Kultur : Hommage an Dante

ISABEL HERZFELD

Wie genial Leif Ove Andsnes Klavier spielen kann, Klang und Ausdruck jedes Musikstücks überwältigend "richtig" trifft und mit seiner ganz eigenen Spannung erfüllt, das kann er am Anfang seines Auftritts im Kleinen Saal des Schauspielhauses noch ganz gut verbergen.Ein wenig brav wirkt der junge Norweger, wenn er die dämonisch rollenden Bässe der h-moll Ballade von Franz Liszt herunterschnurrt und das folgende erlöste "Glöckchenläuten" merkwürdig belegt erklingt.Blitzblank auch die horrenden Sprünge, das martialische Oktavgeprassel der "Dante-Sonate", doch daß hier in jedem Tremolo das Höllenfeuer züngeln muß, in punktierten Intervallsprüngen mahnende Signale erschallen und sich die Seele zum Schluß in ekstatisch-filigranen Arpeggien verklärt, das bleibt irgendwie "protestantisch" nüchtern.

Das liegt vor allem an einer Klangpalette, auf der Andsnes nicht allzu viele Nuancen zur Verfügung stehen.Deutlich weicher und entspannter gelang allerdings zuvor schon ein in tragischen Rezitativen sprechendes "Andante lagrimoso" von Lizst.Dann ein verblüffender Wandel: plötzlich leuchtet und funkelt die "Chaconne" op.32 von Carl Nielsen in hellsten Farben, geben Bässe und Mittelstimmen in transparenter Abtönung ein schönes Gegenlicht, strukturiert von immer neuen, spritzig-geschliffenen Bewegungsmustern.

Demgegenüber fällt der Kopfsatz von Robert Schumanns fis-moll-Sonate zunächst wieder etwas zurück, ohne den Kontrast von gehetztem Getriebensein und depressiver Erschlaffung ganz preiszugeben.Dann blühen im langsamen "Aria"-Satz innige Melodien, stampft das Scherzo in wunderbar trotzigen Polonaisen-Rhythmen auf.Das Finale vollends wird zum Triumph: alles, was gegen diesen Satz als "schwache Erfindung" oder "inkonsistente Form" vorgebracht wurde, zerfällt vor diesem erzählerischen Schwung, seinen skurrilen Fugat-Brüchen, den irisierend beleuchteten und rhythmisch belebten Klangflächen, aus denen zart bebende Melodiefloskeln auftauchen.Bravo!

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