Kultur : Horns Wende

Armin Petras inszeniert in Leipzig Christoph Hein

Christoph Funke

Bad Guldenberg könnte irgendwo in der DDR existiert haben. Auf den Landkarten ist es nicht zu finden.Christoph Hein hat den Kurort in seinem Roman „Horns Ende“ (1985) erfunden. Und den seltsamen, unerträglich heißen Sommer des Jahres 1957, als wieder Zigeuner auf den städtischen Wiesen Quartier nahmen, bedrohlich Fremde in der lähmenden Langeweile und misstrauischen Verstocktheit kleinbürgerlichen Daseins.

Ein anderer Fremder, erzählt Hein, macht den Guldenbergern zu schaffen: Museumsdirektor Horn, unzugänglich, verschlossen, scheu. Gerüchte und Beschuldigungen wuchern, Misstrauen macht sich breit, Untersuchungen laufen an – Horn erhängt sich im Wald. Dieser Tod aber bedeutet kein Ende. Hein lässt den toten Horn Fragen stellen, unnachsichtig, drängend, mitleidlos. Die Lebenden müssen Rechenschaft geben über ihr Versagen. Nur Thomas, der Zwölfjährige, und die geistig behinderte Marlene tragen keine Schuld.

Heins Roman, düster, beklemmend, ausweglos, fällt ein vernichtendes Urteil: Leben unter diesen Menschen, in dieser Zeit und in dieser Stadt ist nicht möglich. Die untragbaren Lasten ideologischer Verhängnisse über nahezu jeder Existenz haben eine Deformation zur Folge, die unausweichlich ist – unaufgeregt und protokollarisch genau wird das beschrieben. Das Buch ist trotz seiner beklemmenden Analyse einer gelähmten Gesellschaft in der DDR veröffentlicht worden, wohl auch, weil Hein manches Rätsel um Horn, zu Recht auf kluge Leser hoffend, bewusst nicht preisgibt.

Armin Petras, ab Sommer Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters, hat nun für die Neue Szene des Leipziger Schauspiels „Horns Ende“ in eine Theaterfassung gebracht und diese selbst inszeniert. Woher nimmt er für all das die Zeit?

Am Ende des Spiels lässt er einen Trümmerberg auftürmen – Arztpraxis und Bürgermeisterbüro, Kramladen und Museumstischchen, Lampen, Plastiken, Bilder stehen zur Müllabfuhr bereit, wie das Dasein all derer, die das Mobiliar benutzten. Sorgsam folgt Petras den monologischen Erinnerungsberichten, bis zum radikalen Kehraus, der eine Spur von Hoffnung birgt – wenn alles abgefahren, vernichtet ist, mag ein neuer Anfang möglich sein.

Die Geschichten der Guldenberger Bürger kommen fast zögernd ins Bild, vorsichtig, in ihren zufälligen und schicksalhaft notwendigen Verknüpfungen. Normalität wird aufgebaut auf einer kaum ein paar Schritte tiefen, weit ausschwingenden Bühne vor dem Panorama einer kargen Landschaft (Bühne: Kathrin Frosch).

Brave Leute scheinen in durchschnittlichen Verhältnissen zu leben. Aber mit Zurückhaltung, mit Normalität ist es schnell vorbei, wenn sich Begegnungen ergeben, die nicht sein dürften, wenn um Freundschaft, Einsicht, Vergebung gebuhlt wird, wenn eine unversehens angefachte Liebe sich in Balgerei und Erschöpfung vor und hinter der schützender Gardine entlädt. Petras zeigt das mit Bosheit und Genuss, er mischt den kleinstädtischen Alltag ungeniert auf, mit Pantomime, Slapstick, clownesken Frechheiten, mit Tanz und Gesang. Hinter jeder Handlung steckt Verdruckstes, Verschämtes, Verstecktes, das Verlangen nach Öffentlichkeit und die Scheu vor ihr durchkreuzen sich.

Wie der Roman erzählt auch die Theaterfassung eine in viele Stücke zerrissene Geschichte, frei in den zeitlichen Abläufen. Manche Verknüpfung zwischen den Figuren stellt Petras anders her. Überraschend ist, dass Thomas, die Leitfigur des Romans, an den Rand rückt und auch der Selbstmord des ideologisch gezüchtigten Museumsdirektors, „Horns Ende“ also, aus dem Geschehen ausgespart bleibt. Beiläufig ist die Prosa Christoph Heins nicht auf die Bühne zu bringen. Aber die Darsteller mühen sich um eine Lakonie, in der das Untergründige verstörend spürbar bleibt. Berndt Stübner (Dr. Spodeck), Ronald Kukulies (Bürgermeister) und Robert Kuchenbuch (Horn) meistern diese Gratwanderung zwischen dem scheinbaren Nebenbei protokollarischer Bekenntnisse und charakterlicher Entblößung.

Wie ihre Figuren zerfallen, außer Rand und Band geraten, ist sehenswert. Die Lebensansprüche der Frauen behaupten besonders Anja Schneider als Arzthelferin Christine, Susanne Buchenberger als behinderte Marlene und Bettina Riebesel als Händlerin Fischlinger mit Trotz, Kraft und Temperament. Die in Koproduktion mit Schauspiel Frankfurt entstandene Aufführung stellt Menschen einer toten Zeit nicht bloß, sie drängt auf Nachdenken über Geschichte, über Vergangenheit in Deutschland. In Frankfurt am Main wird das Projekt eine Fortsetzung finden, am 7. April, mit einer an „Horns Ende“ gekoppelten Adaption des Hein-Romans von 2005, „In seiner frühen Kindheit ein Garten“. Auch diese Theaterfassung verantwortet und inszeniert Armin Petras.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben