Kultur : Hundertzwanzig Beine auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Jörg Königsdorf

Sie sagen uns gleich, worauf sie hinauswollen: "Schläft ein Lied in allen Dingen" raunt es vielstimmig verhallend durch den Saal, bevor die Show überhaupt angefangen hat. Stimmt: Das Lied schläft, gute zweieinhalb Stunden lang. Und das, obwohl in "Wunderbar", der neuen Revue des Friedrichstadtpalastes, tatsächlich alle Dinge gezeigt werden. Nicht nur der im Untertitel "Die 1002. Nacht" angekündigte Märchen-Orient, sondern auch Unter- und Unterwasserwelt, sengende Sand- und sündige Großstadtwüste obendrein. Denn anders als in der wundervoll leichthändigen, spielerisch geschmackssicheren Berlin-Revue, mit der an der Friedrichstraße vor zwei Jahren eine stilistische Palastrevolution gelang, geht es diesmal um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens: Nachdem die Vorgeschichte der märchenhaften 1001 Nächte unter Zuhilfenahme zweier raumfüllender Projektionswände in gut zwanzig Minuten mehr referiert als choreographiert worden ist, schicken die Märchenerzähler der Großrevue (Sascha Iljinskij, Jürgen Nass und Roland Welke) den dank Scheherazades Gesprächstherapie geheilten Sultan auf postfaustische Zeit- und Zonenreise. "Was wird denn bleiben, nachdem wir gelebt", singt der irrende Herrscher, während er die Höhen und Tiefen der Revuewelt durchmisst. Die Frage geht in Ordnung, nur würde man die Antwort nicht gerade in diesem Vergnügungs-Beinhaus erwarten. Gerade der verzweifelte Anspruch, mehr bieten zu wollen als gute Unterhaltung, lastet lähmend auf den Tänzergliedern.

Statt Tempo, Frivolität und Schwung zu bieten, versandet "Wunderbar" zwischen haushohen Plastikelefanten und immerhin stimmungsvollen Projektionen (Ausstattung: Fred Berndt) zusehends in verquaster Lyrik und elegischer Selbstbespiegelung, reihen sich gedämpfte Tanzeinlagen und nicht eben charismatisch gesungener Schicksalshader aneinander. Ein Fehler, den das gleiche Team schon bei der Vorvorgänger-Revue "Elements" beging: Sinn und Gewichtigkeit werden fortwährend unter Berufung auf klassisches Bildungsgut und große Oper beschworen, der Versuch der Umsetzung mündet jedoch ins Ziel- und Beziehungslose. Und in die Langeweile, aus der lediglich die grandiosen, sensibel inszenierten Artistiknummern herausstechen. Die schönste Sinnlosigkeit des Hauses, die berühmte Girl-Riege, lässt sich freilich kaum in solche Konzepte integrieren: Nahezu die gesamte 1002. Nacht über sind die Beinträgerinnen dazu verurteilt, unter malerischem Schellengeklingel bauchtanzende Odalisken zu mimen oder im Halbdunkel zwischen den Welten umherzugespenstern. Zwei Minuten Reihenformation, die ihnen am Ende gestattet werden, wirken da nur noch wie ein Versprechen aus dem Nirwana: Dass ja auch Girls, irgendwann einmal, wiedergeboren werden. Weshalb wir die nächste Produktion erwarten müssen.

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