Kultur : Homo-Ehe: In Deutschland heiß diskutiert, in Dänemark längst Realität

Jens Jürgen Madsen

Als Absender ist Ihre Majestät, Königin Margarethe von Dänemark angegeben. Wenn die Persönlichkeiten des Landes ihre Einladungen für den Neujahrsempfang auf Schloss Amalienborg erhalten, ist dem königlichen Brief selbstverständlich die Bitte hinzugefügt, auch die Gattin oder den Gatten mitzubringen. So ist es Tradition im königlichen Hause. Doch im vergangenen Jahr brach ein neues Zeitalter an. Einer der Gäste - der frühere Gesundheitsminister und Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für das EU-Parlament, Torben Lund - wurde vom Hofe ganz offiziell mit seinem männlichen Partner geladen.

Erstmals waren die Pressefotografen nicht nur damit beschäftigt, die prunkvollen Roben der weiblichen Gäste zu verewigen. Im Zentrum des Blitzlichtgewitters standen Torben Lund und sein Lebensgefährte Claus Lautrup. "Wir wurden von allen Seiten mit Glückwünschen überhäuft. Und als wir von der Königin, dem Prinzen Henrik, den beiden jungen Prinzen und von Prinzessin Alexandra begrüßt wurden, war die Haltung absolut positiv," erinnert sich Torben Lund an den denkwürdigen Abend.

Anfang der achtziger Jahre stand Lund noch an der Spitze der Bewegung, die um das "Gesetz für eingetragene Partnerschaften" kämpfte. Es wurde 1989 verabschiedet - Dänemark wurde das erste Land der Welt, in dem Schwule und Lesben eine Ehe-Urkunde erhalten können. Seitdem haben Tausende von dem Partnerschaftsgesetz Gebrauch gemacht.

Und die Familie feiert mit

Lund ist sich sicher, dass die gesetzliche Regelung für die ständig steigende Akzeptanz von Homosexuellen in der dänischen Gesellschaft entscheidend war. Er selbst hat zwei heterosexuelle Ehen hinter sich, letztes Jahr gab er im Kopenhagener Rathaus Claus Lautrup das Ja-Wort. "Wir hatten den Wunsch, unserem Verhältnis einen ehelichen Rahmen zu geben. Unsere Partnerschaftsfeier war genauso festlich wie jede andere Hochzeit", sagt Lund. "Die ganze Familie mit Onkeln, Tanten und Großeltern erlebt plötzlich hautnah die Universalität der Liebe - selbst wenn sie zwischen zwei Personen gleichen Geschlechtes stattfindet. Früher gab es um Homosexuelle viel Geheimnistuerei. Auch weil oft nur ihre bizarren Seiten in den Medien dargestellt wurden." Heirat manifestiere dagegen ein Stück bürgerlicher, menschlicher Normalität.

Zur Zeit leben in Dänemark unter gut fünf Millionen Einwohnern 2556 Männer und 1636 Frauen in so genannten registrierten Partnerschaften. Nur jeder Zehnte, der seine Partnerschaft offiziell beurkunden lässt, ist unter 30 Jahre. Immerhin gibt es 120 homosexuelle Paare über 70, die spät geheiratet haben. In einer von zehn lesbischen Partnerschaften existieren Kinder. Selbstverständlich werden Homosexuelle auch geschieden - genau wie Heterosexuellel. Bislang haben 410 Schwule und 304 Lesben ihre registrierten Lebensbündnisse aufgelöst. Und es gibt 292 Verwitwete.

Den Anfang hatten vor allem Männer gemacht, die ihr Verhältnis registrieren lassen wollten. Heute sind es überwiegend Frauen, die untereinander heiraten. Nach und nach wurde der Begriff "verheiratet" eine allgemeine Bezeichnung für homosexuelle Partnerschaften, obwohl Schwule und Lesben noch immer keine kirchliche Trauung erhalten können. Sie vollziehen jedoch die offizielle Zeremonie auf dem Standesamt, ähnlich der säkularen Trauung von Heterosexuellen. Danach kann das Paar auch einen kirchlichen Segen beantragen. Die Priester dürfen im konkreten Fall selbst entscheiden, ob sie ihn nun erteilen wollen oder nicht.

Juristisch gesehen, sind die Rechte und Pflichten der homosexuellen Paare im großen und ganzen die gleichen wie bei gewöhnlichen Ehen. Eine Ausnahme bleibt die Möglichkeit, Kinder zu adoptieren. Auch beim Erbrecht sind Schwule und Lesben völlig gleichgestellt. Und 1999 kam das Recht hinzu, Nachkommen des Partners adoptieren zu können: die sogenannte "Stiefkinderadoption"; darüber hinaus erhielten die Lebenspartner das Recht, gemeinsam die elterliche Gewalt auszuüben. Auf diese Weise haben Kinder in homosexuellen Familien die gleichen Rechte wie andere Kinder.

Die Kritik ist verstummt

Auch ausländische Staatsangehörige, die zwei Jahre in Dänemark gelebt haben, können ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft registrieren lassen: Davon machen vor allem Schwule und Lesben aus Norwegen, Schweden und Island Gebrauch, die bereits in ihrem Heimatland geheiratet haben.

Henning Bech vom Soziologischen Institut der Universität Kopenhagen und Autor des Buchs "Wenn Männer sich begegnen. Homosexualität und Modernität" hat die gesellschaftliche Einstellung zu Schwulen und Lesben und Auswirkungen des Partnerschaftsgesetzes untersucht. Ihm zufolge war vor Einführung des Gesetzes unter Gegnern der Reform die Angst verbreitet, der Zusammenhalt der dänischen Gesellschaft sei bedroht und das Land würde international isoliert.

All das nicht geschah nicht. Bech sagt: "Von dem Tag an, als das Gesetz in Kraft trat, ist die öffentliche Kritik verstummt. Keiner hat gefordert, die Sache rückgängig zu machen. Selbst die Christliche Volkspartei und die übrigen bürgerlichen Parteien haben ihren Widerstand aufgegeben und sich nach und nach mit der homosexuellen Familie abgefunden. Sie sehen sie nun als Bestandteil des Lebens in unserem Land."

Die dänischen Schwulen und Lesben sind nach den Erkenntnissen des Soziologen mit ihrer Situation im allgemeinen zufrieden. "Während kritische Homosexuelle in Deutschland die Ehe als bürgerliche Erfindung kritisieren, die die kapitalistische Gesellschaft am Leben erhalte oder zur Unterdrückung der Frauen beitrage, lassen die zehnjährigen Erfahrungen in Dänemark auf keine negativen Wirkungen schließen", so der Soziologe. Im Gegenteil. Auch Betina Vesterby-Mortensen, Vorsitzende der Kopenhagener Sektion des Landesverbandes der Schwulen und Lesben, der ältesten Homo-Organisation der Welt, schwärmt heute von den Wonnen der Normalität: "Es gibt nichts Größeres als die registrierte Partnerschaft!", sagt die Aktivistin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben