Kultur : Huhu! Hihi! Haha! Wauwau!

Thomas Lackmann spukt das Hitler-Attentat im Kopf herum

Eigentlich war der Täter ein sturzbesoffener Staatsanwalt, der ahnungslos – auf der Suche nach dem Schänder des Fürsten-Denkmals – sich selbst jagt. Rechtzeitig wird, nach Auslobung einer Belohnung, ein „Schuldiger“ denunziert, dem Politisches kaum nachzuweisen ist: Er habe mit dem Maulkorb vorm Antlitz der Statue nicht gegen die Zensur protestieren wollen, sondern sie „für ’ne Art Joethe“ gehalten! Der Skandal verpufft, Goethe ist nicht Majestätsbeleidigung, sondern grober Unfug, per U-Haft abgebüßt. Heinrich Spoerls Kaiserreich-Satire „Der Maulkorb“ kam bei deutschen Lesern so gut an, dass die Erzählung 1937, im Jahr nach ihrem Erscheinen, verfilmt wurde – und dem Autor der Sprung von Düsseldorf in die Welthauptstadt Germania gelang.

Heute funktionieren in der BRD-Kapitale die Gesetze etwas anders. Gerade wurde der weltberühmteste Deutsche an seinem ersten Tag im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds durch den Kreuzberger Seniorenbetreuer Frank L. attackiert oder enthauptet (so zwei Tat-Versionen). Doch weil das Opfer auch als weltgrößter Killer gilt, wird kein Gericht darauf dringen, die politische Tat zu bestrafen. Nur: Wäre das „erste gelungene Hitler-Attentat“ (H.M. Broder) ebenso erfolgt, wenn Madame T. den Mann würdelos, ohne „Untergangs“-Tragik, präsentiert hätte: tot oder als Demagogen? Ist der Angriff, einer Wette entsprungen, grober Unfug und mit Härte zu ahnden? Muss der Führer jetzt wie die Pietà im Vatikan durch Panzerglas geschützt werden? Oder genügt artgerechte Käfighaltung?

Um diesen Fragen zu entgehen, besuchen wir in einem Grunewald-Palais die Revue-Party „Spuk in der Villa Stern“, wo morbide Songs erklingen. Bis Schlag zwölf „Der Spuk persönlich“ auftritt. Ein Rumpf-Geist, ein Vamp, dann die Pointe: „Das hat man von der Spukerei! Is’ alles kalter Kaffee! Es ist auch keine Kunst mehr bei, heut spukt schon jeder Affe! So Geister ohne Kopf, Kopf, Kopf, ein Kinderschreck nur meist sind; viel schauriger, viel trauriger die Köpfe ohne Geist sind! Trotzdem man längst davon genug, gibt’s immer noch so einen Spuk! … Ich bin der kleine Hitler und beiße plötzlich zu! Huhu! Huhu! Ihr alle werdet in den bösen Sack gesteckt! Huhu! Hihi! Haha! Wauwau! Kein Aas hat sich erschreckt!“

Friedrich Hollaender schrieb diese Revue 1931. Wir wissen mehr. Die gute Nachricht: Neutral ist Hitler auch für uns nicht zu haben. Aber ritualisieren lässt sich das Erschrecken nicht. Erschrecken, sagen diverse Lexika, sei die Organismusreaktion auf unerwartet starken Sinnesreiz: Schweiß, Herzrasen, Blasswerden. Zeitweiliger Sprachverlust.

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