• Humboldt-Forum-Intendant Bredekamp zur Kreuz-Debatte: "Das Humboldt-Forum wird ein Satyrspiel sein"

Humboldt-Forum-Intendant Bredekamp zur Kreuz-Debatte : "Das Humboldt-Forum wird ein Satyrspiel sein"

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, Mitglied der Gründungsintendanz beim Humboldt-Forum, über den Streit um das Kreuz auf dem Stadtschloss und die Kuppeln von Berlin.

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Das Schloss wird mit der im 19. Jahrhundert ergänzten Stülerschen Kuppel rekonstruiert, die ein Kreuz zierte.
Das Schloss wird mit der im 19. Jahrhundert ergänzten Stülerschen Kuppel rekonstruiert, die ein Kreuz zierte.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Horst Bredekamp, Jahrgang 1947, lehrt Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt Universität. Mit Hermann Parzinger und dem Leiter Neil MacGregor gehört er zur Gründungsintendanz des Humboldt-Forums.

Herr Bredekamp, Berlin streitet sich über das Kreuz auf der Schlosskuppel. Hätten Sie gedacht, dass es eine derart heftige Diskussion geben würde?

Nein, die Wiedererrichtung der Kuppel in ihrer historischen Prägung wurde vor Jahren öffentlich bekannt gegeben. Das wurde damals mit Anerkennung aufgenommen; Kritik gab es nicht.

Die einen sagen, das Kreuz auf der Schlosskuppel gehört als Teil der historischen Rekonstruktion dazu. Die anderen meinen, das Humboldt Forum sei keine originalgetreue Rekonstruktion, sondern ein staatlicher Bau, der nicht der Religionsausübung diene, also bitte kein Kreuz. Was sagen Sie als Kunsthistoriker?

Aus kunsthistorischer wie auch aus kulturgeschichtlicher Perspektive wäre es eine eigene Form von Ikonoklasmus, das Kreuz wegzulassen. Rekonstruktionen, wenn sie denn beschlossen werden, müssen sich vom Zeitgeist und von Stimmungen frei machen. Im April 2010 gab es unter der Leitung des damaligen Stiftungs-Chefs Manfred Rettig ein zweitägiges Expertentreffen zu dieser Frage in der Villa Vigoni am Comer See. Das Ergebnis war eindeutig und einstimmig: Eine „gezielte“ Rekonstruktion, wie sie in Bezug auf das Schloss in der DDR üblich war, kommt nicht infrage.

„Gezielt“ in welchem Sinne?

Im Sinne von einer Frisierung der Formen im eigenen Interesse. Bei der Versetzung des Portals IV, das ja in die Fassade des DDR-Staatsratsgebäudes integriert wurde, ersetzte man die Adler als Insignien des preußischen Staatswesens durch Jahreszahlen. Jetzt auf das Kreuz zu verzichten, wäre dasselbe Verfahren. Genau dies sollte nicht wieder geschehen.

Experte für Kunst- und Bildgeschichte: Horst Bredekamp.
Experte für Kunst- und Bildgeschichte: Horst Bredekamp.Foto: David von Becker/Stift. Humboldt Forum

In einem ersten Statement der Gründungsintendanz heißt es, als Teil der Rekonstruktion seien Adler wie Kreuz ihrer ursprünglichen Funktion enthoben. Wie das?

Selbstverständlich haben sich alle ursprünglich religiösen und politischen Aspekte des Schlosses, unter dessen Kuppel sich die Eosanderkapelle befand, im Humboldt Forum erledigt. Sie sind Geschichte, spätestens seit dem Sturz des Kaiserreiches 1918. Das heutige Kreuz bezeichnet einen historischen Zustand, den es zu reflektieren gilt, eben weil er nicht mehr existiert. Historische Reflexion ist doch nur dann sinnvoll, wenn man die eigenen Verhältnisse am Vergangenen misst, über die Zeichen, die die Vergangenheit hinterlässt. Das Kreuz bezeugt das Fehlen dessen, wofür es steht.

Klingt kompliziert. Ist und bleibt das Kreuz nicht vor allem ein religiöses Zeichen, auch wenn es die repressive preußische Staatsreligion ins Gedächtnis ruft?

Jeder, der das Humboldt Forum betritt, wird sofort bemerken, dass davon nichts mehr vorhanden ist. Das ist der Witz und das Wunder der Geschichte: Dass sie keine planierte Straße ist, auf die wir die Gegenwart zurückprojizieren. Wir schützen Werke, Gebäude und Straßenensembles, um die Widersprüchlichkeit der historischen Entwicklung zu zeigen. Erst das Kreuz fortzulassen, würde den Bau religiös aufladen, denn dieser Eingriff wäre ein politisch-religiös motivierter Akt.

Friedrich August Stülers Laterne mit Cherubim und Kreuz stammt von 1854, sie krönen die Kuppel über dem Westportal des Schlosses. Die Engelfiguren sind noch nicht über Spenden finanziert.
Friedrich August Stülers Laterne mit Cherubim und Kreuz stammt von 1854, sie krönen die Kuppel über dem Westportal des Schlosses....Foto: Stiftung Humboldt Forum/ Franco Stella mit FS HUF PG

Wir können doch entscheiden, auf welche Tradition wir uns im guten Sinne berufen. Das Gottesgnadentum von Friedrich Wilhelm IV., für das die Kuppel mit dem Kreuz steht, gehört gewiss nicht dazu.

Die Debatte ist kompliziert, besitzen die kontroversen Positionen aus sich heraus doch ihr eigenes Recht. Gleichwohl erscheint mir das Argument der schlechten Tradition, auf die das Kreuz verweist, als scheinheilig. Warum schauen wir uns nicht selbst über die Schulter und erinnern uns daran, dass das Humboldt Forum gerade mit Bezug auf Friedrich Wilhelm IV. und dessen Vision von der Museumsinsel als „Freistätte der Kunst und Wissenschaft“ gegründet wurde? Ja, er war ein König der Gegenrevolution, aber diese Seite bietet noch kein Gesamtbild. Er war eine komplexe Persönlichkeit. Die ihm gewidmete Potsdamer Ausstellung „Künstler und König“ von 1995 thematisierte sein ganzheitliches Denken, das die Welt aus der Kunst erklärt. Das ist jetzt so gut wie vergessen.

Hier die guten Humboldts, da der böse Despot, der die Bürger niederkartätschen ließ – es ist in Wahrheit unentwirrbar?

Friedrich Wilhelms „Freistätte der Kunst und Wissenschaft“ steht in der Tradition von Alexander und Wilhelm von Humboldt und ihrer Idee der Zusammenführung von Sammlung und Universität. Im großen Tempel auf der Museumsinsel sollten Vorlesungen gehalten werden. Es ist ein bis heute bedenkenswertes Modell, an dem große Geister mitgewirkt haben, es betrifft auch die Freiheit der Lehre und der Forschung. Welche andere Funktion hat die Beschäftigung mit der Geschichte, als ihre Widersprüchlichkeit zu zeigen, auch die des damaligen Regenten? Es ist unsere Pflicht als Historiker, an diese Komplexität zu erinnern. Alles andere wäre Populismus, ein eindimensionales Denken im Sinne von Marcuses „Eindimensionalem Menschen“, das nur die Gegenwart und die eigenen ethischen Werte in die Geschichte zurückspiegelt.

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