Humboldt-Forum : Wunschkonzert

Was soll ins Schloss? Nach der Architektur droht nun Streit um das Innenleben des Baus. Eine Berliner Diskussion

Christina Tilmann

In Billy Wilders „Eins, zwei, drei“ hat der Coca-Cola-Chef eine klare Vision: „Wir müssen über die Sechserpackung hinaus.“ Ähnlich vollmundig trommelt Volker Hassemer als Vertreter der „Stiftung Zukunft Berlin“, was die inhaltliche Gestaltung des Humboldt-Forums angeht: „Wir müssen das Musée du Quai Branly übertreffen.“ Der ehemalige Berlin-Tourismus-Manager kann sich die Pläne für den Schlossplatz nicht groß genug ausmalen: eine „unerhörte Aufgabe“, eine „wahnwitzige Chance“ sei gegeben.

Es war nicht nur diese typisch Berliner Großmäuligkeit, die dem Abend in der Temporären Kunsthalle kabarettistische Züge verlieh. Benjamin Förster-Baldenius, der mit seinem „raumlabor“ für die Zwischennutzung im Palast der Republik verantwortlich gewesen und nun als Stimme der Kritik geladen war, bekennt freimütig, zur Vorbereitung erstmals nach Dahlem gereist zu sein. Dort habe er schöne Boote gesehen – und ein undichtes Dach. In ein Humboldt-Forum würden er und seine Freunde ohnehin nicht gehen. Als er dann als Innenlösung für das Schloss eine Dokumentationsstätte des Scheiterns vorschlug, die zwei Jahrhunderte durch die Schlossrekonstruktion übergangene Architektur würdigen könnte, verging Moderator Volker Hassemer der Humor.

Ein seltsam gescheiterter, erhellender Abend. Der „Clash of Civilizations“, den Sebastian Turner von „Scholz & Friends“ beschworen hatte, war auch in dieser Diskussion zu erleben. Eine Mitte-Generation wie Förster-Baldenius und Turner, die sich in der Temporären Kunsthalle zu Hause fühlt, trifft auf ernsthafte Museumsleute wie Viola König oder Gereon Sievernich, die dem alten Traum von der ästhetischen Aufklärung anhängen. Den Jurymitgliedern Gesine Weinmiller und Peter Zlonicky blieb es überlassen, noch einmal die Qualitäten des Stella-Entwurfs zu benennen: immerhin kein Potemkinsches Dorf, sondern eine Fassade, die in Ehren altern könne, so Weinmiller. Da hatte sich Sebastian Turner gerade einen Bau gewünscht, der flexibel wie ein Messebau sei: „Möglichst wenig Geld in Beton, möglichst viel Geld in Ideen.“ Nicht unbedingt das Motto zur Schlossfassade.

Nun, da die Architekturfrage entschieden ist, dämmert langsam die Erkenntnis, dass das künftige Innenleben des Baus das eigentliche Problem darstellen könnte. Denn bislang herrscht Ratlosigkeit: Dass das integrative Konzept aus Museum, Humboldt-Universität und Landesbibliothek kaum mehr ein Thema sei, monierte Franziska Eichstädt-Bohlig aus dem Publikum. Gereon Sievernich vom Gropius-Bau mahnte im Hinblick auf die mit 10 000 Quadratmetern ein Viertel der Fläche okkupierende Agora-Arena dringend eine inhaltliche Klärung an: Für tatsächlich 15 000 Besucher pro Tag – zum Vergleich: das Pergamonmuseum zieht täglich 3000 Besucher an – bräuchte man sechs bis acht zugkräftige Veranstaltungen am Abend. Eine Aufgabe, mit der alle Beteiligten überfordert sein dürften. Zur Diskussion in der Kunsthalle waren gerade mal 35 Zuhörer gekommen. Christina Tilmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar