Hospitantin an der Volksbühne : Lass’ blutige Fernseher fliegen

Frank Castorf, Matthias Lilienthal, Christoph Marthaler: In den Neunzigern war die Volksbühne prominent besetzt. Annika Krump war damals Hospitantin - und hat ein Tagebuch geführt.

Annika Krump
Schöne Aussichten: Annika Krump 1992 auf dem Dach der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Schöne Aussichten: Annika Krump 1992 auf dem Dach der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.Foto: Svea Naujok-Kesou

Das waren die wilden Zeiten. Frank Castorf probiert an der Volksbühne „Rheinische Rebellen“ von Arnolt Bronnen. Anarchie der Zwanziger, gespiegelt mit der Wendezeit in Berlin. Wir schreiben das Jahr 1992. Annika Krump ist damals 22 Jahre alt, sie stammt aus Trier und arbeitet die kommenden drei Jahre, bis 1995, an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: als Regiehospitantin bei Frank Castorf, Dramaturgieassistentin bei Matthias Lilienthal und Regieassistentin bei Herbert Fritsch und Christoph Marthaler. Danach leitet sie als „Palma Kunkel – Die singende Tellermiene“ den Grünen-Mittwochs-Salon. Seit 1993 ist sie als Performancekünstlerin unterwegs und tritt jetzt als Annika von Trier als Singer/Songwriterin auf. Über ihre Volksbühnen-Zeit hat sie ein Tagebuch geschrieben, aus dem wir die folgenden Szenen vor abdrucken. In den „Rheinischen Rebellen“ spielen Henry Hübchen und Claudia Michelsen, das Bühnenbild entwarf Hartmut Meyer, Lukas Langhoff war Regieassistent.

Probenmitschrift 9.6.1992
Frank Castorf: „Ick hab keene Idee mehr. Ausprobieren. Ja. Hm. Ausprobieren?… Ick bin infarktjefährdet.“
Henry Hübchen: „Mit vierzig is man nich infarktgefährdet!“
Claudia Michelsen: „Einundvierzig. Mit einundvierzig.“
Henry Hübchen: „Ick hab ’ne Idee! Vielleicht lassen wir och Fernseher und Radios hochfliegen statt Leichenteilen? Blutije Fernseher und Radios!“
Frank Castorf: „Ho, ho, Henry! Dit is aber sehr modern!“
Henry Hübchen: „Jo, die Liebe zum Surrealismus kann man da schon erkennen.“
Frank Castorf: „Können och ’ne Zadeksche Blutorjie machen. Aber dann braucht ihr danach wieder ’ne Würde, ’ne Distanz … Zijarette roochen oder so und dann sagen: ,Mich jeht det allet nüscht an.‘“ Stille.
„Ick weeß nich – allet wat ick so denke, det is nich jut. Ick finde det allet so doof.“
Er blättert mit dem Gummiarm, dem Leichenteil der Requisite, lustlos in seinem Textbuch:
„Wir können det och so machen: Alle so ’n Gummiarm in die Hand, und wir lesen den Text ab und blättern mit den Dingern …“ Stille.
„...,Kultur aus der Jehirnschüssel löffeln‘! Das muss sich aus dem freien Spiel, aus der freien Improvisation entwickeln! Wenn ihr ’n Vorschlag habt, können wir och wat janz andret machen. Je mehr man denkt, desto langweilijer wird det. Ausprobieren! Wir müssen den Punkt der eigenen Schwerfälligkeit überwinden! Man darf det nich so jenau auskalkuliern, wir müssen det aus’m Zufall entwickeln. Kraft aus Unordnung! Mir fällt im Moment nüscht andret ein. Tut mir leid.“

Tagebuch 10.6. 1992
Ich lerne Castorfs Arbeitsweise kennen. Er probt erst mal alle Szenen chronologisch, ohne dass die Schauspieler den Text können. Der Text wird reinsouffliert und zerstückelt, es wird viel improvisiert. Lukas erzählte mir, dass Castorf Szenen nicht gerne wiederholt und sich eigene Inszenierungen auch nicht anschaut. Sie würden ihn langweilen.

