Kultur : Hüftschwung

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WELTMUSIK I

Seinen ersten Auftritt in Europa absolvierte das Orchestra Baobab bei der Hochzeit von Pierre Cardins Tochter, doch ob es das gleich für die „Heiratsklänge“ im Tempodrom prädestiniert? Hauptberuflich waren sie jedenfalls Hauscombo des exklusivsten Nachtclubs in Westafrika. Der „Baobab Club“ muss in den siebziger Jahren eine Art „Studio 54“ im Senegal gewesen sein: Sogar Staatsgäste sollen sich hier amüsiert haben. Als der Club den Besitzer wechselte, zog sein Orchester 1978 nach Frankreich um. Dort konnte es an frühere Erfolge ebenso wenig anknüpfen wie nach seiner Rückkehr in den Senegal. Wie verschlungen die Geschichte dieser Gruppe ist, zeigt ihr derzeit einziges erhältliches Album „Pirates Choice": Die CD ist eine erweiterte Neuausgabe der gleichnamigen LP von 1989, die wiederum eine Wiederveröffentlichung der LP „Ken Dou Werente“ von 1982 war, auf der Titel zweier früherer Kassetten-Produktionen, „Senegambie“ und „Ngalam“, auf Vinyl herausgebracht wurden. Mit dem alten Material gelang Baobab im vergangenen Jahr ein Comeback. Im Tempodrom (noch einmal: heute ab 20 Uhr)verlassen sich die zehn distinguierten Gentlemen aufihr riesiges Repertoire. Ihr Amalgam aus traditionellen senegalischen Rhythmen und lateirikanischen Einflüssen reichern sie mit Afropop-Elementen wie perlenden Gitarrensoli und Call-and-Response-Gesängen an. Aus dem eleganten, glatt geschliffenen Ensembleklang sticht allein das Tenorsaxofon von Issa Cissoko hervor. Dabei bleibt das Orchester immer hübsch midtempo, wie es sich für Herrschaften im besten Mannesalter geziemt. Nie schweißtreibend oder gar ekstatisch, aber stets swingend genug, um sich gemächlich in den Hüften zu wiegen. Sozusagen der James-Last-Sound des schwarzen Kontinents. Oliver Heilwagen

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