Kultur : Hotel Sommer

Ferienzeit ist Lesezeit. Aber welche Bücher sollen in den Koffer? Sieben Reisebegleiter

Christiane Peitz

VANCOUVER

Limonade mit Eis

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Tricks"
Whale Bay. Lake Huron. Ottawa Valley. Keine Ahnung, wo das liegt. Man könnte sich eine Kanada-Karte nehmen und mit dem Finger die Highways entlangfahren. Nr. 7 oder Nr. 401. Der Bus bringt einen in die Provinzorte weitab von Vancouver, dort ducken sich die Villen mit den Holzveranden, und der nächste See ist nicht weit, ein Schotterweg führt dorthin. Vielleicht kommt Grace gerade aus dem Stall, oder Lauren war gerade Schwimmen, oder Nancy oder Juliet oder Robin sitzen vor dem Haus und haben sich Eiswürfel in die Limonade getan. Sie erzählen ein bisschen von sich, keine Romane, nur kurze Geschichten mit langen Lücken zwischen den Jahren, aber das macht nichts. Wenn Alice Munro, die Meisterin der kanadischen Shortstory, auch nur ein Stück vom Kinofilm zeigt, leuchten die Bilder so deutlich, dass man den Rest des Films mühelos hineinfantasieren kann. Acht unaufgeregte, still-verzweifelte, melancholischzarte Geschichten vom Unterwegs-Sein im eigenen Leben: Irgendwie sind all diese Frauen nicht sesshaft, auch wenn sie Familie haben und sich einrichten und die eigene Sehnsucht aus den Augen verlieren, bis der Zufall sie wieder herbeiweht.

Da ist eine Liebe, die im Zug beginnt und mit einer Leichenverbrennung endet, das Fleisch brutzelt im Feuer am Strand. Da ist eine andere nach einem Theaterbesuch, die mit einem Kuss auf den Gleisen besiegelt wird. Da werden Menschen unmerklich schuldig aneinander und verzeihen in ebenso stillen Momenten. Die tragische Verwechslung mit dem Zwillingsbruder. Die kleine Flucht in geliehenen Kleidern. Die verschollene Ziege. Die Tricks, mit denen sich Freunde arrangieren und die wechselseitigen Lügen durchschauen. All das erzählen dir die Frauen auf der Veranda, und dann stellen sie Fragen. „Bist du schon mal geschlafwandelt? Wirst du braun, oder kriegst du Sonnenbrand? Wachsen deine Haare schnell oder langsam?“ Man fühlt sich ertappt und verstanden, möchte gern bleiben, aber zwischen den Bäumen glitzert der See. Man könnte jetzt schwimmen gehen.

Alice Munro: Tricks. Acht Erzählungen. Aus dem Engl. v. Heidi Zerning. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 380 Seiten, 19,90 €

SIZILIEN

Ausflug zur Kräuterwiese

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Die blaue Gasse"
Ob die Literatur den Leser zu einem besseren Menschen macht, bleibt eine offene Frage. Fest steht, dass sie momentweise zu beglücken vermag. Giuseppe Bonaviris Roman „Die blaue Gasse“ gelingt dieses kleine Wunder, indem er nicht nur an einen anderen Ort (Sizilien), in eine andere Zeit (die dreißiger Jahre) verführt, sondern auch in einen anderen Zustand. Der weit über 80-jährige Bonaviri kehrt zurück in seine Kindheit, in den Kreis seiner Geschwister als etwa zehnjähriger Knabe. Er berichtet vom schlichten, bäuerlichen Leben in einem Ton der Verzauberung, den wohl nur hoch betagte Dichter besitzen, die sich in den unschuldigen Zustand einer ungebrochenen Einheit von Mensch und Natur zurückträumen können. Die von ihm beschriebenen Naturschauspiele und bäuerlichen Sitten wirken nie mythisch überhöht, auch wenn die Kinder in den Gräsern und Schatten immer wieder die Geister anrufen und aus heiterem Himmel die poetischsten Dinge sagen.

Die Familie des „Schneiders von Mineo“, den Bonaviri vor fünfzig Jahren in seinem Erstlingsroman vorgestellt hat, begibt sich für die Sommermonate aufs Land, wo jedes Feld und jede Kräuterwiese einen eigenen Klang, einen eigenen Duft besitzt. Gerade dieses sinnliche Miterleben nimmt den Leser fast rauschhaft mit auf Bonaviris elegische Erinnerungsreise und lässt ihn umso unsanfter jedes Mal in der Gegenwart landen, wenn der Autor ins Bewusstsein rückt, dass von diesen Menschen nur noch er und seine jüngste Schwester leben. „Die blaue Gasse“ ist ein Epitaph: für ein untergegangenes Sizilien und eine Schneiderfamilie. Nicola Kuhn

Giuseppe Bonaviri: Die blaue Gasse, Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, C. H. Beck Verlag, München 2006, 279 Seiten, 19,90 €.

