Kultur : Humangenom-Projekt: Das Leben, ein Text

Armin Nassehi

Der Mensch ist vermessen. So könnte man den Tenor gegenwärtiger Debatten um die Humangenetik zusammenfassen. Eine unglaubliche wissenschaftliche (und nicht zuletzt: ökonomische) Anstrengung habe es geschafft, die Grundinformation der menschlichen Existenz zu isolieren, das Buch des Lebens zu schreiben und die Potenziale unserer Gattung zu vermessen. Ein Meilenstein, nicht nur der Wissenschaft, sondern unserer menschlichen Möglichkeiten als Gattungswesen sei erreicht worden.

Geradezu messianisch klingen manche Ankündigungen humangenetischer und biomedizinischer Programme: ein längeres, gesünderes, intelligenteres, nützlicheres, lebenswerteres Leben hätten wir zu erwarten. Es klingt wie die Rache für die Vertreibung aus dem Paradies: Als Strafe für die Speise vom Baum der Erkenntnis in die Mühsal endlichen und sterblichen Lebens vertrieben, schlägt das so gestrafte Imperium nun zurück, den angemessenen zweiten Gang einzunehmen: vom Baum des Lebens zu essen.

Was aber die einen vermessen haben, halten die anderen für vermessen: dem Herrgott ins Werk gepfuscht zu haben, das war schon immer eines der stärksten Argumente gegen technischen und vor allem medizintechnischen Fortschritt. Gegen die Vermessenheit des faustischen Forschergeistes wird Menschlichkeit angemahnt, ein ebenso undeutlich beschriebenes wie deutlich angemahntes Maß, das mit dem Fortschritt zunehmend verloren geht. Gewöhnlich heben sich die Positionen des Fortschritt-Hurras und der kulturkritischen Mahnung in dialektischen Sprüngen in einer mehr oder weniger erfolgreichen, wenigstens zur Routine gerinnenden Praxis auf.

Die letzten beiden großen Fehden waren die Organtransplantation und die daran anschließende Debatte um die Hirntoddiagnostik sowie die Pränataldiagnostik. Vergleicht man etwa die Ängste, die vor allem mit der Herztransplantation in den 70ern und mit der Hirntoddebatte in den 90ern verbunden waren, mit der nun eingespielten alltäglichen Praxis von Ärzten, Patienten und Kostenträgern, scheint sich die Aufregung inzwischen gelegt zu haben - zumindest, so lange man nicht nachfragt.

Das Gleiche gilt für die Pränataldiagnostik auch bei unproblematischen Schwangerschaften. Es scheint, dass sich überall eine Art menschliches Maß mehr oder weniger durchgesetzt hat - die Praxis hat weniger gebracht, als es die Apologeten der schönen neuen Welten versprochen hatten, und Bedenkenträger werden in der Regel leiser, wenn die Dinge wider Erwarten so leidlich funktionieren. Aufs menschliche Maß scheint Verlass, und am Ende entkommen wir den Grenzen der Natur doch nicht.

Mit diesen einfachen Verhältnissen könnte es vorbei sein. Denn das Konzept der menschlichen Natur kann nicht mehr schlicht vorausgesetzt werden, weil es nun selbst infrage steht. Das Konzept funktioniert folgendermaßen: Es setzt eine Grenze gegen grenzenloses Nachfragen und macht wenigstens einen Teil des menschlichen Lebens unzurechnungsfähig. Das scheint nötig zu sein in einer Welt, in der alles als gestaltbar, veränderbar und verbesserbar gilt, in dem das fortschreitende Ablösen des Alten durch das Neue bis in die Epochenbezeichnung der Moderne selbst hineinwirkt und in der alles, was geschieht, auf Entscheidungen zugerechnet werden muss.

Das Glück, unvollkommen zu sein

An die menschliche Natur lässt sich dann delegieren und zurechnen, was weiterer Erklärung und Gestaltung nicht zugänglich ist - die Palette reicht von der Bewältigung von Leid und Tod über Liebe und Hass bis zur genauen Beschreibung der Endlichkeit, Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit menschlicher Fähigkeiten. Und dies gilt sowohl für die Natur der menschlichen Gattung als auch für diejenige jedes einzelnen Exemplars, dessen Würde auch deshalb gesetzlich geschützt werden muss, weil diese auch aufgrund unserer Unvollkommenheit stets in Gefahr ist.

