxime: Friede mit Russland! Bismarck hat verboten, Präventiv-Kriegspläne des Generalstabs auch nur zu erwähnen, weil das Reich selbst im Falle des Gelingens einen "Feldzug gegen Russland immer nur vor sich - niemals hinter sich haben könnte!" Man messe an dieser Weisheit den Regierungs-Wahnsinn, eine Nato-Ost-Erweiterung zu betreiben, den Russen von Riga bis Sofia Atomraketen vors Haus zu stellen! Bismarck - aktuell?

Hauptgrund, ihn zurückzuholen vor das Gebäude, für das Reinhold Begas sein Denkmal auf Bestellung der Abgeordneten, zum Widerwillen erst des Kaisers, dann Adolf Hitlers geschaffen hat: Bismarck war der Erste, der die staatlichen Altersversorgungen schuf, vierzehn Jahre vor Großbritannien! Als er sogar "Das Recht auf Arbeit" samt einem "Einspruchsrecht des Staates gegen ungerechtfertigte Entlassungen" als Entwurf dem Reichstag vorlegte, schrie Eugen Richter, Chef der Liberalen, das sei "bereits Kommunismus"! Bismarcks Entwurf wurde abgelehnt - wie noch hundert Jahre später durch Schäuble, der "Recht auf Arbeit" aus dem Einigungsvertrag strich. Bismarck war eben sozialer als heute CDU und SPD, die Massenentlassungen zur Profit-Maximierung mit keiner Silbe verurteilen!

Der Bundespräsident schrieb mir: "Dass Sie sich ... für eine Umsetzung des Standbildes ... auf seinen ursprünglichen Standort einsetzen, verstehe ich. Das Parlament hat seinerzeit Reinhold Begas beauftragt. Es scheint mir deshalb konsequent, dem... Bundestag die Entscheidung ... zu überlassen." Herr Thierse muss den Abgeordneten die Entscheidung vorlegen! Das hat er mir gestern zugesagt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar