Humboldt-Forum : Der belebte Schlossplatz

Warum die Zentral- und Landesbibliothek Berlin unbedingt ins neue Humboldt-Forum gehört.

Claudia Lux

Laut Informationen des Tagesspiegels haben sich Berlins Regierender Bürgermeister und der Bundesbauminister über die Realisierung des Humboldt-Forums geeinigt. Am Montag wollen Klaus Wowereit und Wolfgang Tiefensee auf einer Pressekonferenz Details über die bislang strittige Finanzierung und Ausgestaltung bekannt geben. Während der Umzug der außereuropäischen und der Humboldt-Sammlungen unbestritten bleibt, soll die Zentral- und Landesbibliothek aus Kostengründen nicht mit einziehen. Sie ist derzeit in der Amerika-Gedenkbibliothek untergebracht. Claudia Lux, Generaldirektorin der Bibliothek, erhebt Einspruch. Tsp

Noch ist das Gerippe des ehemaligen Palasts der Republik die Touristenattraktion auf dem Berliner Schlossplatz. Der Bau des Humboldt-Forums mit den Sammlungen der Humboldt-Universität, den Dahlemer außereuropäischen Museen und der Zentral- und Landesbibliothek hat noch nicht begonnen. Damit dieses Ensemble die erhoffte Lebendigkeit erhält, von den Berlinern täglich besucht wird und es sich für Restaurant- und Cafébetreiber wirklich zu investieren lohnt, muss die Zentral- und Landesbibliothek prominent im Humboldt-Forum platziert werden. Denn eine attraktive Metropolen-Bibliothek ist ständig von Menschen aller Altersstufen, Bildungsniveaus, sozialer und kultureller Identitäten bevölkert. Die enormen Besucherzahlen der Bibliothek, die mit der Neueröffnung auf dem Schlossplatz mühelos von derzeit täglich 5000 auf dann etwa 10.000 anwachsen würden, sprechen für sich.

Das Konzept ist außergewöhnlich: Drei zunächst traditionell wirkende In- stitutionen werden völlig neu zusammenarbeiten, um Information und Wissen gemeinsam zu inszenieren und zu vermitteln. Nach dem Rückbau des Palasts und bis zum Beginn des Neubaus sollen in der Humboldtbox erste Schlaglichter dieses Experiments gezeigt werden.

Wie kann diese Kooperation aussehen? In der aktuellen Web 2.0-Diskussion geht es um das immer wichtiger werdende Interaktivitätselement unserer Kulturlandschaften – seien diese Welten nun real oder virtuell. Der Mensch als Konsument von Kunst und Kultur rückt in den Mittelpunkt. Seine Interaktion vollzieht sich in mehreren Schritten: Ausgehend von der Betrachtung des Objekts wird die sinnlich motivierte Erregung zum Motor des eigenen Schaffens. Die kreative Aktivierung lässt den Betrachter nicht in der Rezeption verharren, sondern regt ihn zur selbständigen Weiterverarbeitung an.

Im Humboldt-Forum werden aus parallelen Institutionen heraus temporäre Symbiosen geschaffen. Wenn die Betrachtung eines Exponats der außereuropäischen Sammlungen den Wunsch nach längerer Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsstück, seinem Umfeld und Bedeutungshorizont anregt, dann wird das Interesse auf unterschiedlichen medialen Kanälen vertieft. Das ist der Beitrag der Zentral- und Landesbibliothek, denn sie bietet Filme, Musik, Bildbände, Reisetagebücher, Sprachkurse und nicht zuletzt den Zugriff auf Blogs und andere virtuelle Welten, in denen die Anregungen der musealen Erfahrung fortgesetzt werden.

Ein konkretes Szenario könnte so aussehen: Eine völkerkundliche Ausstellung wird nicht bloß als klassische Exponatschau mit Text und Bild präsentiert, sondern durch Musik, Filme, Bildbände und Literatur angereichert. Der Besucher kann viele Aspekte sofort weiter studieren, sogar einpacken und mit nach Hause nehmen. Dazu bietet die Bibliothek zum Beispiel Spielfilme aus aller Welt, ethnologische Fachliteratur und Belletristik aus den „nebenan“ beleuchteten Kulturkreisen. Außerdem finden parallel zur Ausstellung Lesungen oder Konzerte statt.

Auf dem Schlossplatz liefert die Bibliothek mit ihren lebendigsten Bereichen Film, Theater, Musik, Kunst und Reise einen entscheidenden Beitrag zum Dialog der Kulturen. Gleichzeitig wird das Angebot aus der Enge der AmerikaGedenkbibliothek hinausgeführt und in ästhetisch und räumlich angemessene Freihandbereiche gebracht. Bisher lagert – bedingt durch den Platzmangel – auch aktuelle Literatur im Magazin oder gar im Außenmagazin, um den neuesten Medien Platz zu machen. Im künftigen Humboldt-Forum garantieren die Nähe und die schon vorhandene unterirdische Verbindung zum großen Magazin der Berliner Stadtbibliothek im Marstall eine rasche Bedienung der Kunden. In diesem Kellergang sind etwa in der Langen Nacht der Museen stimmungsvolle, multimediale Kooperationsausstellungen gut umsetzbar.

Nicht jede Bibliothek eignet sich für diese attraktive Rolle im Humboldt-Forum. Unsere Bibliothek mit ihrer speziellen Mischung aus öffentlicher Zentralbibliothek und Landesbibliothek kann wie ein Magnet wirken. Sie erhält alle Veröffentlichungen aus Berlin: vom Ausstellungskatalog bis zur DVD bewahrt sie das kulturelle Erbe der Stadt. Dessen Attraktivität beweisen die hohen Besucherzahlen und die Millionen Zugriffe auf das Webangebot. Die Prognose, dass die Neueröffnung im Humboldt-Forum diese Zahlen nochmals steigern wird, geht auf internationale Erfahrungswerte zurück. Metropolen wie Seattle, Wien und Singapur haben große, neue öffentliche Bibliotheken gebaut – was die Innenstädte belebte und einen Ansturm der Bürger nach sich zog.

Öffentliche Bibliotheken sind Frequenzbringer, als frei zugängliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität und ohne Konsumzwang. Mit langen Öffnungszeiten, Veranstaltungen, Ausstellungen, multimedialen Angeboten und internationaler Vernetzung beleben sie das Umfeld. Die Zentral- und Landesbibliothek garantiert dem Humboldt-Forum einen regelmäßigen Besucherstrom: als dauerhafter Publikumsmagnet, der auch in touristisch weniger bewegten Zeiten die Lebendigkeit und Strahlkraft des Schlossplatzes garantiert.

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