Hugenotten-Ausstellung : Von Frankreich ins deutsche Exil

Das Schicksal der Hugenotten zeichnet eine Ausstellung nach, die bis 10. März im lothringischen Metz zu sehen ist. Mitkonzipiert wurde sie vom Deutschen Historischen Museum Berlin.

Metz - Sie flohen bei Nacht und Nebel mit Pferdekarren oder zu Fuß, viele wurden gefasst und ins Gefängnis gesteckt, andere mussten als Galeerensträflinge dafür büßen, dass sie vom protestantischen Glauben nicht abschwören wollten. Mehr als 200.000 französische Hugenotten flüchteten im 16. Jahrhundert ins Ausland, gut 44.000 von ihnen nach Deutschland. Sie gründeten Gemeinden wie Erlangen oder den alten Berliner Stadtteil Friedrichsstadt, bereicherten das kulturelle Leben in Frankfurt am Main oder Potsdam und schafften es auf hohe Posten in Politik und Armee. Ihr Schicksal zeichnet eine Ausstellung nach, die am Freitag im lothringischen Metz eröffnet wurde und bis 10. März zu sehen ist.

Rund 170 Exponate - Gemälde, Gravuren, alte Schriften, Tagebuchaufzeichnungen oder Objekte des täglichen Lebens - Videofilme und Tondokumente schildern (auch in deutscher Sprache) anschaulich, wie die französischen Protestanten im 16. Jahrhundert unterdrückt und in der Bartholomäusnacht vom 23. August 1572 zu Zehntausenden niedergemetzelt wurden. Wie sie nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes, das ihnen vorübergehend eine relative Religionsfeiheit gewährt hatte, ab 1685 abermals Schikanen, Verfolgung oder Zwangsbekehrungen ausgesetzt waren. Viele resignierten und schworen ihrem Glauben ab, andere übten ihre Religion während der so genannten "desert" (Wüste) heimlich aus, wieder andere kehrten Frankreich den Rücken.

Drehscheibe Frankfurt am Main

Der Weg ins Exil führte aus Lothringen, wo es besonders viele Reformierte gab, vor allem nach Deutschland. Dass die "refugiés" dabei ihre Freiheit riskierten, zeigt das Schicksal der 19 Jahre alten Marie du Bois aus Metz. Sie wurde auf der Flucht gefasst und in ein Kloster gesteckt. Von dort entkam sie zehn Monate später und gelangte erst nach zahlreichen Abenteuern über die rund 100 Kilometer entfernte Grenze ins Saarland. Eine wichtige Drehscheibe für die Massenflucht war Frankfurt am Main: Deutsche Glaubensbrüder nahmen dort die "refugiés" auf und leiteten sie an reformierte Gemeinden in anderen Landesteilen weiter, wie sorgfälig ausgefüllte "Fürsorgeregister" mit Namen, Herkunft und Beruf der Flüchtlinge bezeugen.

Fast die Hälfte von ihnen - gut 20.000 - zogen nach Brandenburg, wo sie vom damaligen Großen Kurfürsten mit offenen Armen aufgenommen wurden. Das Gebiet um das heutige Berlin war durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstet, die als fleißig und tüchtig geltenden Hugenotten waren hoch willkommen. Das Aufnahmeedikt von Potsdam verschaffte ihnen 1685 denn auch viele Privilegien. So durften die "refugiés" eigene Kirchen, Schulen und Krankenhäuser errichten und ihren Gottesdienst in französischer Sprache halten.

Beachtlicher Einfluss

Die gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin konzipierte Ausstellung schildert den beachtlichen Einfluss der Hugenotten auf das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben in Deutschland. Hugenotten gründeten im deutschen Exil Textil- und Ledermanufakturen, stellten edles Tafelsilber, elegante Uhren, Schmuck und Schnupftabakdosen her. Französisches "savoir vivre" importierten aber auch Gärtner, die für die Deutschen damals kaum bekannte Gemüsesorten wie Schwarzwurzeln oder Artischocken anbauten.

Zahlreiche Hugenotten fanden Anstellungen als Hauslehrer bei Adelsfamilien, deren Kinder damals französisch lernen mussten. Selbst die Gebrüder Grimm profitierten von der Massenflucht: Auf der Suche nach Volksmärchen trafen sie im Weserland die Hugenottin Dorothée Pierson, die ihnen die aus Frankreich stammende Geschichten vom gestiefelten Kater und Rotkäppchen erzählte.

"Viele Hirne und Arme verloren"

Nachkommen der Glaubensflüchtlinge machten sogar Karriere in der preußischen Armee, wie der Offizier Fréderic de la Motte-Fouqué, der Ende des 18. Jahrhunderts während der napoleonischen Kriege gegen Franzosen kämpfte. Andere gelangten zu Einfluss in der Politik. Jean-Pierre Frédéric Ancillon etwa, der Ururenkel eines "refugiés" aus Metz, brachte es unter Kaiser Wilhelm I. zum preußischen Außenminister. Auch der ehemalige DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière - einer der Schirmherren der Ausstellung - ist ein Nachfahr von Hugenotten. Frankreich habe mit der Vertreibung seiner Protestanten "viele Hirne und Arme" verloren, stellt der französische Historiker Pierre Chaunu fest. Die Massenflucht sei ein "Unglück für Frankreich" gewesen - und ein "Glück für Deutschland". (Von Jutta Hartlieb, AFP)

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