Kultur : „Honeckers Afrika-Korps“

Höfliche Absage an Gaddafi: Klaus Storkmann über Militärhilfen der DDR für die „Dritte Welt“.

Hannes Schwenger

Hier kommen Europas Kubaner“, titelte 1980 „Time“ über mutmaßliche Militäreinsätze der DDR in Afrika. Zwei Jahre später meldete die „Welt“, „Honeckers Afrika-Korps“ sei bereits 30 000 Mann stark. Erfunden hatte diese kolonialhistorische Anspielung der „Spiegel“, aber der zählte 1980 nur 2720 Militärberater der DDR in Afrika, während die „Süddeutsche Zeitung“ schon zwei Jahre früher 3500 DDR-Fallschirmjäger in Angola vermutete und sich dabei auf eine englische Zeitung berief. Sie handelte sich damit ein Dementi des DDR- Außenministers Oskar Fischer ein: „Etwas, was unwahr ist, wird auch durch Wiederholung nicht wahrer.“

Das gilt auch für scheinheilige Dementis, denn Militärhilfe der DDR für Afrika gab es durchaus, wenn auch keine Kampfeinsätze. DDR-Piloten flogen – erst getarnt als Crew der Interflug, dann als Einsatzstaffel der NVA – Militärtransporte nach Afrika und beteiligten sich an Zwangsumsiedlungen in Äthiopien. Militärausbilder der DDR waren als brüderliche „Entwicklungshelfer“ allzeit bereit, und Alexander Schalck-Golodkowski machte weltweite Waffengeschäfte bis zuletzt, als 1990 ein riesiges Waffenlager der „Kommerziellen Koordinierung” (KoKo) bei Rostock entdeckt wurde.

Die geheimen Einsätze und Geschäfte wurden nach außen als „nicht-zivile Hilfsleistungen“ und „spezieller Export“ getarnt, blieben aber nicht unentdeckt. Während es sich bei Meldungen über „Honeckers Afrikakorps“ oft um lancierte Fehlinformationen von Geheimdiensten handelte, hatten dieselben Dienste und ihre politischen Vorgesetzten in Wahrheit ein ziemlich realistisches Bild vom Umfang der Militärbeziehungen zwischen der DDR und ihren Verbündeten in der „Dritten Welt“. So versicherten Referenten im Auswärtigen Amt ihren Chefs, eine dem kubanischen Revolutionsexport vergleichbare DDR-Einmischung in der „Dritten Welt“ sei nicht zu fürchten: „Interventionspolitisch bleibt das Engagement der DDR weit hinter den massiven militärischen Aktionen Kubas zurück.“ Dem stimmt auch Major Klaus Storkmann zu, dessen Dissertation über „Geheime Solidarität“ der DDR den Schleier der militärischen Geheimhaltung lüftet. Für ihn war die DDR nur ein „kleiner Akteur“ im Kalten Krieg, der oft nur als Stellvertreter des „Großen Bruders“ in Moskau tätig wurde – etwa in Nicaragua, wo die Sowjets nach dem Kuba- Konflikt nicht in Erscheinung treten wollten, oder wenn es galt, Chinas Einfluss in Afrika indirekt entgegenzuwirken.

Dazu war die DDR gern bereit, Erich Honecker noch lieber als Walter Ulbricht, der zwar mit Militärhilfe um politische Anerkennung und gegen die Bonner Hallstein-Doktrin kämpfte, aber ägyptische Wünsche nach Entsendung von Kampfpiloten zurückwies; DDR-Soldaten sollten nicht als Kombattanten in militärische Konflikte gezogen werden. Auch Wünsche nach Panzern, Flugzeugen und schweren Geschützen wurden unter Ulbrichts Ägide noch beschieden, die DDR produziere keine „schweren Sachen“. Für „leichte Sachen“ bestünde allerdings „große Bereitschaft, schnell und wirksam zu helfen“. Unter Honecker, dem „anti- imperialistische Solidarität“ eine Herzenssache war, lieferte die DDR nach anfänglichem Zögern auch „schwere Sachen“, nachdem der äthiopische Staatschef Mengistu den DDR-Botschafter beschworen hatte: „Das Volk Äthiopiens fühlt sich isoliert und im Stich gelassen, Genosse!“ Zwölf Jahre, bis zum Ende der DDR, erhielt Äthiopien umfangreiche Militärhilfen. Zeitweilig war sogar geplant, Waffen vor Ort zu produzieren: „Die Produktionsanlagen im angegebenen Wert von 382 Mio VM sollte die DDR liefern.“ Und zwar auf Kredit, der mit künftigen Kaffeelieferungen verrechnet werden sollte. Kaffee war in der DDR Mangelware, Waffen offenbar nicht.

Aber auch Honecker zögerte, mehr als Militärtechnik zu liefern. Wünsche von Oberst Gaddafi nach Einsatz von NVA-Soldaten in Libyen „auch im Kriegsfall“ ließ Honecker „höflich, aber bestimmt“ ablehnen, wollte aber für die Ausbildung von rund siebenhundert libyschen Soldaten in der DDR 27,2 Millionen US-Dollar berechnen. Am Ende kamen nur 283 Auszubildende. Das größte Kontingent an Offiziersschülern stellte Vietnam, das zweitstärkste Syrien. Für bare Zahlung war die DDR im Falle Syriens sogar bereit, auf den obligatorischen Politunterricht zu verzichten: „Mit den syrischen Militärkadern ist … keine Gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung durchzuführen.“

Dafür kassierte die DDR nicht nur, sie ließ sich ihren militärischen Bildungsauftrag auch etwas kosten. Allein die 1981 in Prora errichtete Offiziershochschule für Ausländer „Otto Winzer“ hatte zuletzt über 500 Beschäftigte für Absolventen aus 16 befreundeten Ländern und Organisationen, von denen die wenigsten Selbstzahler waren. Die Gesamtsumme der von der DDR aufgewandten Ausbildungskosten an dieser und drei weiteren Militärhochschulen betrug von 1973 bis zum Ende der DDR 145 Millionen Mark; nur Libyen und Syrien finanzierten ihre Teilnahme selbst, andere Länder wie Vietnam nur die Reisekosten ihrer Teilnehmer. Afghanische und äthiopische Militärs hatten Freiplätze, mussten dafür aber auch den ML-Unterricht über sich ergehen lassen. Andere langweilten sich bei der Ausbildung an der Waffe wie zwei Schützen aus Afghanistan: „Die Kalaschnikow musste uns nicht mehr erklärt werden.“ Ein tansanischer Offizier, dessen Regierung immerhin ein Viertel seiner Ausbildungskosten aufbrachte, fühlte sich in Prora „wie im Gefängnis“. Er wurde sofort in die Heimat entlassen. Hannes Schwenger

Klaus Storkmann: Geheime Solidarität. Militärbeziehungen und Militärhilfen der DDR in die „Dritte Welt“. Ch. Links Verlag, Berlin 2012, 668 Seiten, 49,90 Euro.

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