Humboldt-Forum : "Die Welt will mitwirken"

Hermann Parzinger spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das künftige Humboldt-Forum, dessen Hausherr er wird.

Parzinger Foto: Bildschön
Hermann Parzinger -Foto: Bildschön

Herr Parzinger, die Entscheidung über den Schlossbau ist gefallen – jetzt kann’s mit dem Humboldt-Forum losgehen?



Zunächst einmal: Wir sind sehr froh über diese Entscheidung. Vor allem, dass unsere Vorstellungen Berücksichtigung fanden. Weder die Verbannung der Sammlungsräume in ein Tiefgeschoss noch der Ausbau der spreeseitigen Ostfassade zu einem breiten Riegel wäre gut gewesen. Die Möglichkeit aber, die der Siegerentwurf präsentiert, nämlich den Eosanderhof mit zwei Einbauten für die Sammlungen funktional zu nutzen und gleichzeitig noch einen Hof zu belassen, ist optimal. Das fügt sich alles harmonisch ein. Im Übrigen sind alle unsere Flächenanforderungen erfüllt worden.

Aber das sollte doch einmal doppelt so viel sein wie die jetzt bezifferten 24 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche...

Gewiss. Aber wir haben in der Mitte Berlins ein Riesenangebot an Museen. Im Übrigen stellen wir uns eine modulare Innenausgestaltung vor, die es erlaubt, alle sechs bis acht Jahre veränderte Inhalte zu zeigen – also nichts für die Ewigkeit.

Haben sich durch die in den vergangenen Wochen nochmals erhitzten Diskussionen neue Überlegungen ergeben?

Am Konzept des Humboldt-Forums hat sich nichts geändert. Es wird fortwährend in wöchentlichen Arbeitsgesprächen mit den beteiligten Nutzern weiter präzisiert.

Zuletzt ist eine Art Gegensatz zwischen der „europäischen“ Museumsinsel und dem „außereuropäischen“ Humboldt-Forum konstruiert worden.

Einen solchen Gegensatz gibt es nicht. Museumsinsel und Humboldt-Forum gehören selbstverständlich zusammen. Auf der Museumsinsel finden Sie Europa und den Nahen Osten, im Humboldt-Forum den Rest der Welt, und beides wird in einen Dialog miteinander gesetzt werden.

Zeigt das Humboldt-Forum die Eroberung der Welt durch das Abendland?

Die Entdeckung der Welt von Europa aus ist natürlich ein Thema, bei dem der Kolonialismus nur eine Facette darstellt.

In Paris wird das bereits jetzt getan, im Louvre und im Musée du Quai Branly.

Der Louvre zeigt fantastische Objekte, aber Einzelstücke ohne jeden Kontext, weder zeitlich, noch räumlich. Da wollen wir viel mehr. Der Ausstellung des Quai Branly liegt eine strikte Kontinentanordnung zugrunde, und es wird eine Inszenierung kultiviert, die nur auf die ästhetische Wirkung der Objekte abzielt. Sehr gut gefällt mir im Quai Branly die Einbindung internationaler Forschergruppen in die Arbeit an den Sammlungsbeständen. Das wollen wir auch.

Worin also wird die besondere Eigenart des Humboldt-Forums liegen?

Unserem Konzept liegt eine Gliederung nach Kontinenten zugrunde, die wir jedoch mit bestimmten Themen überwinden wollen. Darüber hinaus werden sich Ausstellungsbereiche mit menschheitsübergreifenden Fragen befassen, bei denen auch Europa einbezogen ist.

In unseren westlichen Museen ist die Trennung von Hoch- und Alltagskultur üblich.

Da hat sich aber inzwischen viel verändert. Bei der Erforschung der Antike geht es längst nicht mehr allein um Kunst, sondern auch um sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragen. Das schlägt sich immer mehr in Ausstellungen nieder.

Wird man von einem Wechsel der Erzählweisen sprechen dürfen?

In der Tat wird der Blick der anderen auf Europa eine zentrale Rolle spielen. Die Welt will am Humboldt-Forum mitwirken. Kennzeichnend für unser Konzept sind die Blickwechsel.

Werden Sie Kuratoren anderer Länder einladen, aus ihrer Sicht eine Ausstellung über uns, über Europa zu gestalten?

Warum nicht – bei Sonderausstellungen. Aber zunächst einmal geht es darum, die Sichtweisen anderer auf ihre Kulturen in unsere Präsentationen einzubinden. Wir wollen keinen eurozentrischen Blick.

Das Gespräch führte Bernhard Schulz.

Hermann Parzinger, 49, Prähistoriker und Archäologe, ist seit dem Frühjahr 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kultur besitz und wird Hausherr des künftigen Humboldt-Forums.

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