Kultur : Hund mit Kreditkarte

Ildikó Noémi Nagys Erzählungen „Oh Bumerang“.

Friederike Höll

Quakende Tauben in Ungarn, eine kreischende Madonna in Amerika, ein explodierendes Klavier, eine genetisch bedingte Alkoholabstinenz – all das sind Sequenzen aus Ildikó Noémi Nagys Erzählungen „Oh Bumerang“. Die 1975 als Kind einer ungarisch-amerikanischen Familie im kanadischen Vancouver geborene Nagy zeichnet darin das offenbar stark autobiografisch eingefärbte Bild einer Adoleszenz in den USA und eines Studentenlebens in Budapest. Wie eine spontane Zusammenstellung aus Tagebucheinträgen lesen sich diese Geschichten, deren Protagonistin jeweils eine junge, introvertierte Frau ist: mal im Körper einer Teenagerin, mal in dem einer Studentin.

Als wortkarge Außenseiterin sehnt sie sich nach Zugehörigkeit, nach einem Weg aus der Tristesse des Alltags. Sie lebt zwischen verschieden Welten: Amerika und Ungarn, Kindheit und Erwachsensein, Depression und Glück. Und schlüpft in die verschiedensten Rollen, als Verkäuferin in einem SM-Club, als unglücklich Liebende, als Sommerurlauberin am Strand. Ihre Erinnerungen, Gefühle und Gespräche verpackt Ildikó Noémi Nagy unverblümt in knappe Formulierungen und eine sachliche Sprache. Dadurch bewahrt sie trotz intimer Einblicke in die Gedanken- und Erlebniswelt ihrer Akteurin eine unüberwindbare Distanz. Nagy folgt in ihren Beschreibungen keinem stringenten Erzählstrang. Es gibt hier keinen Anfang und kein Ende. Stattdessen reiht die Autorin Momentaufnahmen mit teilweise abrupten Szenenwechseln aneinander. Sie schafft dabei Verbindungen zwischen einzelnen Erinnerungsfragmenten und offenbart damit gleichermaßen die Absurdität und die Melancholie des Alltags.

Da gibt es die Hochzeitsreise mit der Schwiegermutter; da gibt es gar eine Kreditkarte für einen freiberuflich tätigen Hund; da gibt es Partys, auf denen man entweder nie eingeladen war oder nicht wusste, was man zu sagen hat; oder den Vater, der Schulbücher aus dem Fenster wirft – und der seine Tochter mit zur Geliebten nimmt. Und da gibt es zu guter Letzt eine Atemübung, die alle psychischen Probleme einfach so in Luft auflöst. Raus aus der Anorexie mit „einmal tief ein, einmal aus, zweimal ein, einmal aus, zweimal ein …“ – und womöglich rein in ein Happy End. Friederike Höll

Ildikó Noémi Nagy: Oh Bumerang. Stories. Aus dem Ungarischen von György Buda.

Verlag Jung und Jung, Salzburg 2013,

128 Seiten, 17,90 €.

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