• Hunde mit Davidstern? Die deutsch-jüdischen Beziehungen befinden sich im Ausnahmezustand (Gastkommentar)

Kultur : Hunde mit Davidstern? Die deutsch-jüdischen Beziehungen befinden sich im Ausnahmezustand (Gastkommentar)

Rafael Seligmann

Die Juden sind auf den Hund gekommen. Ein Berliner Pitbull-Besitzer rief per Internet seine Hundehalter-Genossen dazu auf, gegen Pläne zum Verbot der Beißerhaltung mit einer Demonstration der besonderen Art zu reagieren. Die Vierbeiner sollten mit einem Davidstern drapiert werden. Statt des Wortes Jude, stünde nun Hund darin. Die Veranstaltung hätte unter dem Motto: "1. Antirassismus-Demonstration in Berlin" laufen sollen.

Man darf sich darüber empören. Etwa, indem man die ermordeten Juden mit bissigen Kötern verglichen sieht. Doch wer in unserem bierernsten Land noch einen Funken Selbstironie besitzt, muss auch schmunzeln. Denn dem verstörten Hundebesitzer ist es nicht darum zu tun, ermordete Juden zu verhöhnen. Er und seine Kollegen fürchten vielmehr um die Existenz ihrer geliebten Bestien. Sie sind tieftraurig und ratlos obendrein. Warum aber benutzen sie die verfolgten Juden für ihre Zwecke?

Wir alle kennen die Antwort. Das Andenken an die Schoah hat ein Eigenleben entwickelt. Es geht weit über die notwendige Trauer um die Ermordeten hinaus. Der Holocaust wurde quasi zur Ersatzreligion der Trauerbesessenen, schlimmer noch, zum Synonym für das Judentum schlechthin umfunktioniert. Das geht so weit, dass viele deutsche Jugendliche heutzutage Judentum mit Schoah gleich setzen.

Steven Spielberg und viele Diasporajuden benutzen, ja missbrauchen die Schoah, um ihr Judesein zu definieren. Sie tun dies, weil sie den Glauben an den Judengott verloren haben und kaum etwas von jüdischer Geschichte und Kultur wissen. Die starken Emotionen der Schoah sollen ihre Ignoranz überstrahlen. Es gelingt nicht immer. Die Schoah-Fixierten begreifen nicht, dass sie die Antisemiten an Stelle Gottes zum Schöpfer ihres Judentums küren.

Wie die Juden, so die Gojim. Auch sie identifizieren die Juden mit der Schoah. Auf diese Weise wird der psychologische Ausnahmezustand der deutsch-jüdischen Beziehungen verewigt. Die große Mehrheit der Deutschen erfährt nichts mehr von der mehr als tausendjährigen deutsch-jüdischen Geschichte. Der Holocaust markiert im Bewusstsein vieler Deutscher das Ende des hiesigen Judentums und damit des deutsch-jüdischen Verhältnisses.

Wer weiß, dass das deutsche Nach-Auschwitz-Judentum mehr zu bieten hat als Holocaustmahnmäler, Gedenkreden, Klemperer-Tagebücher und Kitschi-Klezmer? Beispielsweise die am schnellsten wachsende hebräische Gemeinde weltweit. Oder eine aufblühende jüdische Gegenwartsliteratur, die in Amerika mehr beachtet wird als hier zu Lande. Oder eine neue kulturelle, soziale und religiöse Vielfalt in den deutsch-jüdischen Gemeinden.

Fast alles, was im letzten halben Jahrhundert nach Hitler und den Seinen langsam und mühsam im deutschen Judentum aufgebaut wurde, verschwindet im Schlagschatten der Schoah und ihrer eifrigen Gralshüter. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Viele wenden sich verschreckt oder überdrüssig ab.

Als Martin Walser in seiner Friedenspreis-Rede bekannte, er könne nicht mehr hinsehen, wurde ihm dies als Antisemitismus denunziert. Walser hat lediglich ausgedrückt, was die meisten empfinden - einerlei ob deutsch, christlich oder jüdisch. Aber dies zuzugeben, widerspricht der politischen Korrektheit professioneller Mahner und Wichtigtuer.

Auf diese Weise konnte der Schoah-Schrecken ungezügelt weiterwuchern. Jeder, der sich in Deutschland benachteiligt glaubte, verglich sich mit den ermordeten Juden. Aufmerksamkeit war man sich allemal sicher. Ob von Subventionskürzungen bedrohte Landwirte einen "Bauern-Holocaust" beklagten, Tierversuchsgegner eine "Schoah" der Kreaturen anprangerten oder Legehennenbatterien als "Hühner-KZs" denunzierten, während Abtreibungsgegner - übrigens auch in Israel - der "Schoah am ungeborenen Leben" den Krieg ansagten, der Völkermord wurde je nach Interessenlage instrumentalisiert.

Einige Berliner Tiernarren wollten sich an diese Kampagne hängen. Das Echo hat sie erschreckt. Sie wollen die David-Sterne vom Hund nehmen. Das ist nicht genug! Es wird Zeit zu begreifen, dass die Schoah nicht das Ende der Geschichte war. Die Toten bleiben unvergessen. Doch wir haben das Leben heute zu bewältigen und dürfen und sollen wieder Gedichte schreiben.Der Autor lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin.

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