Kultur : Huhn & Hohn

Sarah Michelson beim Berliner Tanz im August

Sandra Luzina

Die Tanz-Theater-Architektur-Stücke von Sarah Michelson sind immer ein Triumph postmodernen Designs. Die Britin, ein Star der New Yorker Szene, erschafft merkwürdige Räume, in ihren schrägen Environments sehen auch die geläufigen Ballettschritte hochartifiziell und befremdlich aus. Die Tänzer in diesen Kunstwelten agieren völlig selbstbezogen – doch für Störungen im Auge des Betrachters hat Michelson gesorgt. Das neue Stück „Dogs“, das beim „Tanz im August“ im HAU 1 zu sehen war, ist eine optische Extravaganza (Michelson ist auch für das Visual Design und das Licht mitverantwortlich). Aber die Choreografin führt ihr Publikum auch wieder lustvoll in die Irre. Ein schwarz-weiß gemusterter Fußboden, metallene Lichtbäume, schmiedeeiserne Möbel: Die Bühne mutet wie die Eingangshalle einer mysteriösen Villa an, in der noch weitere stilistische Verbrechen begangen wurden.

Hinten links spinnt Parker Lutz in weißem Trikot mit Puffärmeln ihre ballettösen Variationen, eine isolierte Figur, ganz auf sich konzentriert. Nach wenigen Minuten saust ein schwarzer Vorhang hinab. Wenn er sich wieder hebt, hat die einsame Ballerina eine andere Position im Raum eingenommen und setzt ungerührt ihre Drehungen fort. Sie wirkt wie die weiße Dame in einem Schachspiel. Der Eindruck verstärkt sich noch, wenn zwei Tänzerinnen in schwarzen Tuniken vorn auf die Bühne stürmen. Sarah Michelson und Jennifer Howard sehen aus, als seien sie dem Tanzmuseum entsprungen. Sie geben die Drama Queens mit kunstvollen Hochfrisuren.

Auf einem silbernen Tablett sind gebratene Hähnchenschenkel aufgeschichtet – sie verbreiten einen penetranten Geruch im Theatersaal. Lutz pausiert einmal in ihrem Endlos-Solo und knabbert an dem chicken. Unvorstellbar, eine essende Ballerina! Man kann bei Michelson ein fernes, verzerrtes Echo auf die verwunschenen Frauengestalten des Balletts finden, zugleich wirken die Tänzerinnen so robust wie die drei Damen vom Grill. Und sie sehen auch nicht so verhungert aus wie die meisten Ballett-Hühner.

Nach 20 Minuten Wachtraum werden die Zuschauer in die Pause geschickt. Im Foyer wird gebratenes Hähnchen gereicht. Der zweite Akt ist noch befremdlicher. Nebel wird auf die Bühne gepustet, in dem die verführerischen Schwestern kaum zu erkennen sind. Sie entpuppen sich als jüngere Klone von Michelson und Howard und enthüllen dann bonbonrosa Trikots mit rasantem Rücken-Po-Dekolleté. Endlich hat auch Greg Zuccolo seinen Auftritt. Er schwirrt wie ein Double von Lutz durch diese Mädchenwelt, nur sein Schnäuzer irritiert. Die Frauen haben sich derweil zum Diner versammelt und verstricken sich in Nonsensdialoge. Der Zuschauer hat längst aufgehört, nach der Logik dieser Träumerei zu suchen. Man reibt sich verwundert die Augen und lacht sich vergnügt ins Fäustchen. Sandra Luzina

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