Kultur : Homosexualität in der Politik: Offen gestanden

Robert von Rimscha

Bei der Berliner CDU gehen viele empörte Briefe ein. Sie stammen von Absendern, die sich als sozialdemokratische Stammwähler outen und voller Entrüstung ankündigen, ihr Kreuzchen nie wieder bei der SPD machen zu wollen. Die Begründung ist stets dieselbe: die in Aussicht gestellte Koalition der SPD mit den SED-Nachfolgern und die Tolerierung des sozialdemokratisch geführten Senats durch die PDS. Kein einziger der Briefeschreiber, und das findet auch die Berliner CDU gut so, regt sich darüber auf, dass Klaus Wowereit homosexuell ist.

Kein Thema also? Der "Stern" widmet schwulen Politikern einen Titel. "Bild" beteuert unter dem Motto "Die Outing-Lüge", man habe Wowereit keinesfalls genötigt, durch eine Selbstbezichtigung einem geplanten Artikel zuvorzukommen. Die "Welt" meldet unter der Überschrift "SPD-Generalsekretär brüskiert Katholiken - Müntefering provoziert mit Äußerungen zur Homosexualität", die Bischofskonferenz halte es für eine "Unverschämtheit", dass Müntefering gesagt hatte: "Im Prinzip sind Lesben und Schwule für alles geeignet - sogar als Papst." Wobei Müntefering zwar gesagt hatte, ein Outing sei für die politische Kultur hilfreich, aber ebenso deutlich betont hatte, dies müsse jedem selbst überlassen bleiben.

Täglich purzeln Umfragen in die Medien, wonach 89 Prozent ihre Wahlentscheidung nicht von der sexuellen Orientierung des Kandidaten abhängig machen wollen, elf Prozent sie aber berücksichtigen. Wobei im Fernsehen daraus die Meldung wird, elf Prozent lehnten schwule Regierende ab. Ein Streit tobt: über die Dosierung von Privatem, das öffentlich gemacht wird. Die Fronten sind unklar, es wird abgetastet, vorgefühlt, angedeutet. Die "taz" und Grünen-Parteichef Kuhn haben nach Wowereits Schritt andere Politiker als homosexuell bezeichnet - mit Namensnennung. Einige von diesen überlegen sich nun, ob sie, um derlei zuvorzukommen, den Befreiungsschlag riskieren sollen.

Wie erratenes Privates von Politik und Medien instrumentalisiert wird, hat Ute Voigt gerade erlebt. Die 36-jährige Sozialdemokratin, Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, ist ledig, nicht lesbisch. Vor der Wahl landeten Anfragen auf ihrem Tisch: Journalisten behaupteten, dass der politische Gegner sie zum Wühlen im Privatleben Voigts ermuntert habe. Und auch die SPD-Genossen warnten, da könnten ja bestimmte Fragen auftauchen. Voigt solle das wissen. Sie hielt sich bedeckt. Und kein einziger Fahndungsbericht über ihr Nahestehende erschien.

Welches Risiko ein schwuler Politiker eingeht, wenn er sich wie Wowereit outet, weiß Volker Beck von den Grünen. Der rechtspolitische Sprecher der Partei im Bundestag leidet unter der Tendenz, den schwulen Politiker zum Schwulenpolitiker zu machen. Redet er über irgendein Justiz-Thema, wird dies als Alibi gesehen - er könne ja nicht nur die Homo-Ehe fordern. Spricht er über diese, wird "natürlich - der!" geraunt.

Es gibt kein klares Ja oder Nein, auch und gerade nicht für homosexuelle Spitzenpolitiker. Denn es gibt keine Trennung zwischen grundsätzlicher Orientierung und praktischer Lebensführung. Bislang galt in der Bundesrepublik, dass Privatleben zum Thema wird, wenn der Politiker selbst seine Ehe oder neue Liebschaft vermarktet. Ist ein Outing eine solche Einladung zum Stochern?

Ein führender Oppositionspolitiker befürchtet dies. Der Grund, weshalb er sich nicht als schwul oute, sei weniger das Faktum an sich, als die Furcht, nach einer kurzen Schonfrist werde sich die Boulevardpresse an seine Fersen heften und nach jedem Kneipenbesuch den Mann an seiner Seite abbilden: "Der Neue?" Lebte er in einer festen Beziehung, käme ein Outing in Betracht, berichtet dieser Politiker.

Es gibt viele deutsche Politiker, die homosexuell sind, und die breite Öffentlichkeit weiß es nicht. Meister der Täuschung sind die meisten indes nicht. Im unmittelbaren Umfeld verstecken sie gar nichts, ihre Lieblingskneipen zensieren sie nicht nach "einschlägig" oder "problemlos". Was sie nicht tun, ist den großen Gong aufzubauen und ein schallendes "schwul!" oder "lesbisch!" durch die Republik hallen zu lassen.

Wie sich der Umgang mit Homosexualität unter Spitzenrepräsentanten verändert hat, lässt sich an den Affären der letzten 20 Jahre ablesen. General Günter Kießling wurde Ende 1983 gefeuert, weil er unter den Verdacht geriet, schwul zu sein. Weil sich dies nicht bewahrheitete, wäre fast Verteidigungsminister Manfred Wörner gestürzt. 1995 musste CDU-Vizeparteichef Heinz Eggert seinen Hut in Sachsen nehmen, weil er sexuelle Interessen und dienstliche Hierarchien miteinander vermengt haben soll. Geklärt wurde dies nie. In der Öffentlichkeit musste daher der Eindruck entstehen, Eggert habe sein Ministeramt verloren, weil herauskam, dass er schwul sei. Diesen falschen Eindruck nicht korrigieren zu können: Das war damals der Preis, den die politische Kultur bezahlte, weil der Vorwurf des konkreten Fehlverhaltens nicht vom angeblichen Vorwurf der Orientierung getrennt wurde.

Heute würde dies klarer verhandelt werden. Wowereit hat den Applaus seiner Genossen nach seinem Outing so gewertet: "Das ist in der SPD nicht überraschend!" Mag sein, dass er da die Toleranz der Sozialdemokratie überschätzt. Schwule CDU-Politiker, die aus ihrer sexuellen Orientierung kein Geheimnis machen, sie aber auch nicht an die große Glocke hängen, widersprechen Wowereit. "In meiner Partei können die Leute privat im Prinzip machen, was sie wollen", sagt einer. "Bei uns und in der FDP scheint es sogar lockerer zuzugehen als in der SPD."

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