KRAKAU

Zum schwarzen Ferkel

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Krakau"
Vielleicht spiegelt sich, wie Adam Zagajewski behauptet, im Labyrinthischen von Krakau tatsächlich die Ordnung der Welt. Und vielleicht verfällt Rolf Schneider deshalb dort in einen Schwebezustand: „In Krakau könnte ich mich auf den Markt setzen, zwei Kirchtürme ansehen, ein warmes Stück Brot essen und vergessen, dass es überhaupt noch etwas anderes gibt als Krakau.“ Marta Kijowksa geht in ihrem „Spaziergang durch eine Dichterstadt“ dem Genius Loci nach: mit Porträts der Großen wie Czeslaw Milosz – und mit klugem Blick auf unruhige Geister von kleinerer Statur. Ihre Literatur- und Kulturgeschichte reicht weit über Polen und das 20. Jahrhundert hinaus. Man begegnet Stanislaw Przybyszewski, wie er in der Kneipe „Zum schwarzen Ferkel“ Berlin aufmischt und dann Krakau den Fin-de-siècle-Schlaf raubt. Man verfolgt, wie Georg Trakl im Ersten Weltkrieg in Depressionen stürzt, sich mit einer Überdosis Kokain umbringt und in einem Armengrab am Fuß des Wawel bestattet wird. Oder man erfährt, wie Stephan Wackwitz, dessen Großvater in einem nahen Dorf als deutscher Gemeindepfarrer lebte, die Stadt als Goethe-Institutsleiter schriftstellerisch entdeckt. Kein nach Planquadraten geordneter Reiseführer, sondern die Erkundung eines geistigen Raums, in dem Kommunismus und Katholizismus verheerende Flurschäden anrichteten, aber auch die Einbildungskraft anstachelten. Gregor Dotzauer

Marta Kijowska: Krakau. Spaziergang durch eine Dichterstadt. dtv, München 2006. 238 Seiten, 15 €.

RIVIERA

Sand auf der Haut

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Hotel Angst"
Ein Buch für eine kurze Reise: 112 Seiten genügen John von Düffel, um nach Bordighera zu reisen und wieder zurück. Und zugleich weit in die Vergangenheit, in die Tiefen der Familiengeschichte. Den Duft von Meer, Staub und Schweiß und süßem Eis hat man danach noch lange auf der Haut. Es beginnt mit den üblichen Kinderferien an der italienischen Riviera, in den sechziger Jahren: das Eis auf der Promenade, Bewunderung für die Strandschönheiten, die langbeinigen, kurzrockigen, drückend heiße Hotelzimmer am Mittag und ein Haus am Ende der Straße, das die Kinder fasziniert. „Hotel Angst“ heißt das Buch, und um das Hotel geht es, einen monströsen Schuppen der Jahrhundertwende, längst Ruine und Legende. Adolf Angst hat es erbaut, damals, als Bordighera die Sommerfrische der Reichen und Kranken war, und nach nur wenigen Sätzen ist man dort, begegnet Charles Garnier, dem Architekten der Pariser Oper, der seinem schwindsüchtigen Sohn eine Villa am Meer baut, damals, zur gleichen Zeit. Gescheitert ist Garnier, sein Sohn stirbt. Gescheitert auch Angst, sein Hotel floppt in der Inflation. Gescheitert der Vater des Erzählers, der in den Sechzigern von einer Neueröffnung träumt. Ihm hat der Sohn ein Denkmal gesetzt – und jener Ferienwelt von einst. Bordighera: ein Erinnerungsort, an den man nicht mehr zurückkommt. Außer beim Lesen. Christina Tilmann

John von Düffel, Hotel Angst. Dumont Speicher, Köln, 112 Seiten, 7,50 €.

TURIN

Schifffahrt mit Platon

Ein Bett (das wichtigste). Ein Sessel (auch nicht schlecht). Ein Tisch mit Stühlen drumherum, der Schreibtisch nicht zu vergessen. Ein Kamin (sehr angenehm). Gemälde und Stiche an den Wänden (auch gut). Und jetzt noch ein paar Briefe, Erinnerungen, Träume, um darin herumzureisen, 42 Tage und Nächte lang (mehr braucht’s nicht).

Das Zimmer, das der französische Offizier Xavier de Maistre in einem Turiner Winter bewohnt und zu dem nur sein Diener und sein Hundchen Zugang haben, ist eigentlich eine Zelle. Nach einem glimpflich schief gegangenen Duell brummt der junge Mann sechs Wochen Hausarrest ab. Seine Fantasie aber verwandelt den Raum, 36 Schritt misst er an den vier Wänden, kurzerhand in eine Montgolfiere. Im Ballon seiner empfindsamen, melancholischen, selbstironischen, mal stillen und mal leidenschaftlich aufwallenden Gedanken schwebt er davon. Bedient sich bei Platon, Montaigne und Laurence Sterne, entwickelt seine Philosophie vom „Tier“ und der „Seele“, die auch eine von Natur und Kultur sein könnte – und räsoniert, schwadroniert, beschwört, zweifelt, verwirft. De Maistre kann Gedanken spazieren führen, auf Luftkopfschiffreise.

