"Honig im Kopf" im Schlosspark Theater : Kommt eine Nonne zum Bauern

Hirnablösung, humoristisch: Til Schweigers Kinohit „Honig im Kopf“ ist nun im Berliner Schlosspark Theater als Bühnenstück zu sehen.

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Enkelin und Opa. Nastassja Revvo und Achim Wolff auf dem Weg nach Venedig.
Enkelin und Opa. Nastassja Revvo und Achim Wolff auf dem Weg nach Venedig.Foto: Der Dehmel/Urbschat

War vielleicht ein Fehler, Opa Amandus die Heckenschere in die Hand zu geben. Schwiegertochter Sarah kann gar nicht so schnell die Katastrophenaugen aufreißen, da ist von dem guten, fünf Jahre lang hochgepäppelten Gartengewächs nur noch ein Stumpf übrig. Was Amandus natürlich nicht davon abhält, triumphierend ins Wohnzimmer zurückzukehren: „Was guckst du denn so entsetzt? Zehn Zentimeter, hast du doch gesagt.“

Alzheimer als Komödie? Geht das nicht total an der Tragik dieser Krankheit vorbei? Til Schweiger hat es trotzdem gemacht, 2014 mit dem Film „Honig im Kopf“. Und sich damit immerhin das Verdienst erworben, ein Thema ins Kino zu bringen, das Jüngere gerne eifrig-hilflos verdrängen. Im Film spielt Dieter Hallervorden den Amandus, und sein Steglitzer Schlosspark Theater zeigt jetzt auch die Uraufführung der Bühnenfassung von Florian Battermann, in der Regie von René Heinersdorf.

Prinzipal Hallervorden hat die Hauptrolle an Achim Wolff abgegeben

Leinwand, zwei Bücherregale, später ein Lenkrad, um Autofahren zu simulieren: mehr braucht’s dazu nicht (Bühne: Stephan von Wedel). Prinzipal Hallervorden hat die Hauptrolle diesmal an Achim Wolff abgegeben. Wir sehen einen körperlich noch erstaunlich fitten Senior, dem sich gerade das Hirn ablöst. Der in den Kühlschrank pinkelt, sich verkehrt herum anzieht und dann wundert, dass moderne Hosen keinen Schlitz mehr vorne haben. Witze kann er noch erzählen, immerhin, etwa den hier: Eine Nonne möchte vom Bauern eine Gurke kaufen. Sagt der: „Nehmen sie doch zwei, dann können sie eine essen!“

Lachen als Schutzschild, das die wahre Dimension von Demenz abmildert. Was Alzheimer wirklich bedeutet, ist allenfalls zu ahnen, und dass Amandus seinen eigenen Zustand noch in eigenen Worten beschreiben kann, dürfte mit der Realität weniger zu tun haben als mit dramaturgischer Optimierung: so kann er immerhin selbst die zentrale Formel vom „Honig im Kopf“ äußern. Die Krankheit wird mit den Augen eines Kindes betrachtet. Und tatsächlich spielt ein Kind die zweite Hauptrolle, die elfjährige Enkelin Tilda, die ihren Opa liebt, ihn nicht aufgeben will. Und die ihn deshalb auch nach Venedig entführt, damit er sich an früher erinnert, an Oma als junge Frau, die immer nackt im Lido baden wollte, und an die Tauben, die ihnen damals auf dem Markusplatz ins Tiramisu geschissen haben. Nastassja Revvo ist zwar doppelt so alt wie ihre Figur, was man ihr aber kaum abnimmt, so sehr schmiegt sie sich der Kinderrolle an, unterstützt von Attributen wie Knopfaugen, Stubsnäschen und Zöpfen, gegen die die Nike-Sneaker tapfer anarbeiten. Und einer Mädchenstimme, die quer durch den Saal schneidet und doch nicht schrill wird. Einfach hinreißend girlish.

Karsten Speck gibt den Familienvater als klassischen Ernährer

Tilda besitzt das Privileg, die meiste Zeit alles, was an die Krankheit ihres Opas erinnert, ausblenden zu dürfen. Sohn Niko und Schwiegertochter Sarah können das nicht, dazu sind sie zu sehr von den ganzen Alltäglichkeiten betroffen. Während Amandus selbst mit der glücklichen Zufriedenheit derer, die das meiste vergessen haben, durch die Welt schreitet, müssen sie, die Angehörigen, den Kaffee trinken, den er mit Bohnen und kaltem Wasser aufgegossen hat. Wie es sich gehört, kriselt es auch in der Ehe heftig. Karsten Speck gibt den Familienvater als klassischen Ernährer, der erstaunlich offen über die Affären seiner Frau mit ihrem Chef poltert. Astrid Kohrs schleicht, dauerbereit zum Streit, über die Bühne und wird dann doch schnell versöhnungswillig, erst Tiger, dann Kätzchen. Recht erwartbar schnurrt diese Geschichte ab, mit einem Cliffhanger vor der Pause, bevor es nach Venedig geht. Da verrät sich noch die filmische Basis, und tatsächlich dauert das Stück ziemlich genau 90 Minuten. Für zusätzliche emotionale Grundierung sorgt die von Karsten Speck und Oliver Kegel ausgewählte Klaviermusik mit Streicherbegleitung.

Übrigens, noch so ein Witz von Amandus: Was sagt man bei der Beerdigung eines Schornsteinfegers? Der kehrt nicht wieder. Vielleicht ist der gewählte humoristische Zugriff tatsächlich nicht der schlechteste. Wie Schluckimpfung mit Zuckerwürfel. Der Abend kann therapeutische Funktion haben, das Thema quasi aufschließen für ein Publikum, von dem einige früher oder später selbst von der Problematik betroffen sein werden. Jeder Versuch, das kollektive Wegschweigen von Demenz zu durchbrechen, ist erst mal willkommen. Nur sollte es dabei natürlich nicht bleiben, die Auseinandersetzung, auch die künstlerische, darf gerne höhere Reflexionsniveaus erklimmen. Denn eigentlich ist Alzheimer nicht zum Lachen.

Schlosspark Theater, wieder 21.–24. Juni und im Juli

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