Humboldts Studentische Philharmonie : Das Riesenbaby

Humboldts Studentische Philharmonie begibt sich in der Heilig-Kreuz-Kirche auf die Spuren amerikanischer Musik.

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Musik an der HU.
Musik an der HU.Foto: M. Winterscheid

Als „Riesenbaby“ bezeichnete Leonard Bernstein in den 50er Jahren die amerikanische klassische Musik in einer populären Fernsehshow: stark und sehr gesund, aber eben ein Baby. Was er meinte: Die Identitätssuche, das Lösen von europäischen Vorbildern, war noch in vollem Gange. In der Heilig-Kreuz-Kirche zeichnet das HU-Orchester „Humboldts Studentische Philharmonie“ die Geburtsgeschichte amerikanischer Musik nach – in umgekehrter Reihenfolge. Aaron Coplands Suite aus dem Ballett „Rodeo“ von 1942 integriert bereits sehr erfolgreich Jazzrhythmen und volkstümliche Stoffe zu einem unverwechselbar amerikanischem Amalgam.

Ein wilder Ritt wird es jedoch nicht, die Musiker brauchen lange, um zueinanderzufinden, das musikalische Gewebe mag nicht schwingen. Eine Ahnung von den klanggoldenen Möglichkeiten schimmert im dritten Stück „Saturday Night Waltz“ auf. Dann Samuel Barber: Er hat sein Violinkonzert op. 14 (1939) so komponiert, als sei Brahms gerade erst verstorben. Der spanische Solist Miguel Colom Cuesta versteht es aber, die lang ausschwingenden, klassizistischen Geigerkantilenen interessant zu machen. Mit feingliedrigen Fingern verfolgt er den Klang bis in die letzten Verästelungen. Und auch in der virtuosen Treppauf-treppab-Jagd des letzten Satzes haut es ihn nie aus der Bahn.

Dann sind wir wirklich im 19. Jahrhundert angelangt – mit Dvoráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“. Keine amerikanische Musik, sondern der Blick eines Alteuropäers auf sein temporäres Heimatland. Während sich die Streicher nicht irre machen lassen, sämig und füllig in die Vollen greifen, wirkt das Blech aufgeregt, prahlt besserwisserisch, um gleich danach in kieksende Fehler zu stürzen. Ausnahme: das betörende Englischhorn, dessen Thema so prägend ist für den zweiten Satz. Auch wenn es dem Orchester insgesamt am weiten Atem fehlt, am Sich-treiben-Lassen, an Gespür für die Prärie: Leiter Constantin Alex leistet ordentliche Arbeit, holt aus den musikbegeisterten Studierenden (keine Musikstudenten!) immer wieder tolle Einzelleistungen heraus. Der Abend überzeugt weniger als aktuelles Konzert, sondern als Versprechen, was möglich wäre.

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