Probenmitschrift 10. 6. 1992
Henry Hübchen zu Frank Castorf: „Weeßte, wat Scheiße is? Dass du so viel inszenierst. Da is schon allet verbraucht an Einfällen!“
Frank Castorf stützt sich auf den Requisiten-Gummiarm und seufzt: „Noch 25 Jahre bis zur Rente. Mein Jott!“
Henry Hübchen: „Ick finde, du solltest weniger inszenieren.“
Frank Castorf: „Gibt doch drüben jetzt schon so Kreativitätskurse – kann man da nich jemanden einkoofen? Ihr müsst och selber mal wat machen. Nich immer warten, bis ick wat sage. Ick hab dazu jetzt keene Lust. Na ja. Mir fällt schon wieder wat ein. Könnt och warten, bis ick sage: ,Jetzt wieder links!’“

Probenmitschrift 15.6.1992
Henry Hübchen: „Ick bin ja so wat wie ’ne Illustration. Der ewig arbeitende, schaffende Mann!“
Frank Castorf: „Du bist keene Illustration! So ’n Quatsch! Du bist höchstens ’ne Funktion! Du bist da am Arbeiten, sonst jar nüscht. Ick kämpfe doch gegen jede Illustration! Wir müssen erst mal zur Grundmetapher jeder Szene vorstoßen. Sonst wird dit nüscht. Sonst schaffen wa det nie. Es interessiert keenen. Ihr könnt nüscht vakoofen. Ick sage det jetzt so defätistisch… Ick finde im Moment sowieso allet zum Kotzen. Mein Jott, die große Volksbühne! Dann hätt ick och am Deutschen Theater in den Kammerspielen bleiben können. Da hätt ick als Bühne een richtijet Büro und der Hardy hätte nich so ’n komischet Bühnenbild jebaut, uff dem man nich weeß, wo man hinjehn soll… Die Schräge der Bühne bestimmt doch die Grundlogik, das muss immer wieder spürbar sein! Wir kleben noch an der Logik des Stücks, obwohl das schon lange nich mehr funktioniert. Det is erst mal normal. Aber mir fehlt ’ne Rotzigkeit. Dass das schneller jespielt wird! ... Manchmal denk ick, ihr sehnt euch noch nach ’ner Tür, die man richtig zumachen kann, und nach ’nem Sessel und ’nem Diener, der kommt und fragt: ,Frau Gräfin, möchten Sie eine Tasse Mocca?‘“ (Lachen von unten, Souffleuse und Assistenten).
Henry Hübchen: „Was lacht denn ihr hier?! Unverschämt! Kommt ihr doch mal auf die Bühne!“
Frank spielt mit der Spielzeugpistole, eine Requisite. Es knallt. „Jar nich schlecht. Also: Ihr kommt mit den Ölfässern, dann knallt et und dann lassen wir Von drinne nach drusse von BAP spielen.“ Er grinst ironisch.

Tagebuch 17. 6.1992
Gestern bei der Probe hat Castorf alle rausgeschmissen. Er bräuchte Ruhe. Ich bin mit der anderen Hospitantin kopieren gegangen. Am Nachmittag kam Lukas zu uns: „Kommt mal mit raus!“ Im Treppenhaus hat er gesagt, es hätte ein Krisengespräch gegeben. Ergebnis: Die Souffleuse, der Inspizient und der Bühnenbildhospitant fliegen raus. Zwei von uns drei Regiehospitanten könnten bleiben, wir könnten uns auch abwechseln… Die Schauspieler hätten natürlich am liebsten alle rausgeschmissen.

Daraufhin meinte die andere Hospitantin: „Entweder ganz oder gar nicht! Dann gehe ich lieber!“ Lukas hat prompt darauf reagiert: „’ne gute Freundin von mir heißt mit Nachnamen Schade!“ Ich habe zugegeben, ich sei ja als Letzte gekommen. Das hätte ich mal lieber nicht gemacht. Sie hat es sofort aufgegriffen: „Stimmt! Also bleibe ich! Ihr könnt euch ja abwechseln.“

Tagebuch 20. 6. 1992
Da ich das Regiebuch schreibe, wurde beschlossen, dass ich bleibe. Die zweite Hospitantin bleibt auch: Schade. Der dritte Hospitant hat einen Rückzieher gemacht. Ich bin genervt von der Tatenlosigkeit und Lustlosigkeit Castorfs. Er meinte, vor den Ferien würde ihm nichts mehr einfallen.

Annika Krump: Tagebuch einer Hospitantin. Berlin, Volksbühne 1992/93, Nachwort von Carl Hegemann. 128 Seiten, zahlr. Abb.,. Alexander Verlag Berlin 12 €.
Die Buchpremiere mit der Autorin findet am 29. Januar um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg- Platz statt.

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