Ein Traktätchen aus dem späten 18. Jahrhundert (total unangestrengt). Ein Kopfkissenbuch, gelehrt (nicht zu sehr), galant (nicht zu knapp). Und die Moral (wussten wir schon, aber macht nichts): Wer bei sich ist, ist unterwegs. Auf Reisen. Wohin auch immer. Jan Schulz-Ojala

Xavier de Maistre, Reise um mein Zimmer. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Gerd Haffmans bei Zweitausendeins. 224 Seiten, 14,80 €.

NORWEGEN

Der kurze Sommer

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Pferde stehlen"
Ein Mann, der sich mit 67 ein Haus kauft, weiß, dass es sein letztes sein wird. Den Platz hat sich der Herr „mit den Goldhosen“, wie dessen verstorbene Frau sein Lebensglück nannte, sorgsam ausgesucht. Hoch oben, im Norden Norwegens, wo man die Zeit in Sommern misst. Und wo sie nicht einfach verstreicht, ohne dass man es mitbekommt. Per Petterson, Bibliothekar und Buchhändler aus Oslo, hat mit „Pferde stehlen“ seinen fünften Roman geschrieben (auf Deutsch erschien bislang nur „Sehnsucht nach Sibirien“). Es ist ein wunderbares Buch über den Rückzug eines Witwers, der in der ungewohnten Einsamkeit an die Bilderlücken erinnert wird, die er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt. Was auch mit seinem Nachbarn zu tun hat, einem grimmigen Einsiedler. Beide sind in dasselbe Familiendrama verstrickt, das sich im Sommer 1948 in einem Dorf nahe der schwedischen Grenze ereignete. Damals, als der Erzähler seinen Vater, einen früheren Widerstandskämpfer, das letzte Mal sah, bevor der verschwand, so grußlos wie jemand, der es einer anderen Frau wegen tut. Damals erschoss auch ein Junge seinen Zwillingsbruder mit einer Flinte, die gar nicht hätte geladen sein dürfen, und alle nannten es Unfall. Aber vielleicht war es das nicht. Petterson hat keinen Provinz-Thriller verfasst, sondern einen gedankenleicht abgründigen Roman über die düsteren Krallen der Liebe. Dabei ist der Autor so sehr aufs Erzählen fixiert, dass sein Buch ohne die sprachliche Tollkühnheit auskommt, die Erinnerungsreisen zu begleiten pflegt. Es ist schlicht weise. Kai Müller

Per Petterson, Pferde stehlen. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Hanser Verlag, München. 248 Seiten, 19,90 €.

WOLKE 7

De Profundis

Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
Service Online bestellen: "Die Wissenschaft vom lieben Gott"
Es ist ein hartnäckiges Vorurteil, dass man während der schönsten Tages des Jahres, am Strand oder in den Bergen, am liebsten Leichtes lese. Was ist mit dem Manager in Südtirol auf der Sonnenterrasse, der sich in Heidegger vertieft? Was mit dem Trödelladenbesitzer in Kuba, der sich in Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ vergräbt? Ich habe sie gesehen.

Des denkbar schwersten Themas hat sich der Politikwissenschaftler und Philosoph Otto Kallscheuer angenommen. Zehn Jahre habe er an diesem Werk gefeilt, sagt der Verlag, der die „Wissenschaft vom Lieben Gott“ in der bibliophilen Reihe „Die Andere Bibliothek“ herausgebracht hat. Kallscheuer liefert eine „Theologie für Recht- und Andersgläubige, Agnostiker und Atheisten“, und das schwere Thema ist leichtestmöglich ausgeführt, in der altehrwürdigen Form des Lehrdialogs, aber auch in aphoristischen, lockeren Miszellen. In Zeiten der Wiederkehr des Religiösen entwirft er ein Panoptikum der skurrilen oder frappierend überzeugenden Lehrmeinungen der Kirchenväter wie der Philosophen der Aufklärung und der Gegenaufklärung. Für ihn ist die „Globalisierung ein Projekt Gottes“ und sogar der Polytheismus ein Werk des heiligen Geistes. Was läse sich besser als dieses Buch, wenn der Blick sich zwischendurch auf einem Bergmassiv ausruhen oder auf einem Ozean schweifen kann? Sie werden lachen, die Bibel. Oder die Lehrreden Gautama Buddhas. Marius Meller

Otto Kallscheuer, Die Wissenschaft vom lieben Gott, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 486 Seiten, 34 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben