Hommage : Der Spieler und der Reisende

Exkursion durch einen schillernden Theaterweltraum: Die Konrad-Adenauer-Stiftung ehrt den Schauspieler Gert Voss, der gut gelaunt aus seinem großen Erlebnisfundus berichtet.

von
Gert Voss
Gert VossFoto: picture alliance / dpa

Kein Schauspieler muss spielen, dass er gern im Mittelpunkt steht. Aber was hier von Gert Voss verlangt wurde, ging über das normale Maß an Selbstgefallen weit hinaus. An die Rampe sollte er sich stellen, für Minuten schweigen und dabei denken: „Ja, meine Damen und Herren, so was wie mich haben Sie noch nie gesehen, schauen Sie her, Sie sehen den schönsten Mann der Welt“. In Grund und Boden geschämt hat sich Voss. Aber natürlich ist es ihm dann doch gelungen, ein stilles und wahres Fegefeuer der Eitelkeit zu entfesseln, als Ferdinand in der „Herzogin von Malfi“, seiner ersten Rolle bei Regisseur Peter Zadek. Voss hat diese Probenszene in seinem autobiografischen Buch „Ich bin kein Papagei“ beschrieben, das sich im Untertitel „Eine Theaterreise“ nennt. Unterwegs hat der heute 70-Jährige die tollkühnsten Parts von Shakespeare, Tschechow, Beckett oder Bernhard verkörpert und ist den besten Regisseuren begegnet, weswegen Bundestagspräsident Norbert Lammert jetzt auch die hochfahrende, aber unwidersprochene These wagt: „Mit wem er nicht zusammengearbeitet hat, der war im Zweifelsfalle nicht bedeutend.“

Nicht mal der größte Schauspieler kann spielen, er würde nicht gern geehrt. Jedenfalls nicht glaubhaft. Also wird Gert Voss an diesem Abend erst gar nicht versuchen, mit Bescheidenheit zu kokettieren. Sondern dankend genießen. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat ihm eine Hommage ausgerichtet, eine Auszeichnung, die einmal im Jahr einer herausragenden Persönlichkeit der deutschsprachigen Kultur zuteil wird. In der Vergangenheit waren das Künstler wie Heiner Müller, Adolf Muschg, Jutta Lampe oder Arvo Pärt. Jetzt sitzt Voss im Auditorium der Stiftungs-Akademie, blickt auf ein überlebensgroßes Bild seines Richard III., den er bei Claus Peymann am Wiener Burgtheater in ein bestürmend anrührendes Scheusal verwandelte, und lauscht den Lobreden. Von Norbert Lammert, der im Rekurs auf den mehrdeutigen Voss’schen Buchtitel, munter mutmaßt: „Müsste er auf der Bühne gegen einen leibhaftigen Papagei antreten – Voss wäre der authentischere.“ Von Hans- Jörg Clement, dem Kulturleiter der Stiftung, der sich das Handke-Wort vom „Wahrspieler“ leiht, um eine ungekünstelte Kunst zu beschreiben, der jener falsche Theaterton verhasst ist, „den es auch in der Politik gibt“, wie Voss lächelnd ergänzen wird. Und freilich folgt er bewegt der Laudatio des Tagesspiegel-Autors Peter von Becker, der als langjähriger Wegbegleiter des Bühnenreisenden eine leuchtende Exkursion durch dessen Theaterweltraum unternimmt, den Tabori-Othello oder den Zadek-Iwanow wiederauferstehen lässt, um den Kreis zur Gegenwart zu schließen, wo Voss in Bernhards „Einfach kompliziert“ am Berliner Ensemble oder als in Herzog in Shakespeares „Maß für Maß“ an der Schaubühne glänzt.

Im Gespräch mit von Becker beweist Voss dann einmal mehr, dass gutes Theater vor allem von der Erzählung lebt. Man muss an den famosen Interviewfilm denken, der ihn unter dem Beckett-Titel „Scheitern, scheitern, besser scheitern“ mit Harald Schmidt zusammenführte. Er schöpft auch an diesem Abend freigiebig aus seinem Erlebnisfundus, spricht so liebevoll über die Arbeit mit Zadek, wie über frühe Versuche, die Mutter mit erfundenen Geschichten zu übertölpeln: „Schauspielerei“, sagt Voss vergnügt „ist ja nicht nur Aufklärung. Sondern auch hinters Licht führen“. Auch darin ist er der Größte.

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