Kultur : Horror Vacui

Die geheimen Bilderwelten von Kutzner in der Galerie Parterre

NAME

Fünfhundert Kunstwerke musste Michael Kutzner wieder abholen lassen – sie passten beim besten Willen nicht mehr hinein. Verblieben sind dennoch über hundert Arbeiten des Berliner Malers, die sich in den Räumen der Galerie Parterre drängen. In allen Formaten hängen sie neben- und übereinander, sind an Wände und Pfeiler gelehnt und auf dem Boden ausgebreitet. Ein einziger Horror Vacui. Gerade so, als hätte Kutzner für die nächsten Wochen sein aus allen Nähten platzendes Friedrichshainer Atelier verlegt. Die phantastisch-chaotische Werkauswahl trägt den Titel „Die Melancholie als Utopie“.

Kutzner, 1955 in Berlin geboren, studierte bei Dietrich Nosky und Dieter Goltzsche Malerei und Grafik. Aber vor allem haben ihn die Arbeiten von Ernst Schroeder beeinflusst, jenes erst spät wiederentdeckten Vertreters einer vom Eigensinn geprägten Ost-Berliner Malerschule. Seine Arbeiten ließen in den fünfziger Jahren eine starke Verwandtschaft zu den düster-lyrischen Stadtlandschaften Werner Heldts erkennen.

Trotz seiner regen Produktion ist Kutzner immer noch ein weitgehend Unbekannter des Kunstbetriebs. Er hat sich in die Rolle des Außenseiters gefügt und wirkt beharrlich im Verborgenen. Im Gestus kraftvoll und roh haftet seiner Malerei auch etwas Surreales an. Urbane – und doch gänzlich unheutige - Szenerien prägen seine Bildwelten, die von seltsamen Objekten und bizarrem Gerät bevölkert werden. Gießkannen, kopulierende Chimären und archaische Straßenbaumaschinen versammeln sich auf fast menschenleeren Plätzen, die wie Bühnen eines schwer durchschaubaren Spektakels erscheinen. Eine pittura metafisica der östlichen Hinterhöfe, in der sich der Künstler als schwarzgalliger Melancholiker den Teerofen zum zukunftsträchtigen Emblem wählt.

Arbeitsstipendien und Reisen haben Kutzner in den letzten Jahren nach Italien geführt. Hier ging es ihm nicht anders als allen Künstlergenerationen vor ihm, die mit klassischer Antike und Renaissance konfrontiert wurden. Das Bildungserlebnis sickerte tief in den Malgrund ein. Doch mit einer gehörigen Portion Selbstdisziplin und Ironie gewappnet erlag Kutzner aber nicht dem schönen Schein wohlfeiler Italienromantik. Bei ihm hängt der südliche Himmel über dem Palazzo voller Ostberliner Teermaschinen.

Eine Folge von Bildern nach den Knochenmännern der Katakomben in Palermo spricht noch offener aus, was in den meisten Arbeiten Kutzners subkutan unter der Oberfläche schlummert: das Wissen um die Vergänglichkeit der Dinge und gleichzeitig deren Fähigkeit, sich im allgemeinen Beschleunigungsfluss widerständig zu zeigen (Preise auf Anfrage). Jan-Philipp Frühsorge

Kulturamt Pankow, Galerie Parterre, Danziger Straße 101, bis 6. Oktober; Mittwoch bis Sonntag 14-20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar