Kultur : Horst ist Wurst

Martin Schwickert

Können Sie sich "Das Tagebuch der Anne Frank" als burleske Filmkomödie vorstellen? Undenkbar - zumindest im deutschen Kino. Nicht nur weil dies das Land der Täter, Richter und Henker ist, sondern auch weil man hier ein sehr grobwurstiges Humorverständnis an den Tag legt. In Tschechien ist die Perspektive und auch die Komödientradition eine andere. Land und Leute sind immer wieder in die Mühlen von Großmachtfantasien geraten: K.u.K-Monarchie, Nazi-Okkupation, Zwangsverbrüderung mit der Sowjetunion. Da wird Humor zur Überlebensstrategie.

Man muss dafür nicht einmal den legendären Schweijk bemühen - auch in der Filmgeschichte der früheren CSSR fällt die wohltuende Abwesenheit geradliniger Heldenfiguren ins Auge. Auch der Josef in Jan Hrebejks "Wir müssen zusammenhalten" passt in die tschechische Heldenlandschaft. Mit Nonchalance und verlängertem Mittagsschlaf begegnet er der Besetzung seines Landes durch die deutsche Wehrmacht. Josef Cízek (Boleslav Polívka) lebt, wie könnte es anders sein, mit Maria (Anna Sisková) zusammen. Doch statt des Christkindes fällt dem kinderlosen Ehepaar 1943 der Jude David Wiener (Csongor Kassai) in den Schoß, für dessen Vater Josef vor dem Krieg gearbeitet hat.

Josef macht sich vor Schreck in die Hosen, als der abgemagerte KZ-Flüchtling eines Nachts vor ihm steht. Eher aus Anstand als aus Heldenmut nimmt er ihn auf. Die versteckte Speisekammer hinter dem Wohnzimmerschrank wird freigeräumt - und mit der heimatlosen Schweinehälfte, die schnell verzehrt werden muss, fangen die Probleme erst an. Das größte Problem heißt Horst. Früher haben ihn alle nur Wurst genannt. Aber unter den Nazis hat der Sudetendeutsche Karriere gemacht. Horst (Jaroslav Dusek) spielt sich mit Bohnenkaffeepräsenten als Wohltäter auf und findet es lustig, in Gestapo-Manier an die Tür zu klopfen. Seine überfallartigen Besuche werden für das Ehepaar zur täglichen Bedrohung.

Manchmal kommt "Wir müssen zusammenhalten" fast wie eine Ohnsorg-Plotte daher. Etwa wenn Josef, Horst und ihr Nazichef überraschend aufkreuzen und David in Panik unter Maries Bettdecke hüpfen muss. Aber gerade die burlesken Momente verschränkt Jan Hrebejk mit dem dramatischen Potential der Geschichte. Während der deutsche Offizier draußen mit Schnaps abgefüllt wird, stehen David und Marie Todesängste aus. In solchen Szenen schnellt der Puls des Filmes nach oben. Die Kamera folgt den Figuren mit nervösen Bewegungen und veränderter Bildgeschwindigkeit. Ulk und Angst vermischen sich zu einer latent hysterischen Stimmung, die auch vom Zuschauer Besitz ergreift.

Der Film analysiert zugleich differenziert die Grenzverläufe des Opportunismus. Unfreiwillige Helden, leutselige Kollaborateure, vermeintliche Widerstandskämpfer - das Prinzip der Ambivalenz bestimmt auch die Figuren. "Es gibt keine bösen Menschen, die nichts Gutes tun, und keine Guten, die nichts Schlechtes tun", sagt Hrebejk und bezieht sich dabei auf Erfahrungen im real existierenden Sozialismus.

Wie Jan Sverak ("Kolya") und Sasa Gedeon ("Die Rückkehr des Idioten") gehört Hrebejk zur ersten Generation jener Regisseure, die nach dem politischen Umbruch 1989 mit dem Filmemachen begonnen haben. Seine Familienkomödie "Pelisky" über die ideologischen Grabenkämpfe 1967 verwies in den Kinos des Landes die US-Konkurrenz auf die Plätze. Hrebejk orientiert sich an den Alt-68ern des tschechischen Kinos: Forman, Chytilova und vor allem Jiri Menzel. Der hatte in "Scharf beobachtete Züge" schon 1966 die Zeit der deutschen Besatzung mit derber Ironie beschrieben, während die antifaschistischen Filme im Bruderstaat DDR immer dem kämpferischen Ernst verpflichtet blieben.

Hrebejk verfeinert die tschechische Humortraditionen und verleiht dem Schwank intellektuelle Tiefe. Ob diese Mischung auch hierzulande goutiert wird? Die Berlinale-Macher vor zwei Jahren meinten, solch tschechischer Humor werde im Westen ohnehin nicht verstanden, und so ließen sie Hrebejk mit seiner Arbeitskopie im Regen stehen. Eine fatale Fehleinschätzung. Ein Jahr später wurde "Wir müssen zusammenhalten" für den Oscar nominiert und spielte in den USA 1,3 Millionen Dollar ein.

Balazs, Colosseum, Filmkunst 66, FT Friedrichshain und Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar