Kultur : Holzboote und Designerdrogen

Ragnar Axelssons atemberaubende Bilder sind Ikonen einer sterbenden Kultur. Eine Berliner Galerie entdeckt den isländischen Fotografen

Paul Stänner[Reykjavik]

Das Wetter ist mild in Reykjavik, aber man kann nie wissen. Es wechselt sehr abrupt auf Island, und man lernt schnell, nicht allzu optimistisch zu sein. Zu vereinbarten Stunde hält Rax vor dem Hotel. Er fährt einen dieser Monstertrucks, wie die Isländer sie lieben: Der Wagen ist um gute 40 Zentimeter angehoben, die Reifen sind unförmige Walzen. Mit diesen Fahrzeugen schafft man fast jeden Untergrund, ob Schnee, Schlamm oder Lava-Asche, die so griffig ist wie Schmierseife. Für Rax, der mit vollem Namen Ragnar Axelsson heißt, ist es wichtig, dass er unter allen Bedingungen überall hinkommt. Er ist Fotograf des „Morgunbladid“, der größten Zeitung Islands. Der Aufstieg zur Fahrerkabine ist eine kleine Kletterpartie. Ich frage Rax, ob meine Halbschuhe reichen, oder ob ich Stiefel anziehen solle. Ist okay, sagt er. Halbschuhe reichen.

Axelssons Bilder, die man jetzt in der Berliner Galerie Argus Fotokunst entdecken kann, sind Elegien in Schwarzweiß. Sie zeigen die schöne Rauheit einer Landschaft, die dem Menschen nicht wirklich feindlich gesonnen ist, aber auch gut ohne ihn auskommen kann. Die Gesichter der Menschen spiegeln die Sorgen angesichts eines hereinbrechenden Unwetters, ihre Körpersprache kündet von der Härte der Arbeit, aber auch von der Ruhe eines Lebens, das sich nicht nach der Uhr richtet, sondern nach den Jahreszeiten. Sie zeigen die grandiosen Weiten des Landes und des Meeres und den Stolz der Menschen, die der Natur die Stirn bieten.

Auf einem Foto sieht man einen alten Mann, langes, weißes Haar und ebenso langer, weißer Bart. Das dunkle Gesicht trägt Falten und Risse wie ein Fels, die Augen sind schwarz umflort. Ein Sturm tobt. Im Hintergrund jagen Wellen über den Strand aus schwarzem Lavagestein. Haar und Bart des Alten sind verweht wie die Gischt über den Wogen - Merlin im Augenblick seiner düstersten Prophezeiung. Der alte Mann konnte Rax nicht leiden – was kaum zu verstehen ist, denn Rax ist sehr umgänglich. Es kam zu längeren Verhandlungen. Der Alte bot Rax ein völlig vereistes Stück Kuchen an. Rax brach eine Ecke los, steckte sie in den Mund und begann zu kauen. Damit hatte er die Reifeprüfung bestanden, Merlin ließ sich fotografieren.

Durch den Sturm war die Stromversorgung ausgefallen. Merlin musste seine Kühe mit der Hand melken, im eisigen Wind, die Händen klamm und die Euter kalt. Auch das fotografierte Rax. Das Foto wurde veröffentlicht und die Behörden nahmen Merlin die Kühe weg, weil auf dem Foto zu sehen war, wie grauenvoll dreckig sie waren. Aber die Fotos eröffneten Merlin eine neue Karriere: Wegen seines markanten Gesichts hat er mittlerweile in drei Filmen mitgespielt und in drei oder vier Werbespots, einer davon wurde in den USA gedreht. Merlin war zufrieden, und das Rumgefummel an den kalten Kühen hatte ihm sowieso gestunken.

„Als Junge“, sagt er, „war ich im Sommer auf einem Bauernhof und immer wenn ich mir Dinge angeschaut habe, dachte ich, das könnte ein gutes Bild sein, oder das, oder das.“ Soweit er zurückdenken kann, sagt Rax, wollte er Fotograf werden. Seine Brüder wurden Piloten, Rax blieb bei den Bildern. Für „Morgunbladid“ fotografiert er, was im Alltagsgeschäft so anliegt: Sportereignisse, Modenschauen, Politiker. In Farbe, weil es so üblich ist. Aber die Bilder, die ihm am Herzen liegen, sind schwarz und weiß und grau.

