Humboldt-Forum : Die Pläne für das Schloss - die Ungewissheit bleibt

So soll es aussehen: Die Schloss-Nutzer stellen ihre Pläne vor. Aber ob Stella bauen darf, ist ungewiss. Die bisherige Planung ist jedenfalls vom Tisch, Bauende ist wohl erst 2016.

Christiane Peitz
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1800 Stühle. Die Agora als Kernstück des künftigen Humboldt-Forums im Schloss hat statt Säulen nun Galerien. Rechts ein Blick in...

DER PLANUNGSSTAB



Das Schloss, soviel ist sicher, kommt später. Der Wiederaufbaubeginn könnte sich bis zum Frühjahr 2011 verzögern, mit der Einweihung rechnet Engelbert Lütke Daldrup, noch bis Mittwoch Staatssekretär im Bundesbauministerium, nicht vor 2016 – bei einer Bauzeit von fünf bis sechs Jahren. Schneller geht’s nicht, schon wegen der beschränkten Steinmetz-Kapazitäten für die barocke Fassade. Die bisherige Planung – Baubeginn 2010, Fertigstellung 2013/14 – ist damit vom Tisch. Was die übrigen Schloss-Fragen betrifft, ist jedoch so gut wie gar nichts mehr sicher.

Ungeachtet der Tatsache, dass das Kartellamt den Vertrag mit Architekt Franco Stella angefochten hat und über die Berufung des Bauministeriums erst Anfang Dezember entschieden wird, informierten Lütke Daldrup und die Nutzer des Humboldt-Forums am Montag in der Rotunde des Alten Museums über den „Zwischenstand der Vorplanung“: Mutmachersätze mit Powerpoint-Präsentation, dazu die historische Kubatur der hinlänglich bekannten Projektgeschichte.

Die aktuellsten Entwürfe für das Berliner Schloss
So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: dpa
06.01.2012 15:40So sieht die Box kurz vor dem Richtfest aus.


Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, freut sich über den offenen Dialog mit dem Architekten und die zügigen Fortschritte: „Wir arbeiten mit Hochdruck weiter.“ Auch Claudia Lux, Generaldirektorin der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, und HU-Präsident Christoph Markschies zeigen sich glücklich über die Ausarbeitung der Pläne. Sieben Prozent mehr Fläche, eine fast konstante Kostenschätzung (481 statt 480 Millionen Euro), ab 1. November wird die neue Schlossstiftung als Bauherr tätig – und die Zweifel an Stellas Wettbewerbs-Teilnahmeberechtigung sind restlos ausgeräumt. Was will man mehr.

Man reibt sich die Augen angesichts so vieler Luftschlösser. Sollen Fakten geschaffen werden durch unerschrockenes Weiterplanen, durch detailfreudige Konkretion? Juristen dürfte derart hochkarätige Autosuggestion kaum beeindrucken: Noch prüft das Oberlandesgericht Düsseldorf ja, ob Wettbewerbsverlierer Hans Kollhoff zurecht eine Klage angestrengt hatte. Ob Wettbewerbssieger Stella mit seinem kleinen Büro die Teilnahmebedingungen erfüllt und die Kooperation mit den Büros von gmp und Hilmer/Sattler vertraglich neu gestalten darf, wird sich am 2. Dezember erweisen. Vielleicht geht es tatsächlich so aus, wie Parzinger und Co. sich wünschen. Aber was, wenn nicht? Wer realisiert dann den Siegerentwurf? Oder ist er dann Makulatur? Einen Plan B hat keiner der Schlossherren in Arbeit. Und warum ist Franco Stella bei der Vorstellung der Pläne nicht dabei? Weil man, so die irritierende Antwort, im November zu öffentlichen Diskussionen einladen will, mit dem Architekten.

Auch mit den Kosten sieht es nicht ganz so rosig aus. Wenn die Bauzeit sich verlängert, ist eine Kostensteigerung unvermeidlich. Fast trotzig beharrt das Podium darauf, dass die zusätzliche Million ausreichen wird, um die Keller- und Fundamentausgrabungen in einem Lapidarium sichtbar und auch teilweise begehbar zu machen. Wenn aber das gesamte Schloss am Ende nach Schloss aussehen soll, dann wird es deutlich teurer.

