Kultur : Holz und Pilze

Antonia S. Byatt auf dem Literaturfestival

Es geschah, als sie die Treppe hinaufstieg. Vor der untersten Stufe war sie noch ganz allein, oben angekommen hatte sie dann Gesellschaft: einen Puppenspieler, klein, pfiffig, schwarzer Anzug. Natürlich, nur in Gedanken, aber trotzdem ziemlich lebendig. Die Geburt eines Charakters, für Antonia S. Byatt ist sie immer wieder ein mysteriöses Ereignis. So mysteriös, dass sie mit ihrer Kollegin Julia Franck am Donnerstagabend im Haus der Berliner Festspiele lieber über den Prozess des Schreibens sprach als über ihr neues Buch „The Children’s Book“, das sich im Grunde aber auch wesentlich ums Schreiben dreht, um Literatur für Kinder zur edwardianischen Zeit.

Die schwarze Ledertasche zwischen die Füße geklemmt, saß die 1936 geborene Booker-Preisträgerin Byatt auf der Bühne, blinzelte durch ihre Lesebrille und gegen das Scheinwerferlicht ins spärlich gefüllte Auditorium des Großen Saals. Eine sympathische Dame mit tiefer Stimme und kurzem grauen Haar, die eindrücklich bedauerte, bei ihren Recherchen herausgefunden zu haben, dass viele Kinder von Kinderbuchautoren damals ein eher unglückliches, manchmal gar kurzes Leben führten. Der Sohn Kenneth Grahams etwa, Autor von „Der Wind in den Weiden“, ließ sich vom Zug überfahren. Weswegen auch in ihrem Buch der frühe Tod mindestens eines Jungen offenbar kaum zu vermeiden ist.

„Die Recherche vorab ist das Holz im Wald“, erklärte Byatt. „Die Charaktere schießen dann aus dem Boden wie Pilze.“ Franck ergänzte, wie schön es doch sei, all die Figuren selbstständig werden zu lassen, indem man durch sie denke. „Ich mache es genauso!“, rief Byatt begeistert und nickte. „Very very interesting“, sprach sie noch, das Publikum lächelte, da war der Abend auch schon vorbei. tja

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