Kultur : Hundert Jahre Einrichtung: Die Besiedlung des Mondes im eigenen Kopf

Michael Zajonz

Für Walter Benjamin glich das moderne Wohnen einer Detektivgeschichte: "Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont. Man ersinnt Überzüge und Schoner, Futterals und Etuis in Fülle, in denen die Spuren der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände sich abdrücken. Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab." Diesem Spiel von öffentlichem Präsentieren und privatem Verhüllen, individueller Inszenierung und Konvention widmet sich die Ausstellung "Wohnen im Wandel" des Stadtmuseums Berlin. Allein die gediegenen Treppenhäuser und der Innenhof lohnen den Besuch des Nicolaihauses: Gleich einem Schatzkästlein birgt der als Ersatz für das dem Jüdischen Museum zugeschlagene Kollegienhaus provisorisch hergerichtete Barockbau gut bürgerliche und proletarische Möbel, Hausrat und Nippes von erhaben bis schrecklich. In 35 Räumen wird ein Parcours inszeniert: das häusliche Ambiente verschiedener sozialer Schichten zwischen Gründerzeit und Gegenwart.

Berlin ist eine Mieterstadt. Nicht die von den Wohnungsreformern der Jahrhundertwende propagierte Verbindung von Haus und domestizierter Natur in den Villenkolonien steht im Mittelpunkt, sondern die Etagenwohnung, die den Mythos des steinernen Berlin gebar. In der urbanen Wüste der Millionenstadt ließ es sich - Personal vorausgesetzt - bequem leben, wie die 420 Quadratmeter große Charlottenburger Zwölf-Zimmerwohnung des Malers Curt Herrmann zeigt. Dessen crèmeweißes Speisezimmer, 1911 von Henry van de Velde entworfen, wird erstmals präsentiert, mit seinen postimpressionistischen Wandbildern, dem originalen Teppich und vor lindgrünen Wänden. Derart raumgreifende Verfeinerung blieb ebenso elitär wie das Stahlrohrmobilar Marcel Breuers. Die vor 1914 höchst heterogene Avantgarde - rustikale Esszimmer von Peter Behrens und Richard Riemerschmid sowie der "Geheimratsklassizismus" Bruno Pauls - vereinte die Ablehnung der als "Protzentum" diffamierten Raumkunst des Historismus. Doch überzeugen in dieser Präsentation gerade die bunt zusammengewürfelten Interieurs zwischen 1870 und 1890. Neben der schwellenden Pracht üppiger Barockformen behaupten sich die um 1900 entstandenen Innenaufnahmen von Schinkels Palais Redern, das wenig später dem Bau des Hotels Adlon zum Opfer fiel, der städtebaulichen Großmannssucht.

Angestaubt harmlos wirkt der Abschnitt über das proletarische Berlin. Anders als im Begleitheft sind die Fotos des Wohnungselends der Jahrhundertwende nicht untertitelt: Die Präsentation erinnert an auf Küchenutensilien spezialisierte Trödlerläden. Auch fällt die Darstellung des kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbaus, in Berlin mit Namen wie Alfred Messel, Martin Wagner und Max Taut verbunden, zu knapp aus: Das verwundert, wurde doch der Ausstellungsetat von der "Gesobau" bestritten, die unlängst ihr 100-Jähriges feierte.

Der Radikaleinschnitt des Zweiten Weltkrieges - 40 Prozent der Berliner galten 1945 als obdachlos - ließ die sozialen Grenzen des Wohnens brüchig werden. So trumpfte die SED mit der "Stalinallee" auf: Handverlesene Arbeiter sollten in Palästen wohnen, das Einrichtungsideal blieb kleinbürgerlich. Den Ehrenplatz des Volksempfängers nahm hüben wie drüben das Fernsehgerät ein; in der Senderwahl zwischen "Sandmännchen" und "Schwarzem Kanal" vollzog sich die Vereinigung der Stadthälften lange vor 1989. Die Nivellierung der Unterschiede erreicht in den 70er Jahren ihren Höhepunkt: Die "Gute Form" weicht endgültig rund-bunten Sitzgelegenheiten und zentimeterdicken Strukturtapeten. Es ist den Kuratoren hoch anzurechnen, daß sie dem anything goes individueller Lebensentwürfe gesellschaftspolitische Themen, wie die Hausbesetzungen der 80er Jahre oder die Standards für Kinderzimmer im sozialen Wohnungsbau entgegenhalten. Am Ausgang zitiert eine Coolness-Lounge die aktuelle Clubästhetik: als Probe auf die Besiedlung des Mondes im eigenen Kopf.

Die Wohnen-in-Berlin-Story wird über Strecken wie ein Krimi erzählt, mit offenem Ende. Einst unverrückbare Hierarchien - Vorderhaus hui, Hinterhaus pfui - gerieten in Bewegung, wie die Trennung von E und U. Das zeigen auch selbsternannte Trendsetter: So wurde das volkstümliche Billy-Regal von Ikea jüngst auf den Glanzseiten eines Bildbandes gesichtet, der Berliner VIP-Wohnungen präsentiert.

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