Eine Tankstelle mit Restaurant in Plastik und Linoleum, eine Spottgeburt internationalen Raststättendesigns. Rax sitzt am Fenster und trinkt eine Tasse Kaffee. Ein Mann spricht ihn an, mit staksigen Bewegungen schwankt er an den Tisch. Er ist 50 oder auch 60 Jahre alt und wäre mit seinem knochigen Schädel sicherlich zwei Meter groß, würde er sich aufrichten. Seine schaufelähnlichen Händen stützen sich auf einem Stuhl ab, ein verkrüppelter Riese. Irgendetwas ist mit seiner Hüfte nicht in Ordnung. Später sagt Rax, der Mann habe zwei unterschiedlich lange Beine. Rax hat den Mann einmal für eine Reportage fotografiert, aber die Geschichte wurde nie gedruckt. Jetzt wechseln sie ein paar Höflichkeiten, schwer atmend und gequält steht dieser Berg von einem Mann vor dem Fotografen. Rax muß den Kopf in den Nacken legen, er schaut den Besucher respektvoll, aber distanziert an. Denkbar wäre, dass er im Kopf mit ein oder zwei Kamerapositionen experimentiert, während er das Gespräch in Gang hält. Dann nickt der Mann zum Abschied, dreht sich um und geht mit schleppenden Bewegungen davon.

Bunte Bilder gibt es genug

„Als ich ein kleiner Junge war, habe ich mir alte Magazine angeschaut wie ,Life’ oder ,Stern’, die haben viel in Schwarzweiß gemacht, große Reportagen“, sagt Rax über seiner Kaffeetasse. Das waren seine Vorbilder. Anfangs nahm er auf, was immer da war: Eine Blume, einen Hund oder einen Berg. Später ging es darum, Bilder von Menschen aufzunehmen, Menschen in ihren Landschaften, in Städten, wie auch immer. „Bunte Bilder von schönen Bergen gibt es genug.“ Ragnar Axelsson wurde in Island ausgebildet. Dann ging er in die USA. Diese Zeit in New York war für ihn der eye-opener. Zwei oder drei Monate war er wie durch einen Schock verunsichert, dann fing er an, Bilder neu zu sehen. In den Jahren seiner Zeitungsarbeit hat sich ein Projekt entwickelt, das zu einer aufregenden Serie von Bildern führte. Die Idee entstand aus dem Foto eines Seemanns, der im Nordwesten der Insel lebte. Er saß in seinem Boot, es regnete und er erzählte die Geschichte von einem Hai. Angeblich schlief der Hai. Der Mann schlang eine Leine um ihn. Als der Hai erwachte, schlug er das Boot in Stücke. Rax war es egal, ob die Geschichte erlogen war. Sie war lustig. „Ich machte ein Foto von ihm. Ich mache Fotos von Bauern, Fischern, Jägern, damit diese Bilder ein Leben dokumentieren, das verschwindet.“ Nach 16 Jahren dieses fotografischen Sammelns und Jagens in Island, bei Eskimos auf Grönland, bei Fischern auf den Färöer-Inseln, liegt jetzt eine Schatztruhe voll von atemberaubenden Bilder vor. Und jedes einzelne erzählt eine Geschichte.

Ein anderes Foto zeigt drei offene Fischerboote, aufgebockt an Land. Wahrscheinlich hat man sie zu Reparaturarbeiten aus dem Wasser gezogen, wie gestrandete Wale liegen sie da. In zwei Booten sitzen Männer auf den Ruderbänken, die Arme über der Brust verschränkt. Was sollten sie sonst auch damit tun, rudern geht ja nicht. Sie sitzen in ihren Booten und tun so, als seien sie auf dem Meer. Bis der Fotograf sie aufstörte, muss vor ihren Augen ein Film abgelaufen sein, in dem Wind und Wellen, Möwen und Fische die Darsteller waren. Die alten Holzboote sind es, die Rax immer wieder faszinieren und wehmütig stimmen.

