Kultur : Hosen runter!

Arthur Millers „Scherben“ im Berliner Renaissance-Theater

Günther Grack

November 1938: Aus Hitler-Deutschland gehen Nachrichten von der „Reichskristallnacht“ in alle Welt. Auch nach New York, in die Wohnung des jüdischen Immobilienhändlers Phillip Gellburg und seiner Frau Sylvia. Gellburg will davon am liebsten nichts hören und sehen, Sylvia aber ist zutiefst erschreckt. Sie zeigt ihrer Schwester ein Pressefoto vom Berliner Kurfürstendamm: „Sie zwingen alte Männer dazu, sich hinzuknien und mit Zahnbürsten den Bürgersteig zu schrubben.“ Sind es diese Nachrichten, die auch ihr selbst die Knie weich gemacht haben? Die Beine versagen Sylvia den Dienst, so dass sie im Rollstuhl sitzen muss. Dr. Hyman, der von Phillip Gellburg konsultierte Arzt, diagnostiziert eine „hysterische Paralyse“, eine psychisch bedingte Lähmung, die vielfältige Ursachen haben kann. Mit der jiddischen Redensart „Tuches offen tisch“, zu Deutsch „Hosen runter“, fordert er den Gatten zu Klartext auf: Funktioniert die Ehe noch?

Der Horror vor dem Holocaust einerseits, private Potenzprobleme andererseits – es ist ein empfindliches Gleichgewicht, das Arthur Miller in seinem späten Stück „Scherben“ (Broken Glass) herzustellen sucht. Szenenweise wechselnd zwischen dem Schlafzimmer des Ehepaars und dem Wartezimmer des Arztes, pendelt das Stück die unterschiedliche Art aus, in der Juden in jenem historischen Moment auf den Antisemitismus reagieren. Während Dr. Hyman, der in Deutschland studiert hat, vertrauensselig auf die guten Kräfte dieses Kulturvolks baut, verrät Phillip Gellburg die Unsicherheit des Juden auch gegenüber Vorurteilen in der amerikanischen Gesellschaft, schwankend zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Und Sylvia? Ihre Lähmung ist die Metapher für die Unterdrückung ihrer Person durch eine politische, soziale, private Übermacht. In der Erkenntnis, dass sie ihr bisheriges Leben „vergeudet“ hat, gewinnt sie am Ende die Kraft zu einem Neuanfang. Als Phillip, von einem Herzanfall niedergeworfen, mit der Todesangst ringt, will sie ihm aus dem Rollstuhl zu Hilfe kommen und macht, so die Regieanweisung, „einen taumelnden Schritt auf ihren Mann zu“.

Elke Langs Inszenierung, eine Produktion der Hamburger Kammerspiele aus dem Jahr 1996, nach sieben Jahren (und dem frühen Tod der Regisseurin 1998) jetzt ins Berliner Renaissance-Theater übernommen, wartet mit den achtbarsten Darstellern auf. Und dennoch kann ihr nicht gelingen, jene Balance zwischen Zeit- und Ehegeschichte zu halten, die der Autor zwar angepeilt, aber nicht gefunden hat. Die reale Situation der Pogromnacht von 1938 bleibt, trotz übers Radio eingespielter Hitler-Reden, nur akustische Kulisse. In den Vordergrund drängt sich der intime Konflikt zwischen den Eheleuten Gellburg, ausgetragen von Gerhard Garbers mit schroff betonter Autorität, die auch mal in Sentimentalität umschlägt, und Barbara Nüsse in geschmeidigem Wechsel von Schwäche und Härte. Moderiert von dem Dr. Hyman des handfest-standfesten Peter Franke, wirkt dieser Konflikt um eheliche Freuden und Pflichten peinlich und lächerlich zugleich, wenn es für den Gatten gilt, buchstäblich die „Hosen runter" zu lassen. Reden wir Tacheles: Diesen Anblick hätte uns Altmeister Miller ersparen sollen.

Bis 16. Dezember (außer am 1., 12. und 13.) .

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