Humboldt-Forum: Stimmen zum Kuppelkreuzstreit : Wilhelminismus oder Weltoffenheit?

Das Humboldt-Forum soll ein Kreuz erhalten. Die Linke ist dagegen, die CDU dafür, der Bischof auch – und die Humboldt-Chefs verteidigen es.

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Schlossbaustelle. So sah die eingerüstete Kuppel Ende Januar aus.
Schlossbaustelle. So sah die eingerüstete Kuppel Ende Januar aus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Linke argumentiert am schärfsten gegen das Kreuz. Für sie ist es ein weiteres Zeichen dafür, dass die Replik eines preußischen Schlosses in der Mitte der Hauptstadt weder der Demokratie förderlich ist noch den Weltkulturen. Auch die Grünen sind dagegen. Die SPD nimmt an der Debatte bislang nicht teil. Und die CDU stellt sich hinter Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die das Kreuz verteidigt mit dem Argument, das Angebot eines offenen Hauses sei nur glaubwürdig, „wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen“.

Katalin Gennburg ist Linken-Abgeordnete aus Treptow, Jahrgang 1984, geboren in Sachsen-Anhalt, Kernland der Reformation: „Endlich offenbart sich, wessen Geistes Kind dieses dämliche Schloss ist – des Preußentums und Wilhelminismus. Ich sage: Nicht nur das Kreuz muss weg. Das ganze Schloss ist eine Unverschämtheit und grobe Zweckentfremdung von öffentlichem Raum!“ Das Statement hat sie auf Facebook gepostet. Regina Kittler, kulturpolitische Sprecherin der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, findet es nicht in Ordnung, dass private Spender über das Gesicht der Stadt entscheiden.

Ulle Schauws, kulturpolitische Sprecherin der Bundes-Grünen, hält ein Kreuz für „aus der Zeit gefallen. Natürlich kann man Identität an Religion knüpfen, man sollte aber gerade hier nicht eine bestimmte Religion in einer quasi-kolonialistischen Geste über alle anderen Religionen stellen. Das konterkariert nicht nur die Idee und Symbolik für kulturelle Offenheit und Vielfalt des Humboldt Forums. Dies führt ebenso eng wie die Frage nach einer Leitkultur, die überflüssig ist.“

Der Kuppelbau wurde mit Kreuz und Laterne beschlossen

Berlins Landesbischof Markus Dröge findet hingegen, das Kreuz wegzulassen, „hieße, historische Zusammenhänge zu verdrängen“. Gerade im Humboldt-Forum komme es darauf an, „den Dialog von Kulturen und Religionen sowohl historisch als auch aktuell zu interpretieren“. Dazu gehöre das Kreuz, „für Christen ein Zeichen der Versöhnung“.

Die Gründungsintendanten Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp betonen, die Errichtung der Kuppel sei als Ganzes beschlossen worden, mit Laterne und Kreuz: „Erst das Weglassen des Kreuzes würde dieses religiös politisieren.“ Johannes Wien, Vorstandssprecher der Stiftung Humboldt-Forum, erläutert die Genese vom Bundestagsbeschluss 2002 über den Wettbewerb 2008 bis zum Siegerentwurf Franco Stellas, der die Kuppel und drei Innenportale hinzufügte. Seitdem gehört das Kreuz dazu. „Damit wir nicht in den Verdacht kommen, dass nach Belieben rekonstruiert wird, achtet eine Expertenkommission darauf, dass wir so originalgetreu wie möglich vorgehen.“ Das gelte für Portale und Fenster ebenso wie für Adler, die Wappen der römischen Könige oder eben das Kreuz.

Ein Kreuz macht noch lange keine Sakralbau

Der Stiftungssprecher weist auch darauf hin, dass die Spenden zwar zweckgebunden sind, aber der Beschluss zur Kuppelrekonstruktion der Spenden-Akquise vorausging. Zur Debatte über den Widerspruch zwischen historischer Hülle und modernem Museum meint er: „Außen ein barockes Königsschloss, innen die außereuropäischen Sammlungen – für viele ein Konflikt. Mit der Kunstkammer im Schloss lag hier der Ursprung der Sammlungen auf der Museumsinsel. Im Übrigen bekennen wir uns mit der Gesamtarchitektur ja auch nicht zum barocken Absolutismus, genauso wenig wird das Schloss durch das Kreuz zum Sakralbau.“

Die Heftigkeit des Streits hat ihn allerdings überrascht, er nimmt an, dass er auch symbolischen Charakter hat. Die legitime Frage nach historischer Rekonstruktion habe sich offenbar nicht erledigt – Stichwort Wiedererrichtung der Bauakademie. Ebenso wenig die Diskussion um die Vermittlung von Kultur und Wertvorstellungen. Dass die Aussagekraft des Humboldt-Forums als Ort der Weltkulturen mit dem Kreuz konterkariert wird, das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn.“

Angefacht hatte die Debatte die Berliner Stiftung Zukunft mit der Warnung, das Kreuz gefährde den Dialog der Kulturen und Religionen, nachdem die Humboldt-Stiftung die vollständige Finanzierung der Kuppel samt Laterne und vergoldetem Kreuz gemeldet hatte.

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