Kultur : Hunde, wollt ihr ewig leben

Funny von Dannen gibt eines seiner seltenen Berliner Konzerte

Kai Müller

Neulich entspann sich im Radio eine merkwürdige Unterhaltung zwischen zwei Herren mittleren Alters, die sich offenbar gar nicht unterhalten wollten: Sag mal, hörst du in letzter Zeit auch Musik? – Vor allem CDs. – Welche? – Eigentlich ist es nur eine CD. – Welche? – Naja, im Grunde ist es nur ein Lied. – Und zwar?

Wie sich herausstellt, ist es ein Song von Funny van Dannen, des „wunderbaren Funny van Dannen“, wie sich der Moderator ausdrückt. Der Song wird gespielt, dauert zwei Minuten vierzig, und als er zu Ende ist, gesteht der Mann: „Ich könnte das Lied immer wieder hören.“ Und so spielen sie es gleich noch einmal.

Funny van Dannen kennt eigentlich jeder. Aber wer kennt schon seine Musik? Besonders in Berlin, wo der gebürtige Tüdderner nunmehr seit 25 Jahren wohnt, eilt ihm ein fast heiliger Ruf voraus. Und das, obwohl er praktisch nicht in Erscheinung tritt. Konzerte gibt er selten, CDs veröffentlicht er regelmäßig, aber ebenfalls selten. Auf Interviews lässt er sich nur widerwillig ein, wenn seine Plattenfirma ihn drängt und er glaubt, ihr etwas schuldig zu sein. Insofern ist er eine Kreuzberger Kreatur. Er will einfach nicht herausbekommen, wie weit er es bringen könnte. Als Musiker. Dass er es als Mensch ziemlich weit gebracht hat, ist offenkundig. Man würde ihn, den vierfachen Familienvater, nicht „wunderbar“ nennen, wenn er nicht einen Weg gefunden hätte, den andere auch gerne beschreiten würden, ohne zu wissen, wo die Ausfahrt ist. Oder?

Wenn er, wie am Montag im Berliner Ensemble, auf die Bühne kommt, hat er nichts weiter bei sich als eine akustische Gitarre, einen Stapel handgeschriebener Songtexte und eine Weinflasche, die aus der Jacketttasche eines modisch-gestreiften Designeranzugs hervorlugt. Es ist ein Wettlauf. Die Frage lautet: Wird er die Flasche schneller bewältigen als sein Programm?

Der 45-Jährige ist kein Trinker. Es ist ein verdammt langes Programm. Zweieinhalb Stunden spielt sich van Dannen, stehend vor Mikrofon und Notenpult, durch seine MiniDramen, die einen immer ein bisschen wehmütig oder beklommen machen, manchmal sogar beides. Da ist zum Beispiel „Rod Weiler“, die Geschichte eines alten Straßenköters, der vom Müll lebt und eine dreibeinige Töle namens Madeleine liebt. Aber sie bringt ihm kein Glück. Am Ende versinkt sein Kadaver in gurgelnden Fluten. So kann das gehen, denkt man. Und es ist kein bisschen komisch, wenn er singt: „Man kann Emotionen genauso wie Muskeln trainieren.“

Funny van Dannen ist auf eine seltene, beinahe Goethesche Weise: komplett. Ein wenig kindisch, ohne albern zu werden. Geistreich, aber nie arrogant. Er kann übers Tierreich genau so tiefschürfende Sätze verlieren wie über Hormonschwankungen. Selbst Sex ist in van Dannens Welt eine Sache, die man eben gerne mal macht.

Aber die größte Überraschung: wie jung sein Publikum ist. Schulklassenweise strömen Jugendliche in sein Konzert und bejubeln einen Mann, der den „Eisprung“ feiert oder einen „Dingficker“ verteidigt, den Kapitalismus liebt und scheitert, also Probleme besingt, die erst ab einem gewissen Alter wirklich schmerzhaft werden, aber auch davor schon ziemlich weh tun. „Ich stand an der Straße, da fuhr mein Auto vorbei“, heißt es einmal. Wer Funny van Dannen begriffen hat, läuft in solch einem Fall nicht hinterher.

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