Kultur : Hundert Blumen

Zwischen Ost und West: Auktionswoche in London

Matthias Thibaut

Der Aufwärtstrend für die Gegenwartskunst hält an, das macht die letzte Londoner Auktionswoche deutlich. Christie’s, Sotheby’s und Phillips de Pury – in der Reihenfolge des Erfolgs – verkauften Kunst für 125 Millionen Euro. Dazu kommen noch die Umsätze der Kunstmesse Frieze, von denen aber nichts Genaues bekannt ist. Die Stimmung war heiter, Geld spielte scheinbar keine Rolle.

Doch sieht man genauer hin, gibt es Unterschiede. Bei deutscher Malerei etwa ist der Zenit offenbar erreicht. Zu hoch taxierte Werke von Matthias Weischer und Neo Rauch gingen bei Sotheby’s zurück. Dirk Skreber war nicht gefragt. Werke von Eberhard Havekost und Thomas Scheibitz blieben im Rahmen.

Der Markt der Chinesen boomt dagegen, vor allem politische und historische Motive. Fang Lijuns 2002 gemaltes Bild einer freudig erregten Volksmasse mit roten Köpfen, auf die Maos „Hundert Blumen“ herunterregnen, kletterte bei Phillips auf 478 400 Pfund. Bei Christie’s ging eine weniger plakative Einzelfigur zurück. Ein locker monochrom gemaltes Mao-Bild von Yan Peiming war mit 310 400 teuer, sein Landschaftsbild wurde dagegen moderat bewertet. Zhang Xiaogang bleibt der Klassenbeste – nach einer Serie von Rekorden für Bilder der „Big Family Series“ setzte Charles Saatchi noch eines drauf und sicherte sich ein Großformat mit drei dieser wehmütig aus dem Bild starrenden Köpfe für 769 600 Pfund (1,14 Millionen Euro).

Die Preise für Damien Hirsts „Spot Paintings“ werden wohl nicht mehr übermäßig steigen – das Großformat, das der Künstler in die Benefiz-Auktion der Whitechapel Gallery einlieferte, enttäuschte mit 450 000 Pfund. Vielleicht hat Hirst einfach zu viel aus dieser Serie produzieren lassen – die, zumindest nach den bei Sotheby’s zurückgezogenen Drucken zu urteilen, bereits gefälscht wird. Wenn dagegen etwas Rares kommt – wie eine vollständige Serie der 164 Hollywood Nazi Fotos von Piotr Uklanski, dann wird richtig hart gekämpft. Obwohl das Werk aus einer Zehneredition stammt, bezahlte der New Yorker Händler Jeffrey Deitch 568 000 Pfund dafür.

Ungebremste Begeisterung herrschte einmal mehr in den italienischen Auktionen: Bei Sotheby’s erzielte Piero Manzonis „Achrome“ 960 000 Pfund und Alighiero Boettis Textilwerk „Tutto“ kam auf einen Rekord von 568 000 Pfund. Bei Christie’s bot ein als Agent fungierender Saalbieter den wohl erstaunlichsten Preis der Woche: 2,13 Millionen Pfund (3,1 Millionen Euro) für ein weißes, mittelgroßes Concetto spaziale von Lucio Fontana, mit zehn senkrecht nebeneinander gestellten Schlitzen – das sind 300 000 Euro pro Schlitz.

Und dann Warhol. Er hat in diesem Marktsegment einen Sonderstatus. Nicht weil ein kommerzielles Flowerstück 3,5 Millionen Pfund brachte oder weil die späten Warhols ihren Preisaufstieg fortsetzten und Edeljuwelier Lawrence Graff für Warhols Version von Munchs „Schrei“ 1,07 Millionen Pfund bezahlte. Warhol steigt in allen Preislagen: Ein auf 80 000 Pfund angesetztes Prominentenporträt war einem asiatischen Käufer 400 000 Pfund wert. So fließt auf dem aktuellen Kunstmarkt das Geld von West nach Ost – und von Ost nach West.

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