Humor : Das ewige Lachen

Sarkasmus und Galgenhumor gehören gerade dieser Tage wieder zum Überlebenstraining. Jetzt, wo man um die Auferstehung der Wirtschaft zittert und die Finanzlöcher auch ein Abgrund von Aberwitz sind. Ein guter Witz überwindet die Todesangst: österliche Gedanken über den Humor.

Peter von Becker
Brian
In Monty Pythons Bibel-Filmkomödie "Das Leben des Brian" von 1979 wird der Held gegen seinen Willen zum Messias ernannt. -Foto: Cinetext

Hat Jesus nie gelacht? Seine Abbilder hängen in der halben Welt, keiner wurde in zwei Jahrtausenden häufiger porträtiert als er, von der Geburt bis in den Tod – und selbst danach. Aber kaum war er raus aus Stroh und Windeln, zeigt er auf keinem der unzähligen Bilder auch nur das leiseste Lächeln. Obwohl gerade Jesus Christus die Menschenfreundlichkeit lehren und leben wollte. Auch der andere große Religionsstifter und Prophet, der freilich nicht abgebildet werden soll, gilt nicht als Mann des Humors. Mohammed, heißt es, soll schon Dichter als freche Lügner verachtet und das Scherzen überhaupt nicht gemocht haben. Auch einige seiner Anhänger würden gerne das Lachen über sich, Gott und die Welt verbieten.

Religion muss nicht so sein. Von den Göttern der europäischen Antike zeugt nicht zuletzt das homerische Gelächter. Es gibt die olympische Heiterkeit. Und in Asien, selbst in China ist der lachende Buddha ein bis heute populäres Symbol. Er beweist, dass Humor etwas Göttliches ist und das Lachen neben dem Weinen das Allermenschlichste.

Wer Ostern nicht für ein häsisches Fest hält, glaubt zumindest bei diesem Anlass, am heiligen oder pietätvollen Ernst irgendwie festhalten zu müssen. Ostern soll zwar den Sieg über den ewigen Tod bedeuten und das Osterlamm ein Zeichen des Friedens sein. Also ein Anlass der Freude. Aber auch des humanen Humors? Hier musste erst ein mit Judentum und Christentum gleichermaßen vertrauter Geist wie der alte George Tabori kommen, um zu zeigen, dass Scherz und Schmerz sich treffen wie Schneiden einer Schere. In Taboris „Goldberg-Variationen“, die die Schöpfung der Welt und das Karfreitags- und Osterdrama in einer „theologischen Komödie“ fassen, wird die Kreuzigungsszene im Stadttheater von Jerusalem geprobt. Als dabei der im Evangelium überlieferte römische Lanzenstecher den Gekreuzigten fragt, ob es wehtut, antwortet Christus: „Nur, wenn ich lache.“

Das ist die ingeniöse Abwandlung eines alten polnischen Witzes, in dem ein Jude von (christlichen) Räubern überfallen und ins Zwerchfell gestochen wurde. Es gibt aber noch einen viel neueren, römischen Osterwitz, nämlich den: Silvio Berlusconi denkt trotz aller Verjüngungskuren über sein künftiges Grabmal nach. Seine Berater machen ihm einen Vorschlag. Ein marmorner Kuppelbau, dreißig Meter hoch und so weiter. „Was kostet das?“, fragt Berlusconi. „Zwanzig Millionen“, sagt der Architekt, dafür sei es dreimal so groß wie das Theoderich-Mausoleum. „Theoderich? Den kennt doch keiner mehr, das gefällt mir nicht“, sagt Berlusconi. Darauf schlägt man ihm eine Pyramide vor, hundert Meter hoch für hundert Millionen, und der Sarg wie bei den Pharaonen in der tiefsten, geheimsten Kammer. Berlusconi schüttelt den Kopf. „Was werden da meine Anhänger und Anbeter sagen? So versteckt und kaum zu finden, das kommt nicht infrage!“

Die Berater und Architekten kommen endlich mit einem dritten Vorschlag. „Signor presidente, wir haben etwas ganz Exklusives. Nur eine Steinhöhle, aber die kostet fünfhundert Millionen ...“ Fünfhundert Millionen für eine Höhle? „Ja, es ist das Felsengrab von Jesus Christus.“ Berlusconi ist überrascht, lächelt, nickt: „Das klingt nicht schlecht. Aber ist es nicht ein bisschen teuer? Ich meine, das alles – nur für drei Tage?“

Golgatha ist als Stätte kein Tabu für den Humor. Golgatha gehört als Hinrichtungsort ins Genre des Galgenhumors. Mit der Auferstehung, die ja schon die Erlösung ist und eine Frage der Metaphysik, hat es der Witz schon schwerer. Denn Witze finden eher im Unglück ihren Anlass und tieferen Grund. Gerade gegen die Katastrophe wehrt sich der Mensch mit dem Witz, der ja oft genug ein Versuch ist, die Todesängste zu bannen und das Überleben zu ermöglichen, statt des Galgenstricks erhascht er einen Zipfel vom ewigen Leben. So übt der Galgenhumor den Aufstand und das Auferstehen zu Lebzeiten.

