Hotelbesitzerin Zellermayer : Ihr Schatz sind Anekdoten

Steinplatz, mon amour: Die Hotelbesitzerin Ilse Eliza Zellermayer wird 90 und erzählt aus ihrem bewegten Leben.

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Frau der Wiederkehr. So wird Ilse Eliza Zellermayer, hier in ihrer Villa in Groß-Glienicke, von ihrem Freund genannt. Foto: Uwe Steinert
Frau der Wiederkehr. So wird Ilse Eliza Zellermayer, hier in ihrer Villa in Groß-Glienicke, von ihrem Freund genannt. Foto: Uwe...Foto: uwe steinert

„Ich bin noch voll da, so lange es geht“, sagt sie. „Ich würde noch mal genauso leben wollen.“ In dieser Woche ist jeder Tag verplant. Einer für Maniküre, etc. Leider auch: zwei Beerdigungen. Feierliche Einladung ins Borchardt. Den Tag davor kommt ihr Freund. Für den wird sie im pink-lilafarbenen La-Traviata-Zimmer ihrer Uferpromenaden-Villa, unterm Gemälde des seligen Vaters, das Bett richten. Vis-à-vis hängt das Bild ihrer Tochter, die nie still sitzen wollte, sagt sie, und das Porträt der seligen Mama.

Am Geburtstag gibt sie 43 Gästen ein chinesisches Essen. Gerade ruft ihre Bank an, es sei dringend; auf morgen vertagt. Dauernd hat das Telefon geklingelt. Eben war der Kollege einer Boulevard-Zeitung da. Gestresst wirkt sie nicht. Dem Besucher spendiert sie Wasser aus der Wodka-Flasche. Wodka gäbe es auch, sagt sie. Ihr grasgrünes Palmenzimmer wird von einem Gobelin und einem Flügel dominiert. Sie öffnet die Tür zur Seeblick-Terrasse, auf der ein Strandkorb steht, neben zwei Putten. Sie trägt Designer-Kostüm, mit roten, gelben Perlen bestickt. Die Nägel: dunkelrot perfekt. Das ist mehr als Oberfläche: Disziplin. Die Erziehung des bewunderten Vaters – „Ihr dürft uns nicht blamieren!“ – prägt ihre Haltung bis heute. Vor der Terrasse geben dichte Laubbäume das Passepartout fürs See-Panorama. „Meine Augen sind nicht mehr so doll“, sagt sie. Ihr 500 SL Silber-Cabrio, schwarze Ledersitze, das 18 Jahre lief „wie ein Bienchen“, hat sie aufgegeben. Der Rollator steht um die Ecke.

Ilse Eliza Zellermayer wird 90. Wenn ihre Verliebtheit durchbricht, wirkt sie wie ein Backfisch. Über Kindheitserzählungen liegen dagegen Schleier der Selbstgestaltung. Anekdoten aus dem Promi- Kosmos des feineren Hotelalltags, aus dem Milieu der Künstler, die sie als Agentin betreute, präsentiert sie mit ähnlich pointiertem Gleichmut wie Weichenstellungen im Lebenslauf. Ihr Parcours durch Epochen: eine Plauderei in der Sitzecke.

Sie ist geborene Berlinerin, aufgewachsen im schnieken Familienhotel am Charlottenburger Steinplatz. Das war zuvor ein Offizierskasino. 1933 wird der Vater, jüdischer Herkunft, von der Gestapo verhört. Gehirnschlag, Tod. Die Mutter und ein Bruder führen das Hotel weiter. Ilse verliebt sich in einen schönen Griechen, den sie 1943 heiratet, was ihr als „Mischling“, so hofft sie, Sicherheit geben könnte, die andere Nationalität. Doch als ihr kleiner Sohn in einem Danziger Krankenhaus stirbt, keimt der Verdacht, er sei als Nichtdeutscher vernachlässigt worden.

