Kultur : Hongkong-Filmfestival: Die Wucht der Bilder

Silvia Hallensleben

Arnold Schwarzenegger kommt mit "Collateral Damage" erstmal nicht ins Kino. Und auch sonst wird in Hollywood derzeit hektisch gebastelt: an Startlisten, unpassenden Filmschlüssen und den Projekten der nächsten Jahre. Besonders der Action-Film wird wohl für lange nicht mehr so unbekümmert herumballern dürfen wie bisher.

Auch in Hongkong - die rohe Physikalität seines Action-Kinos gilt als Markenzeichen für den Standort - werden Filme von der Realität eingeholt. "Purple Storm" etwa des Regisseurs Teddy Chen, in dem es um die Eröffnung des neuen Hongkonger Flughafens, kambodschanische Terroristen und ein gekapertes Frachtschiff geht. "Purple Storm" wurde aus aktuellem Anlass aus der Reihe von 15 Filmen gestrichen, die die Freunde der Deutschen Kinemathek in der zweiten Septemberhälfte als Hong Kong Film Festival im Arsenal präsentieren. Eine verständliche Aktion. Andererseits ist es absurd, jetzt ausgerechnet die Filme aus dem Verkehr zu ziehen, die die Bedrohung zumindestens thematisieren, während die Heile-Welt-Programme längst wieder laufen.

Heile Welt wird hier nirgendwo geboten, auch wenn das Programm einen weitwinkligen Einblick in die Vielfalt dessen bietet, was in den letzten Jahren produziert wurde. Dabei beschränkt sich Auswahl auf die Jahre seit der Übergabe der bisherigen Kronkolonie an China, die sich in vielen der Filme spiegelt. Mit einer Ausnahme: "Swordsman", der 1990 Altmeister King Hu mit den New-Wave-Regisseuren Tsui Hark, Ann Hui und anderen zusammenbringt. "Apocalypse Now" auf Chinesisch: Sechs Regisseure wurden verschlissen, Schauspieler nachträglich aus dem Film geschnitten. Trotzdem ist das Ergebnis gelungen. Und in seiner Kombination traditioneller Kampfkünste mit rasanten Schnitten ein gutes Beispiel für die Kombination aus Tradition und Moderne.

Dabei ist diese Produktionsgeschichte für Hongkong durchaus untypisch. Sonst wird hier professionell, präzise, schnell und arbeitsteilig gearbeitet, mit Budgets, die in Hollywood vielleicht für einen Trailer reichten. Auch wenn im Augenblick der Trend zu aufwendigeren Produktionen geht, um mit Amerika auf den asiatischen Märkten zu konkurrieren. In "The Stormriders" etwa von Andrew Lau, einer opulenten Martial-Arts-Fantasie, die vorführt, was digitale Effekte so alles können, wenn man ihnen Fantasievolleres zutraut, als nur Bomber, Saurier oder Menschen zu generieren.

In Sachen Action ist der heroische Gestus, mit dem viele Filme noch Anfang des Jahrzehnts die Unterwelt verklärten, kritischem Blick gewichen. "Beast Cops" von Gordon Chan etwa, ein Film, der - hübsch stylisch gemacht - Triaden und Polizeiapparat in Beziehung setzt. Oder Johnny Tos "The Mission", der aus alltäglicher Perspektive einen Trupp Leibwächter beschreibt.

Seit Mitte der 90er Jahre ist auch das Hongkong-Kino in der Krise. Das hat weniger mit der Übernahme zu tun als mit der Finanzkrise, Hollywood und grassierender Videopiratie. Koproduktionen können dagegen helfen, auch die Eroberung eines neuen Publikums. So landete Action-Filmer Johnny To mit der romantischen Komödie "Needing You", die im Arsenal leider fehlt, den Publikums-Hit des letzten Jahres. Nachahmer folgten schon. Ganz anders der junge Regisseur Fruit Chan. Er thematisiert in seinen atmosphärischen Milieufilmen das Leben von Arbeitsmigranten, Prostituierten und philipinischen Hausmädchen. Persönlich-politisches Kino, das nicht auf den Markt, sondern eher auf Festivals zielt.

Die Sujets und Ansätze mögen verschieden sein - die Stimmungslage ist es, die viele der Filme verbindet. Einsamkeit vor allem, immer wieder als eine melancholiegetränkte Grundstimmung, die so gar nicht zum Bild der geschäftigen Metropole passen will. Aber auch hier schafft die Modernisierung zunehmende Vereinzelung. Und selbst den ersten großen Kino-Export der Kolonie, Bruce Lee, umwebte bei aller Schlagkraft immer eine Aura existenzieller Isolation.

Ergänzt wird das Filmprogramm durch eine Serie von Vorträgen und Gesprächen mit dem amerikanischen Filmwissenschaftler David Bordwell. Zusammen mit dem Hong Kong Economic and Trade Office in Brüssel konnte auch eine Broschüre entstehen, die - für Arsenal-Welten eher ungewöhnlich - fast so hochglänzend daherkommt wie ein neuer Daimler-Prospekt. Leider ist sie bei allen schönen Bildern nur mühsam lesbar: Fast möchte man da hoffen, dass demnächst das Geld wieder knapp ist.

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