Kultur : Hundert selbstironische Lyren zum Aufstieg und Fall der DDR

Anne Hahn

Wir Menschen der abendländischen Kultur denken, wachsen und werden mit und in Zahlen. So bewegte gerade im ausklingenden Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts einige deutsche Hobbyhistoriker die Frage, ob es die Karolinger und ihre Epoche wirklich gab - oder ob wir die Zeitrechnung um knapp drei Jahrhunderte zurückdrehen sollten. Nach der umstürzlerischen Berechnung Heribert Illigs hätte sich die DDR jedenfalls so zwischen 1656 und 1696 nach Christus ereignet. Doch wir schreiben das Jahr 2000, die DDR wurde vor fünfzig Jahren gegründet, die Mauer fiel vor gut zehn Jahren. Einer, der in der DDR seine Lederhosen abwetzte und den Eselsritt auf die Wartburg absolvierte, hat sich verstohlen Gedanken gemacht, sich belesen und die DDR-Dokumente studiert. Am 7. Oktober 1999, zum "50. Republiksgeburtstag" erschien das Resultat dieser dichterischen Bemühungen unter dem Titel "wachsen & werden". 1996 kam in der Reihe SKLAVEN-Pamphlete Frank Willmanns Gedichtband "das deutsche ding" heraus: 50 Lyren über die Geschichte der V 2 und den Zweiten Weltkrieg. Jetzt hat sich der Autor an die jüngste Geschichte gewagt. In 100 Gedichten nähert er sich dem Staat, den er einst leichten Schrittes verließ. Die Betrachtungen umfassen die Geschichte vom ersten Traktor bis zum letzten Sputnik. Dabei bildet die Chronologie der DDR die einzige Konstante, in Stil, Versmaß und Umfang variieren die Lyren aufs verwegenste.

Leicht macht es uns Frank Willmann nicht. Er verschlüsselt seine erfrischende Wortvielfalt in den Gegenstand hinein. Wem die jeweils besungenen Phasen des Alltags- und Politiklebens der DDR unbekannt sind, tut gut daran, sich Beistand zu verschaffen. Aber selbst ein "Ehemaliger" wird gern die "lesehilfen" im Anhang nutzen und mit dem einen oder anderen Aha-Effekt belohnt. In der 79. Lyre singt Willmann "heut schon das lied von morgen - hymne der pds": "sie wären gerne aufgestanden von ihren goldnen stühlen als der pöbel mit roter backe rumorte wir wollen endlich taten sehn sonst sagen wir auf wiedersehn sie hätten gern dies & das getan das muss man ihnen lassen die hasen & häsinnen sie waren auch nicht einverstanden mit der vergangenheit das muss man ihnen lassen ... " Doch zurück zu den Anfängen, es ist von "henselmännern & sandsackinstallateuren stalinscher prägung" die Rede, die im "Ulbrichtgeschwader heranbrausten" und "fingerdick legte sich der staub über die stadt berlin". Chronologisch werden alle Meilensteine ostdeutscher Staatsgeschichte abgearbeitet, auch das legendäre Tor Sparwassers bei der Fußball-WM 1974.

im klingelbeutel froren die groschen / & sepp maier liess deutschland allein / als sparwasser ihm das ding in die / maschen setzte zitterte die fussballwelt / eine mächtige kraft kulminierte dies tödliche / vorzeichen markierte sich im immateriellen katalog/ den abgekauften schneid steckte sich / jürgen in den schornstein ich seh schwarz / jaulte beckenbauers franz & hüllte sich in sack & asche / doppelter sieg brüllte schnitzlers eduard zurück / mit stumpf & stiel sprengte der sturmtrupp des / sozialismus in die alster das schlangengezücht am busen der arbeiterklasse / eia popaia o heilige / einfalt im endspiel stand brdeutschland & / nahm die wende vorweg

Die Chronik der Wende, mit der sich einige der Lyren beschäftigen, klingt bei Frank Willmann wohltuend unspektakulär. Zeilen wie "das strohfeuer eines freien willens / wurde bananös in banale bahnen gelenkt" erklären mehr als Feierstunden. Mit Humor und Selbstironie schaut der Dichter zurück, zeichnerisch unterstützt vom ostelbigen Lutz Heyler. Entstanden ist ein Bändchen, das Aufmerksamkeit fordert und verdient! Stimmen wir ein mit Frank Willmann : sieben tränen muss ein ostler weinen / sieben tränen bis zur nächsten ddr / kommt der tag dann muss er sich entscheiden / ob er wieder auf den alex steigt ...Frank Willmann: wachsen & werden. Die Geschichte der DDR in 100 Lyren. Illustrationen von Lutz Heyler. Ventil Verlag, Mainz 1999. 134 Seiten. 18,90 DM.

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