Humboldt-Forum : Fragen, die keiner stellt

Unter dem Titel "Anti-Humboldt" traf sich am Wochenende eine private Initiative von Kunsthistorikern, Künstlern und Ausstellungsmachern, um Fragen zu diskutieren, die sie bei den bisherigen Plänen zum Humboldt-Forum vermissen.

Christina Tilmann

„Eine der besten Ausstellungen, die ich seit langem gesehen habe“, schwärmt Ausstellungskurator Jorge Luis Marzo aus Spanien. Andere sprechen schlicht nur von der „Zumutung im Alten Museum“. Man kann über die in der letzten Woche im Alten Museum eröffnete Werkstattschau zum künftigen Humboldt-Forum zumindest trefflich streiten.

Unter dem Titel „Anti-Humboldt“ traf sich am Wochenende eine private Initiative von Kunsthistorikern, Künstlern und Ausstellungsmachern mit dem etwas prätentiösen Namen „Alexandertechnik“, um Fragen zu diskutieren, die sie bei den bisherigen Plänen zum Humboldt-Forum vermissen. So stellt Kuratorin Annette Hoffmann eine Ausstellung vor, die sie für das Museum von Windhoek konzipierte und die nach einer Station in Kapstadt demnächst in Basel zu sehen sein wird – ein deutsches Museum, gar in Berlin, zeigte sich bislang nicht interessiert.

Ausgehend von Tonaufnahmen aus dem Phonogramm-Archiv der Staatlichen Museen, rekonstruiert Hoffmann ein Forschungsprojekt des Leipziger Malers Hans Lichtenecker, der 1931 in Namibia Tonaufnahmen machte und die Menschen fotografierte und ihnen Masken abnahm – unter Zwang, denn freiwillig wollte sich keiner der äußerst unangenehmen und für die mit einem anderen Bildverständnis aufgewachsenen Menschen auch nicht unproblematischen Prozedur unterziehen. Was machen wir mit diesen Masken und Bildern, die so offensichtlich von Panik, Schrecken, Demütigung und Unterdrückung sprechen, fragt Hoffmann – und entschied, die Masken nicht in ihrer Ausstellung zu zeigen.

Wer hat das Recht am eigenen Bild, an der Musik oder Filmaufnahme von einem kultischen Fest? Wie gehen Museen mit problematischen Erwerbsgeschichten um? Wer nimmt Rücksicht darauf, dass die in den ethnologischen Sammlungen zusammengetragenen Objekte nicht nur Artefakte sind, sondern Ritualgegenstände, ja manchmal sogar menschliche Überreste? Der Umgang mit solchen human remains, wie sie in vielen wissenschaftlichen Sammlungen im Keller liegen, erweist sich als besonders schwierig. Die Spekulationen über Rosa Luxemburgs Überreste in der Charité sind nur eine kuriose Fußnote.

Rechtefragen, Rückgabefragen, diese Themen hätte man auch in der vorläufigen Humboldt-Ausstellung gern erörtert gesehen. Doch bezeichnenderweise endet die Forschungsgeschichte, die der Kunstkammer-Teil im ersten Saal der Ausstellung so opulent eröffnet, mit den systematischen Forschungsreisen von Adolf Bastian, kritisieren die Anti-Humboldtianer. Danach ist Schweigen.

Darüber, dass das Lautarchiv an der Humboldt-Universität inzwischen nicht mehr von einem einzigen Mitarbeiter betreut wird. Dass kaum ein ethnologisches Museum in Deutschland die eigene Sammlungsgeschichte samt Erwerbsmodalitäten hinreichend dokumentiert. Dass keiner weiß, wer die Tantiemen für die im Museumsshop vermarkteten Klang-CDs kassiert: All das sind Themen, bei denen das Humboldt-Forum als Welt-Museum des 21. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle spielen sollte.

Von den am Humboldt-Forum Beteiligten war bei der Veranstaltung übrigens keiner zu sehen. Christina Tilmann

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