Kultur : Hunger auf Berlin

Neue Köpfe: Gerd-Harry Lybke

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Warum braucht Berlin das Art Forum?

B. R.: Die Messe gehört zu den wenigen regelmäßigen Events, die internationales Publikum anziehen. Es gibt in Berlin keine spektakulären Großausstellungen wie in London oder New York. Wir haben die unregelmäßig stattfindende Berlin Biennale oder Autopräsentationen in der Neuen Nationalgalerie. Die hiesigen Galerien leben aber von den Sammlern aus ganz Europa und Übersee. Und obwohl natürlich viele Besucher über das Jahr kommen, braucht die Kunstwelt Fixpunkte: Im Februar die Armory Show in New York, im Sommer die Art Basel und im Herbst Berlin und Köln – so funktioniert der Kunstmarkt.

Die Galeristen der Gründergemeinschaft European Galleries haben ihre Anteile an der Messe verkauft. In diesem Jahr berät ein neuer, von Berliner Galeristen dominierter Beirat das Art Forum, um dessen Zusammensetzung es heftige Debatten gab . . .

B. R.: . . . die man nicht überbewerten darf. Mehrere Kunsthändler verhalten sich zusammen wie ein Taubenzüchterverein. Aber mit der Zeit hat sich ein harter Kern herausgebildet, der sich jetzt weiter engagiert.

Geht mit dem Wechsel auch eine Verjüngung der Messe einher?

B. R.: Das Art Forum ist schon jetzt die Messe in Europa, auf der prozentual am meisten junge Kunst gezeigt und umgesetzt wird. Der Unterschied zu den letzten Jahren liegt darin, dass wir mehr Gestaltungsspielraum haben. Das ist insofern wichtig, als die Messegesellschaft als Veranstalter eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt. Für uns ist dagegen die Qualität Hauptkriterium für die Zulassung von Galerien, weniger die Quadratmetermenge, die verkauft wird.

Warum die Betonung auf Europa? Gibt es keine Bewerbungen mehr aus den USA?

B. R.: Es kommen auch Galerien wie Friedrich Petzel oder Greene Naftali aus New York. Aber der amerikanische Markt ist nicht mehr das Maß aller Dinge, wie noch in den 90er Jahren. Inzwischen ist New York immer mehr zu einem rein merkantilen Ort geworden, wo man kaum noch interessante Galerieausstellungen sehen kann. Deshalb haben wir in den Beirat auch Galeristen aus Skandinavien, Osteuropa und Großbritannien eingeladen. Auch wenn es inzwischen acht oder neun bedeutende Kunstmessen für junge Kunst gibt, hat keine Stadt so ein Potenzial wie Berlin – nicht einmal New York.

Trotzdem hört man immer wieder, dass die Galerien in Berlin nicht genügend Umsatz machen.

G.-H. L.: Jede Messe ist ist eine Zitterpartie. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es die Art Cologne seit 35 Jahren gibt und das Art Forum erst seit sieben. Die Art Basel als international führende Messe leistet sich einen hoch dotierten Messemanager, der kann ein ganz anderes Networking betreiben.

Passt denn der traditionelle Standort am Funkturm zu einer so jungen Messe?

G.-H. L.: Tatsächlich gibt es seit Jahren die Diskussion, ob der Messestandort der Kreativität nicht hinderlich ist oder ob wir ohne die Messegesellschaft auskommen könnten. Aber uns ist auch klar geworden: Eine Messe ist eine Messe ist eine Messe. Sie muss gut organisiert werden und funktionieren.

B.R.: Es ist nicht wirklich interessant, Gegenmodelle zu entwickeln. Ansätze wie die Unfair in Köln wurden nach zwei Jahren in die „Art Cologne“ integriert. Natürlich denken wir über Alternativen nach, wie zum Beispiel eine kleine Messe für nur dreißig Aussteller am Alexanderplatz. Aber so ein Konzept muss langfristig erarbeitet werden.

Was sagt die Messegesellschaft zu solchen Vorschlägen?

G.-H. L.: Zumindest gibt es die Bereitschaft, über alles nachzudenken. Ein Minusgeschäft ist die Messe im Moment auf jedem Fall. Und die Zeiten der Hochkonjunktur sind vorbei. Insofern ist es nur logisch, die Teilnehmerzahl weiter zu konzentrieren. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass im letzten Jahr trotz der Nachwirkungen des 11. September sowohl die Besucherzahlen als auch die Umsätze gesteigert werden konnten.

Bis letztes Jahr hat die Berliner Bankgesellschaft das Art Forum unterstützt. Ein Ersatz wurde bisher nicht gefunden. Steht die Messe ohne Hauptsponsor auf sicheren Füßen?

G.-H. L.: Die Messegesellschaft hat für die nächsten drei Jahre die Termine festgelegt. Ohne Hauptsponsor muss an Extras gespart werden, wie an Einladungen an Sammler von außerhalb. Inzwischen kommen sie aber auch auf eigene Kosten. Es gibt einfach einen Hunger auf Berlin.

Das Gespräch führten Katrin Wittneven und Ulrich Clewing.

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