Horacio Quiroga : Wendekreis des Matebechers

Horacio Quirogas klassische Erzählungen in neuer Übersetzung: "Wildnis des Lebens"

Lennart Laberenz

Als die Wochenendgesellschaft am Oberlauf des Paraná im uruguayischen Salto in ein kleines Boot steigt, ist der Oberlauf noch wild. Zur Jagd soll es gehen, aber die Familie kommt dort nie an: Prudencio Quiroga stolpert, ein Schuss löst sich aus dem Gewehr an seiner Seite und durchbohrt seine Brust. Tödlich getroffen stürzt der Familienvater ins Wasser. Vor Schreck lässt die Mutter Pastora ihr Bündel auf den Steg fallen. Wir sind im Jahr 1879: Schon am Beginn von Horacio Quirogas Leben steht das unheilvolle Schicksal.

Unglück und wilde Natur werden zu den beherrschenden Themen für Quiroga. Zwanzigjährig versucht er sich auf ein paar Monate bei den Pariser Bohemien, kehrt aber von der maßlosen Selbstüberschätzung der Künstlerkreise genervt und außerdem pleite nach Montevideo zurück – ein Reisebericht darüber erntet bescheidene Kritiken. Ebenfalls misslich wird eine Veröffentlichung seines Freundes Federico Ferrando besprochen, worauf Ferrando den Kritiker zum Duell fordert. Der Sekundant Quiroga hat ein unglückliches Händchen: Beim Reinigen der Pistole schießt er versehentlich seinem Freund in den Mund. Ferrando stirbt, Quiroga kann eine Gefängnisstrafe umgehen, flieht aber vor der Trauer nach Buenos Aires. Ein Jahr zuvor hatte der Typhustod zweier Geschwister die Freude über die erste literarische Veröffentlichung (Das Korallenriff, 1901) gründlich verhagelt.

Vielleicht sind es solcherlei Begebenheiten, die Quirogas kurze Erzählungen in düsteres Licht tauchen. Sie deuten die starren Sitten der Gesellschaft im Wendekreis des Matebechers aus, aus formalen Gründen kommen hier junge Menschen nicht zueinander, Ehen können nicht geschlossen werden, da die Reputation der Brautmutter fraglich ist. Quiroga beginnt seine Karriere als Erzähler im Stile des Naturalismus, in dem allerdings schon früh anstelle einer moralisierenden Erzählung ein trockener Skeptizismus durchschimmert.

Seine Figuren wollen weniger die sozialen Fragen erörtern oder eine materialistische Weltanschauung mobilisieren, vielmehr verstricken sie sich in fataler Weise in einer Kausalkette, an der sie zugrunde gehen. Anstelle illustre Moral-von-der-Geschicht zu hinterlegen, bleibt schicksalsergebene Lakonie: „Málter nickte mit einem traurigen Lächeln. Und ging nach Hause zum Sterben.“

Von den Anfängen ist es ein weiter Weg zum Titel eines der „ersten lateinamerikanischen Erzählers“, wie ihn Jean Franco, eine der intimen Beobachterinnen der lateinamerikanischen Literaturszene nennt. Während ein Großteil der lateinamerikanischen Literaten sich um die Jahrhundertwende noch von der Geschichte auf der falschen Seite des Atlantiks zurückgelassen wähnte und europäischem Stil nacheiferte, macht sich Quiroga auf die Reise, die ihm zur Wendung nach innen verhilft. Genauer: ins Landesinnere. Im Juni 1903 begleitet er den bekannten Dichter Leopoldo Lugones in den Norden Argentiniens, in den Urwald nämlich, der die Welt des Horacio Quiroga entscheidend beeinflussen sollte.

Von der Reise zurückgekehrt, beginnen seltsame Tiere und die unbarmherzige Natur die Geschichten Quirogas zu bevölkern. Sie gesellen sich als Partner zum weiterhin ungnädigen Schicksal: Eine junge Frau stirbt an der kalten Welt des Ehemannes und der Vogellarve in ihrem Kissen. Die Kurzgeschichte wird 1905 in einer angesehenen Literaturzeitschrift veröffentlicht. Quiroga wird berühmt. Der junge Autor leugnet seine Einflüsse nicht, Poe, Kipling, Maupassant und immer wieder der Dschungel. Quirogas Erzählungen, die nun unter dem Titel „Die Wildnis des Lebens“ zum ersten Mal gesammelt auf Deutsch erscheinen, wenden sich von der urbanen Welt ab, haben auch den Naturalismus längst hinter sich gelassen. Der Modernismo in der Folge Rubén Daríos’ scheint stärker durch, auch wenn sich heute die längeren Erzählungen – wie etwa „Anaconda“ – als Metapher der lateinamerikanischen Reaktion auf die Kolonialisierung lesen lässt. Der Kampf der mit großer Detailkenntnis beschriebenen Schlangen gegen die Eindringlinge muss scheitern, da erstere sich weder untereinander besonders grün noch gegen den übermächtigen Feind strategisch zu arbeiten bereit sind.

