Kultur : Horrorfilm-Tipp: Das Leben eines Untoten

KM

Ein Greis schleicht zum Fähranleger am Fluss, er hat eine Sense geschultert und trägt einen mächtigen Schlapphut. Nebelschwaden verhüllen das gegenüberliegende Ufer. Aus dem Off das Läuten einer Totenglocke. In Carl Theodor Dreyers meisterhaftem Horrorfilm "Vampyr - Der Traum des Allan Gray" (1931) verschwindet die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn. Ein seherisch begabter junger Mann (Julian West) gelangt in ein von Schatten bevölkertes Zwischenreich. Er befreit die Tochter eines Schlossherrn aus der Gewalt des Bösen und richtet am Ende auch den Vampir, der pikanterweise eine alte Frau ist. Der Höhepunkt des in seiner subtilen Lichtgestaltung außergewöhnlichen Vorkriegsfilms ist die Beisetzung Grays, die dieser mit geöffneten Augen erdulden muss. Dreyer lässt den wie tot Daliegenden durch ein Sichtfenster im Sargdeckel hinausschauen und richtet auch die Kamera immer wieder gen Himmel, um die absurde Furcht vor dem Leben eines Untoten zu veranschaulichen.

Lange waren diese Szenen nur in verstümmelter oder stark beschädigter Form zu sehen. Von Dreyers erstem Tonfilm existierten eine zensierte deutsche Fassung und abweichende englische und französische Kopien. 1998 beauftragte die Stiftung Deutsche Kinemathek das auf Restaurierungen spezialisierte italienische Filminstitut Cineteca Bologna, eine möglichst komplette Fassung herzustellen. Heute um 19 Uhr wird sie im Rahmen der Reihe "Cinema Restaurato" im Arsenal gezeigt. Bis zum 19.12. werden außerdem Filmklassiker wie G. W. Pabsts "Die Büchse der Pandora" mit Louise Brooks als Lulu (12.12., 21 Uhr) und "Tagebuch einer Verlorenen" zu sehen sein (14.12., 19 Uhr), in dem Brooks eine von der Familie verstoßene Apothekerstochter spielt. Weitere Einblicke in die schwierige Rekonstruktion verschollen geglaubter Werke liefern Paul Lenis "The Man Who Laughs" (15.12., 19 Uhr), "Straight Shooting" von John Ford (17.12., 19 Uhr) sowie Joseph Loseys "Imberco a Mezzanotte" (19.12., 21 Uhr).

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