Jede bessere Katastrophe - ob ein Flugzeugabsturz, eine Schiffshavarie oder eine atomare Kernschmelze - lässt sich mit der Zurechnung auf menschliches Versagen wunderbar bewältigen. Die unerforschliche innere Abgründigkeit der menschlichen Natur setzt trotz der Kenntnis aller Umstände bisweilen aus und gibt dem Unerklärlichen einen Namen. Der Terminus menschliche Natur verhindert den infiniten Regress, wenn es darum geht, die Kontingenz des menschlichen Lebens auszuhalten in einer gottfernen und prophetenlosen Zeit (Max Weber) - was für ein theologischer Ursprung angeblich säkularisierter Rechtsformeln!

Ich will hier nicht übers Klonen räsonieren, auch nicht über jene Fantasien, die mit der Lesbarkeit des Humangenoms die biotechnische Optimierung des Körpers versprechen. Und erst recht soll hier weder für oder gegen diese Möglichkeiten plädiert werden - als hätten wir noch ernsthaft Optionen in der Sache. Viel interessanter sind die Folgen der gesamten Debatte für die gesellschaftliche Formierung dessen, was wir einmal die menschliche Natur genannt haben. Die Debatte ums Humangenom und seine bio-industrielle Nutzung kann sich nicht mehr auf die Unverfügbarkeit der menschlichen Natur berufen, weil sie diese Unverfügbarkeit selbst aufhebt.

Bereits die einfache moralische Aufforderung, die Bio-Information des Humangenoms nicht zu nutzen, um der Unsichtbarkeit der menschlichen Natur zu ihrem Recht zu verhelfen, enthält eine unaufhebbare Paradoxie: Sie appelliert an die Bedeutung der Unverfügbarkeit des menschlichen (individuellen) Genoms und erkennt zugleich ihre mögliche Verfügbarkeit an - wozu sonst überhaupt ein solcher Appell? Was vormals allein aufgrund seiner Unsichtbarkeit wirkte, wird damit endgültig zerstört, weil es seiner Unsichtbarkeit entkleidet ist. Eine der Konsequenzen besteht bereits darin, dass damit auch die Entscheidung gegen das Klonen eine Entscheidung ist, also zugerechnet werden kann und somit die Autonomie auch des nicht geklonten Menschen nachhaltig zerstören könnte. Warum sollte ein mit natürlichem Genom ausgestatteter Mensch seinen Eltern nicht vorwerfen, sich auf jenen biologischen Zufall verlassen zu haben, der zu jener individuellen Person geführt hat, die sich da beklagt?

Es wird uns jetzt erst deutlich, wie bequem die Unverfügbarkeit über die Grundlagen unserer Existenz war, wie wichtig es war, die Bedingung unserer eigenen Möglichkeit nicht selbst bestimmen zu können. Andernfalls ließe sich Scheitern, Unglück, Unrecht usw. nicht aushalten. Die Beleuchtung des dunklen, unsagbaren Abgrundes unserer Existenz, schlicht die Tatsache, dass wir nicht dabei sind, wenn unsere je individuelle genetische Disposition entsteht, scheint so etwas wie die Bedingung für menschliches Selbstbewusstsein zu sein. Denn was sich als Leiden in der und an der Welt nicht mehr an einen gnädigen oder strafenden Gott delegieren ließ, erlaubte wenigstens die Natur, die dem Leiden wenn schon keinen Sinn, dann doch einen Raum gab. Mit der Auflösung jener einfachen Unterscheidung von Natur und Kultur freilich wird selbst die Theodizee, also die Rechtfertigung Gottes (oder der Natur) angesichts des Übels der Welt, Gegenstand menschlicher Entscheidungen - und damit kehrt all das, was das westliche Denken so erfolgreich in (göttliche) Reiche der Allmächtigkeit oder (natürliche) Reiche der Notwendigkeit auslagern konnte, zurück.

Das Ende der Naturwissenschaften

Spätestens der Genbiologie ist gelungen, was inzwischen zwei Generationen postmoderner und poststrukturalistischer Expertendiskurse nur für ein ausgewähltes philosophisches Fachpublikum verständlich machen konnten: den Mythos der unverfügbaren Natur und der frei gestaltbaren Kultur zu dekonstruieren. Die Frage der Natur des Menschen jedenfalls, sie hat sich überlebt und paradox gemacht, und Anthropologie gerinnt gewissermaßen zu einer theologischen Disziplin, da man "den" Menschen als konstante und eindeutige Allgemeinheit nur mehr aus der Perspektive des Nirgendwo denken kann - aus der Perspektive Gottes nämlich, dem allein das Privileg zusteht, eine Perspektive des Nirgendwo einzunehmen, und der deshalb ohne Perspektive alles sehen kann.