Nach dem Krieg Scheidung („Ich bin Zwilling, mag mich nicht binden“). Das Hotel kommt neu in Schwung. Nebenan macht Zellermayers Kultlokal „Volle Pulle“ Furore. Der zweijährigen Ehe mit einem Pianisten entstammt die Tochter Ariane. Ilse Eliza startet durch zur Impresaria. Bevor ein Stimmbildner ihr Organ ruinierte, wollte sie Sängerin werden. Als Agentin lebt sie in Mailand und München. Schließlich baut sie sich die kleine Villa in Potsdam: Schmuckkästchen von außen, von innen ein Kulissenzauber aus Stuck und vielen Farben.

Hat sie immer nur das Leben der anderen begleitet? Das findet sie nicht. Große Namen dekorieren ihre Vita: Nabokov, Romy Schneider, Benjamin Gigli, den sie „Nonno“ nannte, Pavarotti und ihr kurzbehoster Liebling Yehudi Menuhin, der seine Stradivari zudeckte wie ein Baby. Mit Prinzen habe sie gespielt, Stars seien Freunde, sagt sie. Ist sie vor allem – Dienstleisterin? Das gefällt ihr. Die Maschinerie einer noblen Herberge begeistert sie. 120 Angestellte habe ihr Haus am Steinplatz („Nicht pompös wie das Adlon, bekäme aber fünf Sterne“) gehabt. Oft saß sie am Empfang. Ein- und ausstöpseln konnte sie wie die Telefonfräuleins.

Den Glanz der Kunden hat sie backstage genossen; auch später, als Agentin für 54 Künstler. Ihr geht’s gut, wenn’s den andern gut geht. Sie offeriert dem Besucher Nüsschen. Möchten Sie rauchen? Sitzen Sie gut? Nicht nur höflich ist sie, sondern: positiv. Und trotz Hotel-Leidenschaft: kein Nomade. Das Steinplatz-Haus war ihre Heimat. Tat das weh, als ein Seniorenheim draus gemacht, das Mobilar rausgeschafft wurde! „Steinplatz, mon amour“, hätten ihre Memoiren heißen sollen.

Vor zehn Jahren ist bereits eine Nähkästchen-Plauderei der Impresaria erschienen („Drei Tenöre und ein Sopran“). Ihre aktuelle Biografie betitelt der Verlag „Prinzessinnensuite“. Das wurmt sie. So sieht sie sich keineswegs, obwohl der Papa sie verwöhnt habe. Ihr Schatz sind Anekdoten. Roaring Twenties, Kriegs- und Nachkriegszeit, Westberliner Jahre. Bilder, Legenden, Stimmungen, Lebensbrüche ziehen wie im Daumenkino unterhaltsam vorbei. Nur über Selbstmörder im Hotel erregt sie sich heftigst. Solch eine verzweifelte, deplatzierte Indiskretion kann sie nicht akzeptieren. An wenigen Stellen knackst es im eleganten Überlebens-Panzer ihrer Selbstkontrolle. Bitterkeit über den Lehrer, der ihre Stimme ruinierte. Der Verlust des Vaters, der Tod des Sohnes.

Sie glaubt an übersinnliche Phänomene. Dass es ihr so gut geht, hat auch mit neuer alter Liebe zu tun. Vor zwei Jahren traf sie einen Mann wieder, von dem sie sich 45 Jahre zuvor in Zürich traurig vernünftig getrennt hatte. Gerade kommt sie von seinem Orgelkonzert in München. Kritiker-Elogen – „Napoleon der Organisten“, „Reinkarnation von Liszt“ – zitiert sie stolz. Er bestehe, sagt sie, „aus Musik und hat nur die Haut um sich herum.“ Bestimmt sei sie im vorigen Leben mit ihm zusammen gewesen – „so eine Vertrautheit!“ Er nennt sie „die Frau der Wiederkehr“. Sie sei immer „hingeführt worden“, sagt Ilse Eliza Zellermayer. Sie schämt sich nicht, glücklich zu sein.

Die Buchpremiere von „Prinzessinnensuite“ (Aufbau Verlag) findet am heutigen Sonntag um 11 Uhr im Hotel Adlon statt.

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