In verschiedenen Anläufen bringt er seine Erbschaft im Urwald mit grandiosen und verlässlich scheiternden Ideen durch. Der Autor freilich lernte auf diesen Wegen nicht nur die Naturfotografie, die Arbeit des Baumwoll- und Mateherstellers, auch das Jagen mit Fallen und Büchse. Und er kommt auch an die Grenzen der Zumutbarkeit: Seine erste Frau Anna Maria zwang ihn 1912 zurück nach Buenos Aires zu gehen, wo er bis 1915 größtenteils vergeblich versuchte, durch die Produktion von Orangensaft, Holzkohle, Rosinen und etlichem mehr wieder zu Geld zu kommen. Quiroga muss ein Stehaufmännchen gewesen sein. Seine Kurzgeschichten, die 1917 und 1918 als Erzählungen von Liebe, Irrsinn und Tod und Geschichten aus dem Urwald erschienen, festigten seinen Ruf als Meister der Erzählkunst und lohnten sich auch finanziell. Nach einem Streit mit Horacio vergiftete sich seine Frau und starb nach acht peinvollen Tagen.

Quirogas Erfolg im Vorkriegs-Buenos-Aires ist ein Kontrapunkt auf jenem wimmelnden Handelsplatz der einstmals reichen Nation, die im Wesentlichen von Italienern, Briten und Deutschen entwickelt wurde. Immerhin entwickelte sich die rasch anschwellende Stadt, wie Le Corbusier später feststellen sollte, mit dem Rücken zum Land und „von Lateinamerika abgewandt“. Während in Buenos Aires Stadtplaner ihre Version von Paris nachahmten und die Briten das Eisenbahnsystem als grundlegendes Instrument wirtschaftlicher Entwicklung durch das Land trieben, wanderte Quiroga erneut hinauf in die undurchdringlichen Wälder, weg aus der Zivilisation: Immer mit neuen Frauen, neuen Kindern und neuen Ideen.

Vermutlich entsprach Quiroga zu einem gewissen Maße jenen Glücksuchern, die sich noch heute an den Ufern von Paraná, Amazonas oder Orinoco herumtreiben: verschrobene Romantiker, die versuchen praktische Tätigkeiten mit der Suche nach einem Paradies zu kombinieren. Horacio Quiroga gelang es offensichtlich weder als Friedensrichter noch als Beauftragter des Bürgeramtes, den rechten Überblick zu behalten – zum Missvergnügen der Obrigkeit notierte er Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle auf Papierfetzen und sammelte diese in einer Keksdose. Wagner hörte er mit Begeisterung.

Quiroga pendelt zwischen Stadt und Urwald, verschreibt sich in seine Ideen: Er baut seine Dschungel-Wohnstätte in eine Schiffswerft um, erkundet auf selbstgebauten Booten die Gewässer. Und er schreibt und schreibt – Novellen, Kurzgeschichten, Filmkritiken. Ende der 1920er Jahre ist er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und zähmt wilde Tiere. 1929 veröffentlicht er einen abrupten Flop. Bald darauf heiratet er eine Freundin seiner siebzehnjährigen Tochter und zieht nach Norden, wo sie offensichtlich auch bald die Nase voll vom aufbrausenden Schriftsteller inmitten der Einsamkeit hat. Als jene María Elena Bravo den Sohn einpackt und nach Buenos Aires zurückkehrt, lässt sie eine Existenz im Sinkflug zurück. Quirogas Prostatabeschwerden deutet ihm ein Arzt als Krebs. Im Krankenhaus befreit er einen Mann mit üblen Verwachsungen aus einem Kellerloch, dieser hilft ihm 1937 beim Selbstmord.

Er hatte seinen Tod in der Erzählung „Die Ödnis“ anders vorausgesehen, allein gelassen, nicht schuldlos am Verlust der Frau, von einem Sandfloh gebissen, mitten im Urwald. Als 1967 die Geschichten von den Buendías aus Macondo zur literarischen Sensation wurden, gelang dies auch aufgrund der Bresche, die Quiroga in den Urwald geschlagen hatte. Er wusste: „In Misiones, das an einen Urwald grenzt, der sich von dort bis zum Amazonas erstreckt, finden sich eine Reihe von Typen, denen man bedenkenlos alles Mögliche vorwerfen kann, nur nicht, dass sie langweilig werden.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar