Hong Kong Philharmonic Orchestra : Sternstunde

Unglaublich, welch tolle Orchester ihre Konzerte dem Berliner quasi vor die Haustür legen. Jetzt hat das Hong Kong Philharmonic Orchestra im Konzerthaus Station gemacht.

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Jaap van Zweden Foto: Hans van den Woerd
Jaap van ZwedenFoto: Hans van den Woerd

„Andere mögen reisen, du, glückliches Berlin, bleib’ zu Hause“, könnte man ein Motto ummünzen, das einst die Habsburger Monarchie für sich erfunden hatte. Wozu noch Geld für Flugreisen verpfeffern, wenn die weltbesten Orchester dem Berliner Klassikfan ihre Konzerte sozusagen vor die Haustür legen? Alle wollen sie hier auftreten, und immer wieder sind faustdicke Überraschungen darunter.

Jetzt hat das Hong Kong Philharmonic Orchestra im Konzerthaus Station gemacht, was man mit der richtigen Mischung aus höchst professionellen Musikern und einem zwar etwas knöcherig auftretenden, aber ehrlich und hart arbeitenden Dirigenten erreichen kann.

Seit drei Jahren ist Jaap van Zweden Chef der Hongkonger, und was er in dieser Zeit aus ihnen gemacht hat, rührt fast zu Tränen. Dass es ein furioser Abend werden würde, klingt schon in der elfminütigen Neukomposition „Quintessence“ von Fung Lam (geboren 1979) an: schrille Streicher, ein Glockenschlag, Sphärenklänge der Holzbläser, jede Instrumentengruppe darf mal ran – eine Studie über die Möglichkeiten von Orchesterfarben. Beethovens Violinkonzert wird dann bei Ning Feng, der in London und an der „Hanns Eisler“-Hochschule studiert hat und in Berlin lebt, zur Romanze. Fein ziselierte, silbrig ausgesponnene Klangfäden, ganz ohne gestische Mätzchen, trotzdem sehr bestimmt und definiert – Energie, die nach innen gerichtet ist und nach außen wirkt. Das Rondo spielt er wie einen Sommerhauch, heiter, ungetrübt, die Musiker liefern dazu einen edel-herben Schimmer von Monumentalität, ein reizvoller Kontrast zu Fengs schlichtem, anrührendem Stil.

In Dvoraks 9. Symphonie wird endgültig klar, dass dieses Konzert eine Sternstunde ist. Die Symphonie „Aus der Neuen Welt“ gerät prachtvoll, pompös, eine Feier des Lebens. Feinste Dynamikschattierungen, schlanker, betörender Streicherklang. Alle Einsätze kommen exakt, scharf, ausbalanciert. Das Blech ist, vor allem im Auftakt zum finalen Allegro con fuoco, top – und darf das in Wagners Walkürenritt noch mal unter Beweis stellen. Mit dem Waseda Symphony Orchestra aus Tokio ist am heutigen Sonntag übrigens schon das nächste Orchester aus Asien zu Gast in Berlin. Nur mal so als Hinweis.

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