Hommage an Wilfriede Maaß : Mit Keramik gegen das DDR-System

Die Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß war Treffpunkt der DDR-Opposition. Die Ausstellung "Brennzeiten" in der Pankower Galerie Forum Amalienpark erinnert daran.

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Klaus Killisch und Sabine Herrmann in Wilfriede Maaß' Keramikwerkstatt.
Zeitzeugen: Klaus Killisch und Sabine Herrmann waren in Wilfriede Maaß' Werkstatt dabei.Foto: David Heerde

Viele Menschen bewahren das gute Geschirr in der Vitrine auf. In Klaus Killischs Pankower Atelier steht es auf dem Tisch. „Tee?“, fragt er und gießt ein. Die Tasse ist sehr leicht, sehr dünn, fast wie chinesisches Porzellan. Auf dem Grund räkeln sich erotische Figuren. Killisch hat die Gefäße selbst bemalt, einige vor 25 Jahren, andere kürzlich. „Es brauchte ein paar Versuche, bis die Glasur den sanften Grünton hatte, den ich wollte“, erzählt er. Wie früher war es Wilfriede Maaß, die dafür gesorgt hat, dass es schließlich klappte.

Die Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß war in den 80er Jahren Wohnzimmer und Treffpunkt der subversiven Künstlerszene Ostberlins. Die Tassen, Teller und Vasen, die dort von anarchischen Künstlerpunks bemalt wurden, sind jetzt in der Ausstellung „Brennzeiten“ in der Pankower Galerie Forum Amalienpark zu sehen. Klaus Killisch und Sabine Herrmann haben an der Schau mitgearbeitet, und im Vorfeld sind sie noch einmal zu Wilfriede Maaß gefahren. Deren Werkstatt ist seit 1998 nicht mehr in Berlin, sondern in Schlemmin bei Ahrenshoop, wo sie in einer Keramikerfamilie aufwuchs. Für Killisch war es „wie eine Zeitreise“.

Alles begann mit den Literaten. Wilfriede Maaß, gelernte Töpferin, bezieht 1978 mit ihrem Mann, dem Musiker und Biermann-Verehrer Ekkehard Maaß, eine Erdgeschosswohnung mit Werkstatt in der Schönfließer Straße 21 in Prenzlauer Berg. Ihr Mann veranstaltet bald illegale Lesungen und Konzerte. 1980 kommt der Schriftsteller Sascha Anderson – der sich später als Stasi-Spitzel entpuppt – aus Dresden dazu. Der umtriebige Anderson zieht Dichter an wie Heiner Müller und Christa Wolf, aber auch Künstlerfreunde, die Ausreiseanträge gestellt haben und in Berlin auf den Absprung warten. Während in der Wohnküche debattiert wird, landen viele auch in der Werkstatt von Wilfriede Maaß – und finden dort Wärme, Freundschaft und künstlerische Freiheit.

Wilfriede Maaß hat einen geschützten Raum geschaffen

Cornelia Schleime ist die Erste, die ab 1982 rotzige Figuren auf die Keramik malt. Wilfriede Maaß verbreitert die Tassenform, optimierte das Ritzen in die Glasur. Kein Experiment ist ihr zu wild. Außerdem hat sie Kontakte zu westlichen Botschaften, die nach interessanten Stücken suchen. Das sichert so manch ausgegrenztem Künstler die Existenz. „In der Werkstatt gab es einen großen Tisch, an dem immer Künstler und Schriftsteller saßen und Tee tranken aus diesen legendären Tassen“, erzählt Herrmann. „Die Keramik hat mich zunächst überhaupt nicht interessiert. Sondern das, was Wilfriede Maaß da gemacht hat. Das freie Sprechen in einem geschützten Raum. Der Austausch zwischen den Künstlern.“

Killisch und Herrmann, die damals schon ein Paar waren, studieren bis 1986 an der Kunsthochschule Weißensee. Bei einer Ausstellung in der Galerie von Gerd Harry Lybke in Leipzig treffen Herrmann und Maaß erstmals aufeinander. „Willst du es mal probieren?“, fragt Maaß. Die Maler, mit denen sie bisher gearbeitet hatte, haben die DDR fast alle verlassen. Sie will neu anfangen.

Keramik gegen das DDR-System

„Die ersten Versuche, auf Keramik zu malen, waren furchtbar“, erinnert sich Herrmann. „Der Untergrund ist staubtrocken und wie bemehlt. Der Pinsel bleibt hängen.“ Klaus Killisch holt einen Katalog aus dem Regal. Auf seinen Gemälden aus den 80er Jahren toben rauchende Männer, Feuer lodert. „Wir wollten gegen das einengende DDR-System opponieren. Mach’ das mal auf einem Teller.“ Doch die konzentrierte Arbeit, Tasse um Tasse, öffnete einen neuen Blick aufs eigene Schaffen. „Ich habe gemerkt, dass Inhalt allein nicht reicht. Farbe, Form, Gestaltungswillen. Das hab ich mir bei Wilfriede erarbeitet“, sagt Herrmann. Sascha Anderson schreibt später: „Ich sah den Malern zu, wie sie versuchten, das Gefäß zu überraschen und überrascht wurden.“ Angelockt vom Kitzel der stasiüberwachten Werkstatt kommen Besucher und kaufen, was in den Regalen steht.

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