Hot Chip : Liebe auf den zweiten Klick

Maschinenmusiker mit Herz: Hot Chip und ihr neues Album „In Our Heads“.

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Niemals offensichtlich werden. Hot Chip aus London.
Niemals offensichtlich werden. Hot Chip aus London.Foto: Steve Gullick/Domino

Die anspruchsvolle elektronische Popmusik wurde in letzter Zeit schwer attackiert. David Guetta und Lady Gaga, Madonna und Skrillex, selbst Gossip schienen Teil des aufgewärmten Masterplans zu sein, der Dance Music komplett die Intelligenz auszutreiben. Die einfache Gleichung: Je lauter der Sound und je billiger die Melodie, desto höher die Chartsposition. Kirmestechno, Mutanten-Dubstep und andere Electro-Auswüchse bollerten, als hätte es die letzten 15 Jahre nicht gegeben. Sie übertönten all die überraschenden, experimentellen Künstler und verstummten nur für einen Augenblick, um Ausnahmeerscheinungen wie James Blake oder Grimes kurz winken zu lassen. Dann ging das Bombardement weiter.

Jetzt, um im Militärjargon zu bleiben, schlägt die intelligente Seite zurück und zwar in Gestalt von Hot Chip. Seit über einem Jahrzehnt verwebt die Band aus London verschiedenste Stränge der Dance Music, verziert sie mit Folk-Rock- Melodien, färbt sie mit Indie-Kolorit und präsentiert das Ganze mit Post-Punk-Attitüde. Hip-Hop und R’n’B, Kraftwerk und Soft Rock, Funk und Disco sind weitere Bezugspunkte, und es braucht einige Besessenheit, um daraus nicht nur funktionierende, sondern großartige Musik zu machen. Hot Chip sind die New Order von heute. Nur besser.

Mittlerweile ist es ein Ereignis, wenn eine neue Platte der im Jahr 2000 gegründeten Gruppe ansteht. Denn Hot Chip gelten als Retter der Popmusik. Den Hörer ihres neuen, am Freitag erscheinenden Albums „In Our Heads“ stürzen sie erst einmal in ein Dilemma. Soll man Musik, die mit Köpfchen gemacht wurde, aber auf Bauch und Beine abzielt, mithilfe des Körpers oder mit dem Geist beurteilen? Der Kopf sagt: wichtige Band. Wichtige Platte. Wichtige Musik. Das Gefühl bleibt skeptisch: Klingt das nicht so wie immer?

Disharmonische Harmonie

Erleichterung nach dem dritten Hördurchgang, als sich der scheinbare Widerspruch auflöst: „In Our Head“ ist doch richtig groß. Nur machen es einem Hot Chip nicht leicht, das sofort zu spüren. Fast so, wie bei der Trennung eines Liebespaares, wenn erst einmal die verschiedenen Phasen von Nicht-wahrhaben-Wollen, Wut, Trauer und Akzeptanz durchlaufen werden müssen, brauchen Hörer und Musik Zeit, ihr über die Jahre gewachsenes Verhältnis neu zu klären.

Das liegt unter anderem daran, dass die Band zwar sofort als Hot Chip zu erkennen ist, aber mittlerweile einen Sound pflegt, der sich als „disharmonische Harmonie“ beschreiben lässt. Die Synthesizer-Linien ergänzen sich nicht, sie kämpfen miteinander, aus ihrem jeweiligen Frequenzbereich heraus. Offensichtliche Hits wie „Over and Over“, „Boy From School“ oder „Ready For The Floor“ aus früheren Zeiten finden sich auf dem neuen Album nicht. Jetzt heißen die Lieder „Motion Sickness“ oder „Flute“ und sind meist im 4/4-Takt gehalten. Trotzdem passiert auf der Beat-Ebene so viel, dass ein Gefühl von Unruhe entsteht. Aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem es „Klick“ macht und man den ganzen Charme der Platte erkennt. „In Our Heads“ ist warmherzig und menschlich, trotz des n Maschinenparks, der zur Klangerzeugung benutzt wird. Moderner Soul, der Leidenschaft durch Gelassenheit und Understatement ersetzt.

Fünf weiße Mittelklasse-Jungs

Hot Chip ist vor allem die Band von Joe Goddard und Alexis Taylor, die sich vor mehr als zwanzig Jahren an ihrer Londoner Schule kennen lernten. Beide singen, beide verströmen diese charakteristische Wärme, aber es ist nicht die tiefe, sanfte Stimme von Goddard, sondern die sehr hohe, verletzliche Stimme von Taylor, die dafür sorgt, dass Hot-Chip-Musik immer als solche zu erkennen ist.

Vor zwölf Jahren fanden sich alle Mitglieder der Band zusammen – „fünf weiße Mittelklasse-Jungs mit einer Vorliebe für die Beastie Boys und Destiny’s Child“, wie Goddard es einmal beschrieb, die an ihrer Version von irgendwie störrischer, aber gleichzeitig perfekter Musik schraubten. Sechs Jahre später – 2006 – war die popinteressierte Welt bereit für die Gruppe mit dem eigentümlichen Gesang. Vielleicht lag es an den Gefühlen, die Hot Chip transportierten, an ihrer Begeisterung und Melancholie. Aber auch daran, dass sich der Club-Dancefloor geöffnet hatte. Pop war kein Schimpfwort mehr, und Gitarren galten nicht mehr als Instrumente des Teufels. „Als wir anfingen, wollten wir unbedingt nach etwas Neuem klingen“, sagt Alexis Taylor heute. „Auch wenn man sagen muss, dass wir nicht so originell sind, wie wir gerne wären.“ Britisches Understatement, denn auch für das neue, fünfte Album gilt die Formel: Niemals das Offensichtliche machen.

Dieser Anspruch, gepaart mit dem verschrobenen Outfit der Musiker, sorgte in der Anfangszeit für das größte Missverständnis in Sachen Hot Chip: Dass man es hier mit einer Nerd-Band zu tun habe, die sich nicht lange halten werde. Sie sei das Ergebnis von Ironie plus Cleverness plus Referenzüberschuss plus auffälliger Brillen. Aber spätestens jetzt, nach dem fünften großartigen Album in Folge, kann man Hot Chip nicht mehr nur in die Hipster-House-Tradition stellen, sondern muss sie zu den großen englischen Bands mit eigenem Sound zählen.

In fast allen neuen Songs geht es vordergründig um den Dancefloor, eigentlich aber um ein Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit, um den Wunsch, gleichzeitig Individuum und Teil von etwas zu sein. Und noch etwas schwingt mit, eine Art präventive Nostalgie. Die Band scheint zu ahnen, dass ihr Gefühl für Musik und die Begeisterung, die all das erst möglich macht, nicht von Dauer sein könnten. Jede Wette, dass Hot Chip das so lange wie möglich hinauszögern werden.

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