Und aus einer solchen Perspektive des Nirgendwo scheint jene Zeichenkolonne zu stammen, die uns als das endgültige Buch des Lebens vorgegaukelt wird. Man muss heute die Naturwissenschaften - sie heißen wirklich noch Naturwissenschaften! - vielleicht viel stärker ästhetisch beobachten, um sie wirklich verstehen zu lernen. Ist es nicht erstaunlich, dass die Natur, zuvor Inbegriff praller Formen und wirklichen Lebens, nun als Text, als Buch daherkommt? Ist es nicht erstaunlich, dass dieses Buch des Lebens wie ein geoffenbarter Text erscheint, ein Text, dessen Ursprung uns zugleich unendlich fremd ist und doch unsere ureigenste Existenz ausmachen soll? Ist es nicht erstaunlich, dass dieser Text sich nicht von selbst zeigt, sondern gelesen, entschlüsselt, gedeutet werden will? Ist es nicht erstaunlich, dass wir uns Naturwissenschaftler nicht mehr länger mit der Botanisiertrommel oder inmitten stinkender und blubbernder Reagenzgläser vorstellen dürfen, sondern als Schriftgelehrte? Und ist es nicht am erstaunlichsten, dass auch diese messianische Verkündigung des neuen Menschen in Text- und Buchform daherkommt?

Man mag gegen meine Analogiebildung mit biblischen Texten einwenden, dass es sich bei diesen doch gerade um das Gegenteil von Natur handelt, um das Zentrum der abendländischen kulturellen Überlieferung. Aber die Geschichte der Natur zeigt, dass auch sie nur eine kulturelle Überlieferung darstellt, und zwar in zweierlei Hinsichten: einerseits im Sinne der historischen Relativität und Veränderbarkeit unserer Naturbeobachtung, andererseits in dem Sinne, dass das, was uns als Natur erscheint, stets nur Resultat solcher Naturbeobachtung ist. So kann Natur sowohl als Gegensatz zum Willen erscheinen als auch als Symbol für die Harmonie der Schöpfung, sowohl als Quell allen Verderbens als auch als Erlösung, sowohl als unvermeidliches Übel als auch als grenzenloses Versprechen, sowohl als letztlich verschlossene Welt als auch als offenes Buch.

Dass uns Natur, zumal die menschliche, nun als offenes Buch präsentiert wird, das gelesen und interpretiert werden muss, scheint uns auf den zentralen Mythos des jüdisch-christlichen Kosmos zurückzuverweisen.

Es steht alles in dem geoffenbarten Text - und wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der sehe und höre, was geschrieben steht, damit wir den dritten Bund eingehen können. Der erste mit dem auserwählten Volk wurde durch jenen neuen Bund ersetzt, der noch den Tod des Gottessohnes verlangte, um Erlösung versprechen zu können. Der dritte nun ist wirklich ein Bund mit dem Leben. Es ist die volle Entfaltung jener Bio-Macht, die Michel Foucault als neueste Form der politischen Anatomie des menschlichen Körpers ansah. Sie reicht vom Fremd- in Selbstkontrolle umwandelnden bürgerlichen Subjekt unserer klassischen Vergangenheit bis zum genetisch fremdbestimmten Subjekt unserer Zukunftsängste. Und bis jetzt kam noch jeder Messianismus - sowohl der christlich-kirchliche als auch der bürgerlich-hegelsche und der proletarisch-marxistische - als große Fremdbestimmung im Namen der Freiheit daher. Jedenfalls werden derzeit all jene Lügen gestraft, die für unsere postideologischen und postmodernen Zeiten das Ende der Utopien vorausgesagt haben. Die Verheißung des neuen Menschen durch Lektüre des Lebens - wenn das keine starke Utopie ist.

All das freilich lesen wir nicht im menschlichen Genom, nicht in jenem neuen Buch des Lebens, sondern nur in den gelehrten Debatten darüber. Die gegenwärtige Gen-Hysterie kommt vielleicht daher, dass man den Gen-Text und seine Verheißungen allzu wörtlich nimmt. Die größte Kunst des Lesens besteht wohl darin, den Text von seiner Bedeutung unterscheiden zu lernen. Ungeübte Leser gehen mit Texten so ähnlich um wie unbedarfte Zuschauer von Filmen, die Schauspieler und Figur nicht unterscheiden können. Es ist zwar schade, dass Harry das Auto von Inspektor Derrick nur im Film holt und nicht im richtigen Leben, aber nur deshalb hat er das so lange durchgehalten. Und nur deshalb können Harrys Dienste zum running gag werden, weil sie ihre zweite Natur als Inszenierung, als Film, als Text, als Bild, als Metapher immer schon mitliefern.