Die historische Kuppel, ohne die die äußere Gestalt kaum wirklich historisch anmutet, ist mit 15 Extra-Millionen veranschlagt. Die Innenseiten der Portale sowie die Treppenhäuser schlagen mit je mindestens 30 Millionen Euro zu Buche. Das heißt: Die Deutschen bekommen so viel Schloss, wie sie fürs Schloss zu spenden bereit sind. Bleibt es bei den avisierten 80 Spenden-Millionen für die barocken Fassaden, gibt es „nur“ die vom Bundestag beschlossene rekonstruierte Außenhülle. Kommen 160 Millionen Euro zustande, gibt’s auch die Kuppel, und die Portale sehen nicht nur von außen, sondern auch von innen barock aus. Eine Spendenflut lässt bisher jedoch auf sich warten.

Das Schloss, so viel ist sicher, hat seine schwierigste Zeit noch vor sich. Jetzt bräuchte es einen gewieften Moderator und Experten für repräsentative BauGroßprojekte. Der neue Bundesbauminister heißt Peter Ramsauer: Der oberste Schlosserbauer ist ein CSU-Wirtschaftsmann und bayerischer Verkehrspolitiker. Auch seine Staatssekretäre Enak Ferlemann (CDU), Jan Mücke (FDP) und Andreas Scheuer (CSU) sind keine Leute vom Fach, sondern Parlamentarier, die sich laut Berufsbiografie eher mit Verkehrspolitik, Immobilien und Luftfahrt auskennen als mit Stadtgestaltung und Baudenkmalen. Höchste Zeit, dass der Kulturstaatsminister sich in die Schlossgestaltung einmischt. Herr Neumann, übernehmen Sie!

DIE PLÄNE IM EINZELNEN

Im Untergrund die Verkehrsanbindung an die künftige U-Bahntrasse und die archäologischen Funde. Sie vermitteln, so Baustaatssekretär Lütke Daldrup die Kontinuität des Schlossprojekts, die für den Besucher erlebbar werden soll. Das ist die Basis. Der Belvedere im Osten, von Stella als breite, offene Loggien-Galerie gestaltet, wird deutlich schmaler. Die Sammlungen im zweiten Obergeschoss gewinnen mehr Fläche, im Erdgeschoss wird in den Loggien kaum noch Platz für die Tische der Restaurantbetriebe sein. Das ist die zeitgenössische Architektur.

ERDGESCHOSS

Im ursprünglichen Stella-Plan war die Agora, das überglaste Atrium an der Stelle des ehemaligen Eosanderhofs im westlichen Gebäudeteil, schlank wie eine gotische Kathedrale und mit Säulen ausgestattet. Nun hat die Agora als öffentlicher Veranstaltungsort einen fast quadratischen Grundriss, ist mit 9830 Quadratmetern veranschlagt und in den oberen Stockwerken von Galerien umgeben. Die nördlich und südlich an die Agora sich anschließenden Kuben sind deshalb in die Ecken verschoben, sie beherbergen Multifunktionssäle und Sonderausstellungen. Die von der Straße zugängliche Passage zwischen Agora und Schlüterhof im Osten trägt den Namen Schlossforum, hier befindet sich auch der Eingang zur Landesbibliothek im ersten Stock. Nördlich des Schlüterhofs, mit Blick auf die Museumsinsel, erinnert die „Kunstkammer“ an die historische Keimzelle des Humboldt-Forums, ein weiterer Saal südlich des Schlüterhofs informiert ebenfalls über die Schlossgeschichte. Das Lapidarium mit archäologischen Funden und Original-Schlossresten schließt sich an den Schlüterhof an; zum Marx-Engels-Forum hin sind das „Restaurant der Kontinente“ und das „Bistro der Kulturen“ untergebracht.

1. ETAGE

Hier finden sich die Werkstätten des Wissens. Exponate der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität sind nördlich der Agora untergebracht, Bibliotheksfläche für Wissenschaftler ist südlich vorgesehen. Die Zentral- und Landesbibliothek nutzt die gesamte Fläche rund um den Schlüterhof, neben dem Schlossforum findet sich die Kinder- und Jugendbibliothek. Tageslicht ist erwünscht: Wie in den Obergeschossen soll die Aussicht vom Belvedere Richtung Marx-Engels-Forum nicht verstellt oder verklebt werden. Bibliotheksnutzer können ins Freie gehen und sich in den Loggien des Belvedere die Beine vertreten.

2. UND 3. ETAGE

Die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sollen aus ihrem Dahlemer Domizil in die Obergeschosse des Humboldt-Forums ziehen. In der 2. Etage wird die Raumhöhe hoch genug sein, um in der nordöstlich gelegenen Abteilung Ozeanien die großen Südseeboote unterzubringen. Daneben schließt sich Afrika an, der gesamte südliche Bereich ist für Amerika reserviert. Asien zieht in die 3. Etage. 

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