Dann ist da noch das Bild eines Mannes, den man nicht sieht. Alles, was man sieht, ist eine Mauer, auf der eine Schnapsflasche steht. Hinter der Mauer hat sich der Mann versteckt, damit ihn seine Frau nicht findet, während er sich betrinkt. Neben ihm, von der Mauer halb verdeckt, steht sein bester Freund, der Bulle seiner Herde. Nur Sekunden nach der Aufnahme stürmte der Bulle auf Rax los, um seinen Herrn zu schützen. Oder das Bild eines Fischers, der sein Boot nahe an das Ufer getrieben hat. Vom Felsen aus begrüßt ihn sein Hund. Der Mann lebt in der Einöde, etliche Kilometer im Abseits. Einzig sein Bruder wohnt in relativer Nähe. Mit dem aber redet er seit Jahren nicht mehr, sie haben sich über irgendeine banale politische Frage zerstritten. Der Fischer ist über 60 Jahre alt. In den Jahren seines Berufslebens haben sich seine Hände zu Klauen verformt, die perfekt auf die Griffstücke seiner Ruder passen.

Zersägt und verfeuert

Immer wieder kommt Rax im Gespräch auf diese Boote und ihre Fischer zurück. Sie sind das Werkzeug einer vergehenden Zeit. Die Regierung hatte veranlasst, dass es pro Fischfanglizenz nur ein Boot geben dürfe. Wer sich ein Neues kaufte, musste das Alte zerstören. Die neuen Boote sind aus Kunststoff. Die alten Hölzernen wurden zersägt und verfeuert. Damit starb ein Handwerk aus, und selbst die Zeugnisse dieses Handwerks wurden wie in einem Akt stalinistischer Geschichtsschreibung ausgelöscht. (mittlerweile ist die Vorschrift wieder aufgehoben).

Diese hölzernen Boote sind die Ikonen einer Lebensweise, die Rax dokumentieren will, bevor sie gänzlich verschwunden sein wird. Isländer leben vom Fischfang, in früheren Zeiten noch vom Vogelfang in den Klippen. Sie haben gelernt, schnell zu zufassen, Situationen zu nutzen. Aber jetzt geht vieles verloren, was früher bewahrt werden konnte. Die Isländer, sagt Ragnar Axelsson, seien gierig geworden. Jeder sei auf der Suche nach Geld, habe zwei oder drei Jobs, Kinder wachsen nicht mehr in Familien auf, sondern lungern auf den Straßen herum. Noch vor wenigen Jahren habe er seinen Wagen immer unverschlossen abgestellt, die Kameras offen auf dem Sitz. Heute traue er sich das nicht mehr. Drogen, vor allem Party- und Designerdrogen, haben auch Island erreicht und damit die Kleinkriminalität. Den landesweiten Radionachrichten ist es eine Meldung wert, dass am Rande von Reykjavik ein Zeitungskiosk ausgeraubt wurde. Geld und Zigaretten wurden gestohlen.

Weiter im geländegängigen Kleinbus. Der durchquert ein Tal, morbides braunes Gras überzieht die Ebene und die weich modellierten Hänge. Im Hintergrund ragt ein Berg auf, in dessen Rissen und Kerben sich Schnee festgesetzt hat. Im Vordergrund glänzt eine frische schwarze Narbe in der braunen Oberfläche. Ein Abgeordneter hat durchgesetzt, dass zwischen Reykjavik und seinem Wahlkreis eine neue Straße gebaut wird. Rax fährt so dicht wie möglich an die Baustelle heran. In der menschenleeren Heide stehen drei Kipplaster und ein gewaltiger Bagger. Rax hat einen Lagerplatz mit metallisch glänzenden Aluminiumröhren entdeckt. Ein starker Kontrast zu der Landschaft mit den warmen Herbsttönen und den dunklen Wolken. Er macht Bilder von den Fahrzeugen und ihren verschwindend kleinen Fahrern davor. Dann stapfen wir durch den Morast, den die Reifen zu einem fast flüssigen Brei zermahlen haben. Rax, bis dahin ganz absorbiert von seiner Arbeit, dreht sich um und ruft schadenfroh: „Du hättest Stiefel anziehen sollen!“

Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26 (Mitte), bis 30. April. Mi – So 14-18 Uhr.

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