Etwas Ähnliches scheint das Humangenom darzustellen. Es ist nicht nur selbst eine Metapher, die uns trotz ihres Buchstabensalates Respekt einflößt, weil sie textförmig daherkommt. Es macht letztlich auch seinen Gegenstand zur Metapher. Wie jeder Text steht auch dieser Text für etwas, das er nicht selbst ist. Die gesamte Debatte um das Humangenom und um das Klonen nimmt nur widerwillig zur Kenntnis, dass das Buch des Lebens überhaupt nicht lesbar ist. Weder Syntax noch Grammatik des Bio-Textes sei uns vertraut, geschweige denn seine Semantik, betonen vorsichtigere Gemüter. Die Metapher des Lesens scheint in der Debatte aber zu verbürgen, dass die Bedeutung des Textes prinzipiell zugänglich sei, dass man den Sinn erkennen könne, wenn man sich nur bemüht. Aber das ist ja gerade die Paradoxie des Lesens. Man muss Texte, Bücher, die ganze Welt oder auch nur Gesichter lesen, gerade weil sie sich nicht unmittelbar erschließen. Und man kann sie deshalb auch unterschiedlich lesen.

Es ist anzunehmen, dass dem Gen-Text ein ähnliches Schicksal widerfährt wie früheren Offenbarungen. Wir müssen wohl lernen, dass auch der Gen-Text nur indirekt von dem berichtet, was er vorgaukelt. Er klärt mehr über das Phantasma des forschenden Blicks auf als über "Natur". Er präsentiert nur eine Spur, ist nur eine Zeichenkolonne, nicht aber das Bezeichnete selbst. Er enthält nicht die Informationen des Lebens, wir müssen sie erst hineinlesen. Und auch darin ähnelt er den geoffenbarten Texten unserer Tradition. Es waren letztlich die Theologen, die den biblischen Zeugnissen nachgewiesen haben, dass sie historisch entstanden sind, dass sie nur auf indirektem Wege und sehr zeitgebunden über die Geschehnisse berichten, dass sie eben alles andere sind als die Sache selbst, sondern nur Berichte und Beobachtungen. Damit waren es zugleich die Theologen, die das Glauben immer schwieriger machten, weil sie die Bedingtheit der unbedingten Wahrheiten nachgewiesen haben.

Das hat die Geschichte des christlichen Abendlandes bekanntlich nicht davon abgehalten, im Namen der wahren Schriftinterpretation Kriege zu führen und ganze Kontinente zu unterwerfen - und die Schriftgelehrten führten augenzwinkernd die Beraterstäbe an und formulierten jene Leitkultur, deren historische Reste sich heute die allerkleinsten Lichter zusammenklauben. Nicht obwohl, sondern gerade weil die Heiligen Schriften ziemlich profane Dokumente sind, eignen sie sich als Schlachtfeld - Ähnliches steht uns auch mit dem Gen-Text bevor.

Das Humangenom, eine Erzählung

Während wir noch unser moralisches Mütchen kühlen und vorsichtig anfragen, ob man es nicht vielleicht doch lassen sollte, hat der Kampf um die angemessene Exegese längst begonnen. Und auch der Gen-Text wird nur um den Preis der Priesterherrschaft ihrer Bio-Interpreten das versprechen können, was er schon heute vorgaukelt: den neuen Menschen und das bessere Leben. Die künftigen Religionskriege werden vielleicht auf jenem Schlachtfeld geführt, das die Erlösung des Menschen von seiner Natur verspricht.

Insofern ist das Humangenom ein wunderschöner Mythos, eine Geschichte, bei der es auf nichts weniger ankommt als auf die Wahrheit ihrer Wirkungen. Ob sich das menschliche Leben tatsächlich aus der genbiologischen Struktur jenes Buchstabensalates speist, werden wir wohl nie erfahren. Denn hinter den Text kann man nicht zurück. Aber das ist auch gar nicht entscheidend, denn seine Bedeutung liegt ja nicht in der exakten Wirkung, sondern in seiner kulturellen performance.

Vielleicht lernen wir daraus ja auch dies: Dass die menschliche Natur und das, was wir dafür halten, nicht der entscheidende Motor "menschlicher" Kulturen und Gesellschaften ist, sondern die kulturelle und gesellschaftliche Dynamik selbst, der unsere Natur offensichtlich unterliegt. Vielleicht ist die Gen-Debatte nur eine Ablenkung davon, eine Ablenkung, die die Anthropozentrik der jüdisch-christlichen Tradition ja schon zwei Jahrtausende eingeübt hat. Insofern führen wir tatsächlich geklonte Debatten, isoliert aus den Stammzellen einer Tradition, die wir bei weitem nicht abgeworfen haben.

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