Pietät, zumal falsche Pietät, gehört nicht zum Galgenhumor. Und schon gar nicht zur Kunst des Witzes (so wenig wie überhaupt zur Kunst). Aber hier, wo eigentlich der Sarkasmus triumphiert, der „Humor des Fleischers“, wie Heiner Müller ihn nannte („sarx“, altgriechisch für Fleisch), eben hier gibt’s auch das Beispiel schier überirdischer Feinfühligkeit. Als in der Französischen Revolution Marie Antoinette beim Besteigen des Schafotts ihrem Henker im Angesicht der Guillotine versehentlich auf den Fuß trat, soll sie sich entschuldigt haben. Es tue ihr leid, es werde nicht wieder geschehen.

Sarkasmus und Galgenhumor gehören gerade dieser Tage wieder zum Überlebenstraining. Jetzt, wo man um die Auferstehung der Wirtschaft zittert und die Finanzlöcher auch ein Abgrund von Aberwitz sind. Das wohl schönste Elixier, das es zurzeit zum Lachen wider den heillosen Ernst gibt, ist Tomi Ungerers Aphorismensammlung „Die Hölle ist das Paradies des Teufels“ (Zürcher Diogenes Verlag, 150 S., 14,90 Euro). Mit der Finanzkrise hat das wenig zu tun – trotz der Einsicht: „Heute liegt der Stolz mehr im Lohn als in der Arbeit.“ Aber mit den Themen von Ostern schon mehr. Es geht um Leben, Tod und Teufel. Um Gott und die Welt.

Tomi Ungerer, der 78-jährige Dichter, Zeichner und Denker, dem seine Geburtsstadt Straßburg das erste französische Staatsmuseum für einen lebenden Künstler eingerichtet hat, schreibt und malt seit Jahren auch an gegen den Krebs in ihm. Unentwegt hat er Einfälle, in Bildern und Worten, Französisch, Englisch und Deutsch, und dies ist seine jüngste, beste Sammlung von „Gedanken und Notizen“. Vom Krebs, von allen Operationen ist er bisher auferstanden. Mit der Devise „Tumor braucht Humor“. Und „hope is a fourletter word“.

Es gibt hier auch den reinen Geist: „Die Sekunden beneiden die Stunden, die Wochen sind eifersüchtig auf die Jahre, und die Jahrhunderte trauern dem Augenblick nach.“ Ein Pascal, Oscar Wilde oder Canetti hätte das nicht schöner sagen und schreiben können. Dagegen kann nur ein Ungerer kommen, um zu fragen: „Gibt es einen vegetarischen Eskimo?“ Auch dem Satz, dass philosophieren zu sterben lernen heiße, gibt Ungerer eine neue, eher unösterliche, doch nicht untröstliche Wendung: „Das Leben ist eine Schule, der Tod die großen Ferien.“

Wer den Satz „Wenn man Safer Sex will, gibt es nur die Selbstbefriedigung“ genau liest, findet statt eines banalen Bonmots den Hinweis auf jene erotisch-existenzielle Dimension, der sich alle tollen, tödlichen, unsterblichen Liebesdramen verdanken. Ungerer sagt, „von allen Arten zu sterben, ist die kleine die lauteste“, in Anspielung auf das französische Wort vom kleinen Tod am Ende vom liebenden Akt; in seinem Atelier steht ein Skelett, „das geduldigste Modell, das ich je hatte“, und er selber ist „ein Wirbel ohne Säule“. Ohne den Wind „wüssten die Wolken nicht, wohin“, und „beim Vögeln ist der Spatz oft schwerer als das Herz“. Fragt ihn jemand empört oder verwirrt, wieso er als Meister der von raffiniertesten Kopulationsfanatsien beherrschten Bilder-Sprache auch so viele erfolgreiche Kinderbücher schreibe, erwidert er: „Ohne Sex keine Kinder.“

Bei Liebe und Tod ist Tomi Ungerer in seinen bald achtzig „Wechseljahren“ erklärtermaßen „kein Zyniker, nur Realist“. Der Realist „muss über alles lachen, nur so verliert das Dasein seinen Schrecken“. Wäre er religiöser, dann würde er wohl Gott für dieses Dasein mitverantwortlich machen. Deshalb schreibt Ungerer, der weiß, „eine Ecke bietet mehr Überraschungen als eine Kurve“, selbst für die Ungläubigen geradewegs einen Ostertrost: „Mir ist Jesus lieber als Gott. Wenn er Gottes Sohn ist: Nie ist ein Apfel so weit vom Stamm gefallen.“

Man muss kein Teufel sein, um mit diesem Brevier auch in der Hölle noch das Paradies eines spöttisch zweifelnden, lachenden Engels zu finden.

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