Hommage an Ida Lupino : Mutter weiß sich zu helfen

Hollywood-Feministin: Das Arsenal feiert die Regisseurin und Schauspielerin Ida Lupino.

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Braut und Gangster. Ida Lupino und Humphrey Bogart in „High Sierre“ von Raoul Walsh (1941).
Braut und Gangster. Ida Lupino und Humphrey Bogart in „High Sierre“ von Raoul Walsh (1941).Foto: Arsenal

„Rape“, Vergewaltigung, nennt es keiner. Stattdessen reden sie von einem „brutalen Überfall“, und der Polizist entschuldigt sich dafür, dass er die Gesetze, die die Ermittlung des Täters erschweren, nicht erfunden habe. Die Tat nicht beim Namen zu nennen, sie auf Vageres abzuschwächen, das Trauma des Opfers: All das stammt aus einem US-Spielfilm von 1950. Anne, eine frisch verlobte Büroangestellte, holt sich jeden Tag zwei Becher Kakao an einer Imbissbude, jeden Tag wird sie dabei vom Verkäufer observiert, er baggert, sie reagiert nicht. Über der nächtlichen Tat auf dem Parkplatz einer Fabrik liegt später wie ein langer Schmerzensschrei das Hupen eines Lastwagens. Anne flieht und kommt in einem fremden Dorf unter. Doch Angst, Körperstörung und Trauma bleiben.

In etwa 85 Prozent aller Vergewaltigungen kannte das Opfer den Täter – das ist beim mutmaßlichen Verbrechen an Gina-Lisa Lohfink nicht anders als 1950, als Ida Lupino es in „Outrage“ inszenierte, für den sie, gemeinsam mit ihrem damaligen Mann und Produzenten Collier Young, auch das Drehbuch schrieb. Es ist der zweite US-Film zum Thema überhaupt, 1948 wurde mit „Johnny Bellinda“ am Hays-Code vorbei die Geschichte einer gehörlosen Frau erzählt, die ein Kind vom Täter gebiert.

Lupinos Fokus liegt klar auf dem Leid des Opfers. Damit fasste die damals 32-jährige Britin, der das Arsenal nun eine Filmreihe widmet, wiederholt heiße Eisen an. Sie war eine Hollywood-Rarität – als Regisseurin (vor ihr gab es mit Dorothy Arzner eine einzige Frau in der „Director's Guild“) und als Drehbuchautorin, auch schon als Schauspielerin: Weil sie nicht mit Ronald Reagan arbeiten wollte, sperrte man sie für ein paar Monate. In dieser Zeit, erzählt sie, habe sie am Set herumgelungert und das Inszenieren entdeckt. Young und Lupino gründeten 1949 die unabhängige Produktionsfirma „The Filmmakers“ – mit der Absicht, kleine, authentische Geschichten zu erzählen, Sozialdramen darüber, „wie Amerika wirklich ist“. Sechs Filme entstanden unter Lupinos Regie, die meisten mit einem Budget unter 200 000 Dollar und Mikro-Drehzeiten.

Sie inszenierte auch als erste Frau einen rein männlichen Cast: Auf einem Setfoto zu „The Hitch-Hiker“ gibt sie in Sonnenbrille, Kopftuch und Hose den drei Hauptdarstellern Regieanweisungen. Der Film ist ein Noir-Klassiker – und der einzige desert noir. Fast komplett in der Wüste gedreht, erzählt er die auf Tatsachen beruhende Geschichte eines Serienkillers, der zwei Männer in seine Gewalt bringt. Auch hier gibt es die Autohupe – sie untermalt unheilvoll das Kidnapping.

Moral und Doppelmoral

In einem Film der Reihe hat Lupino sich gar selbst ein wunderbares Entrée inszeniert: Der spätere „The Bigamist" kann mit seiner Ehefrau (Joan Fontaine) keine Kinder haben. Als die romantische Verbindung in einer geschäftlichen Partnerschaft versickert, macht der unglückliche Protagonist eine Sightseeingtour „zu den Häusern der Stars“. Eine Bank neben ihm sitzt, die Augen cool geschlossen, während alle um sie herum auf die pompösen Villen starren, Phyllis (Lupino). Wie als Kommentar zur Traumfabrik behauptet Phyllis, sich nicht für Glamour zu interessieren: „Ich stehe nur auf Busfahren!“. Sie nimmt den bezauberten Mann mit in ein chinesisches Restaurant, wo sie verschwindet und, Überraschung, als Kellnerin wiederkommt.

Im Verlauf der Geschichte geht es viel um (Doppel-)Moral. Dass Lupino zur Drehzeit frisch von Young geschieden war, gerade ein Kind von ihrem zweiten Mann bekommen hatte und Young ausgerechnet Lupinos Co-Star Joan Fontaine heiratete, ist mehr als Hollywood-Gossip. Bereits in „Not Wanted“ (1949) hatte Lupino, die den Regiejob von dem erkrankten Elmer Clifton übernahm, mit einer Story über ein uneheliches Kind auch dieses Tabu behandelt.

Aber sich öffentlich zum Feminismus zu bekennen, wäre sozialer Selbstmord gewesen – Lupino nahm vielleicht darum den Umweg über das Mütterliche und hockte auf einem Regiestuhl mit den Worten „Mother of All of Us“. Sie selbst konstatiert, männlichen Schauspielern müsse man vorschlagen, etwas „für Mama“ zu tun. Wie Männer zu dieser Zeit Frauen inszenierten, wird in Raoul Walshs „High Sierra“ deutlich. Lupino spielt eine Gangsterbraut an der Seite von Humphrey Bogart. Sie sitzt mit Schleife im Haar weinend zu Füßen des geliebten Mannes und hält seine Hand schutzsuchend an ihre Wange. Das waren die Frauenfiguren, die Hollywood wollte. Und denen Lupino mit ihrer Arbeit den Garaus machen wollte.

Bis 31. Juli im Arsenal, Filmhaus am Potsdamer Platz

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