Kultur : Holzsuche im Theaterwald

ECKHARD FRANKE

Roland Schimmelpfennigs neues Stück in Mainz uraufgeführtVON ECKHARD FRANKEVier Holzstühle vor dunkler Bühne.Zwei Männer, zwei Frauen.Die Körper erschöpft auf die Sitzmöbel gegossen, ein hängender Arm, weggekippte Köpfe, schläfrig wie in später, schwülwarmer Sommernacht kurz vor schweren Träumen.Von fernher monotone Musik, kaum hörbar Rufe und Pfiffe.Vier Grubenlampen spenden fahles Licht."Ich kann nicht mehr", sagt die junge Frau mit matter, veratmeter Stimme, "so müde bin ich." Nachts, erzählt sie, verläßt sie das eheliche Bett, geht in die Küche und murmelt für Stunden in ein totes Telefon.Dann reden die anderen.Vier Stühle, zwei Paare, vier Menschen mit sich allein: dieses prologartige Bild der Mainzer Uraufführung ist eine Fokussierung mehrerer szenischer Momente aus Roland Schimmelpfennigs "Aus den Städten in die Wälder, aus den Wäldern in die Städte".Regisseur Hartmut Wickert markiert hier den seelischen Ort dieses Abends, jene Zwielichtzone zwischen Tag und Nacht, zwischen Wachsein und Schlaf, wo Sehnsucht sich mischt mit den Ängsten des Tags und den schwebenden Traumgebilden der Nacht.Ein merkwürdiges, zwischen deutscher Romantik und skandinavischer Seelendramatik changierendes Spiel.Der Autor, Jahrgang 1967, bislang hervorgetreten mit Stücken wie "Die ewige Maria" (1996) oder "Die Zwiefachen" (1997), hat den Mut, sich den unter Jungdramatikern gängigen Bühnentrends zu verweigern, der locker-flockigen Figurendrechselei, dem knalligen Plot oder spekulativen Psychogags.Sein neues Stück ist eines der Projektionen und Träume, schaute man nur auf die Handlung, erschiene es banal oder abstrus.Geht es doch um eine junge Architektin, Heide heißt sie, die sich auf die Suche nach einem ganz besonderen Holz begibt.Sie benötigt es für die Bühnenbretter des Theaters, das sie bauen soll.Sie wandert in die Wälder, spricht mit den Bäumen, mit ihrem Ehemann Ulrich um so weniger.Der hat ein Verhältnis mit einer anderen, mit Anne, die es ihrerseits in den Wald treibt, denn sie forscht über Moose und Farne.Peter ist der Gatte Annes.Auf der Suche nach ihr trifft er auf Heide.Theater-Wald ist Mythenland.Auch wenn es keinen Puck und keinen Oberon mehr gibt, um ein sehnsuchtsschweres Bäumchen-wechsle-dich zu arrangieren, mochte Schimmelpfennig nicht ganz vom verwunschenen Zauber eines Shakespeareschen Mitsommernachts-Waldes lassen: mit Bruno und Ilse bevölkern zwei Geister den düsteren Liebeshain, ergänzt um Holzfällersohn Ernst und Schreinerstochter Katharina.Und über diesen die bange Frage: wird der Wald das geheimnisvolle Holz freigeben für die kommenden Träume der Bühne? Der alte Holzfäller (Heino Wolters) weigert sich, die heiligen Bäume zu schlagen, aus Angst vor der Rache des Waldes.Für das Haus der Verstellungen und des sinnlosen Als-Ob? Nie und nimmer! Der alte Tischler (Rolf Kadgin) hält dagegen: er beschwört die Erinnerung an einen fernen Theaterabend, damals in den Städten, als junger Mann.An dieser Stelle sei eingefügt, daß die erste Idee zu diesem Theaterstück, das sich zuletzt wie eine aktuelle Beschwörung gegen die allfälligen Subventionskürzungen in deutschen Bühnenlanden ausnimmt, auf die Mainzer Theaterleute selbst zurückgeht, die von den Politikern vor einigen Wochen ein neues Theatergebäude geschenkt bekamen.Und so läßt auch Roland Schimmelpfennig in seinem Auftragswerk am Ende das Wald-Holz zu Bühnen-Holz werden, auf daß der Theaterbau sich vollende.Nachdem das feierliche "Habe-nun-ach, es war die Nachtigall, Blut-Jago-Blut"-Potpourri verklungen ist, bleibt Ulrich alleine auf der Bühne zurück, der Gatte der Architektin.Die vier hölzernen Stühle vom Anfang der Aufführung stehen wieder da, drei aber bleiben leer."Das legt sich, sagt man", so sinniert der abgespannte junge Mann, der sich im Gefühl der Leere einzurichten beginnt, und er weiß: "es legt sich nicht." Auseinanderleben, Trennung, das Alleinsein im Anderen, das Suchen, die Sehnsucht, eine neue Liebe, und dann: die Fremdheit inmitten der Nähe, all dies spielt diese Inszenierung von Hartmut Wickert hervor - und in ihr vier junge Schauspieler, die doppelt so viele Rollen verkörpern.Andrea Quirbach und Jacqueline Roussety, Norbert Stöß und Bernd Geiling variieren die Verrücktheiten und Glücksmomente, die Irritationen und Abgründe zwischen dem Ich und Du, in den Rollengewändern der Liebe, der Sehnsucht, im Mythenreich des Waldes - ein träumerisches, traumwandlerisches Spiel aus dem Geist der deutschen Romantik.Novalis schrieb: "Der Traum belehrt uns auf eine merkwürdige Weise von der Leichtigkeit unserer Seele, in jedes Objekt einzudringen, sich in jedes sogleich zu verwandeln." Hier treffen sich Traum und Theater, an einem leisen, düsteren, spannenden Abend in Mainz. Weitere Vorstellungen am 22.und 29.Mai, 20 Uhr.

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