Kultur : Hort zarter Helden

„Schahname – Heroische Zeiten“ feiert die 1000-jährige Geschichte des persischen Buchs der Könige im Pergamonmuseum

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Feuerprobe bestanden. Prinz Siyavosch, West Iran, 1390–1410 Foto: Staatsbibliothek
Feuerprobe bestanden. Prinz Siyavosch, West Iran, 1390–1410 Foto: Staatsbibliothek

„Nicht Kopf noch Herz am rechten Ort“ soll jener Herrscher haben, der sich aufmacht den Himmel zu erobern. Vier Adler schnallt er sich vor seinen Thron und lockt sie mit Hammelkeulen, auf dass sie sich in die Lüfte erheben. Natürlich geht den Vögeln die Puste aus, der König fällt tief und landet im Dickicht, wo schon die Löwen auf ihn warten. Kay Ka’us heißt dieser hochmütige Regent, er könnte der persische Bruder von Ikarus sein. Hochmut wird in allen Epen dieser Welt bestraft. So wie es immer um die universalen, menschlichen Themen geht: Um Macht und Verrat, Liebe und Tod, Gut und Böse. Kay Ka’us’ Schicksal erzählt das sogenannte Schahname, geschrieben vom Dichter Abu I-Qasim Ferdausi. Er beendete es vor 1001 Jahren. Das Buch der Könige, wie es auch heißt, ist eine Genealogie der altiranischen Könige, mythologische und historische Stoffe vermischen sich darin.

Hierzulande kennt heute kaum noch jemand die Geschichten. Im 19. Jahrhundert war das noch anders. Da hat der Deutsche Friedrich Rückert das umfangreiche Werk 1819 ins Deutsche übersetzt. Richard Wagner überlegte sich, ob er aus dem Stoff nicht eine Oper komponieren sollte. Er entschied sich dann für das Nibelungenlied, ein wesentlich kompakterer Stoff: Das Schahname zählt 50 000 Verse, es ist etwa zwanzig Mal so lang wie das deutsche Nationalepos. Der Dichter Ferdausi soll 35 Jahre daran geschrieben haben.

Heute eröffnet eine Ausstellung im Pergamonmuseum, die das Schahname nun wieder zurück ins Rampenlicht holen will. Wenn auch mit stark gedämpfter Beleuchtung, denn die Schätze in der Schau „Heroische Zeiten. Tausend Jahre persisches Buch der Könige“ sind so kostbar, dass sie aus konservatorischen Gründen nicht mehr vertragen. Sie stammen aus den Sammlungen des Museums für Islamische Kunst und der Orientabteilung der Staatsbibliothek. Und wieder einmal zeigt sich, welch großartige Schätze in den Magazinen Berliner Sammlungen schlummern, die sonst höchstens Wissenschaftler zu Gesicht bekommen.

Das Schahname-Epos des Ferdausi, also die originale Handschrift ist heute nicht mehr erhalten. Dafür regten seine bildhaften Verse über die Jahrhunderte Buchmaler dazu an, Illustrationen zu einzelnen Episoden anzufertigen.

Ganz nah muss man an die Glaskästen herantreten, so fein sind die Pinselstriche, so zart die Blumenornamente. Unglaublich, wie das Gold noch blendet. Wie das Lila, das Grün und Rot leuchtet. Bezaubernd, mit wie viel Liebe zum Detail, die figürlichen Szenen ausgeschmückt werden, wie Vögel und Pflanzen mit geschwungenen Gebirgsformationen verschmelzen. Ein Held trägt zwei halbnackte Ringkämpfer auf seinen hocherhobenen Händen davon, die Meute drumherum gafft, hält staunend Finger an den Mund, jedem Einzelnen kann man ins Gesicht schauen. Die Szene stammt aus der sogenannten Schiraz-Handschrift von 1570, die erstmals ausgestellt wird. Der Zufall wollte es, dass sie kürzlich restauriert wurde, die einzelnen Blätter deshalb aus der Bindung befreit waren, und der Besucher nun in den Genuss verschiedener Seiten kommt. Erstmalig. Oder die Geschichte um den Recken Rostam, der im Epos eine große Rolle spielt: Welche Kraft er schon im Kindesalter besaß, schildert ein Blatt aus Indien im 17. Jahrhundert. Da brät ein zartes Bürschlein, im Türrahmen eines wuchtigen Hauses, einem weißen Elefanten eine Keule über.

Die Ausstellung verliert sich nicht in den eher verwirrenden Abfolgen der einzelnen Geschlechter. Immerhin reicht der Stoff von den mythologischen Anfängen der Zivilisation bis zur Eroberung Irans durch die Araber, 651 nach Christus. Stattdessen wird von der kulturellen Bedeutung erzählt, die bis heute andauert. Kinder werden nach Helden benannt, im vergangenen Jahr fanden anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums des Werks zahlreiche Veranstaltungen in Iran statt. Persische Fürsten lasen das Schahname über Jahrhunderte wie eine Handlungsanleitung für tugendhaftes Regieren. Motive aus dem Epos fanden sich in Alltagsgegenständen wie Keramiken und Fliesen wieder, die ebenfalls ausgestellt werden. Außerdem gibt es ein Schattenspiel der Bühnenbild-Studenten der TU Berlin. Und mit einer Kennnummer, die es am Eingang gibt, kann der Besucher die Heldengeschichten Rostams an blauen Säulen virtuell einsammeln – um sie dann am heimischen Computer herunterzuladen.

Der Besucherdienst hat ein umfangreiches Begleitprogramm organisiert, es reicht von Theaterworkshops über Führungen zu Dichterwerkstätten, für Kinder und Erwachsene. Da wurden wirklich alle Register gezogen. Damit man das Schahname nicht mehr vergisst.

Pergamonmuseum, bis So 3.7., Mo–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr. Infos unter: www.smb.museum/rostam

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